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Nro. 7.

Kunst-Blatt.

Christian Friedrich Müller,

4 den 3. May 18x6.

In der Nacht zwischen dem 3tett und 4ten Map starb
Christian Friedrich Müller, Professor bep der Aka-
demie der Künste in Dresden seit 1814, in der vollesten
Blüthe seines Lebens und seiner Kunst, auf dem Sonnen-
stein bep Pirna, — wohin er einige Wochen früher aus Dres-
den zu Schiffe auf der Elbe gebracht worden war, um dort die
verständigste und gewissenhafteste Besorgung und Pflege
des berühmten psychischen Arztes, Dr. Bienitz, zu genießen,
— beweint von Allen, die seine edleHerzensgüte und sein sel-
tenes Zartgefühl genauer kennen zu lernen Gelegenheit hat-
ten, beklagt von Kennern und Kunstfreunden in und außer
Deutschland, da mit ihm ein neu aufstralender Glanz deut-
scher Kupferstecherkunst so schnell zur Grabesnacht zurück-
sank. Ein unbeschreiblicher Schmerz bemächtigt sich unser,
wenn wir blos uns beratheud ermessen, was hier so un-
wiederbringlich, so ohne Rettung in der Fülle der Kunst und
Kraft unterging. Es werden Andere, die den Beruf dazu
in sich fühlen, seine kurze, aber wirksame und, wenn seltene
Kunstleistungen Thaten genannt werden können, thaten-
volle Laufbahn nach Gebühr würdigen. Es ist ja die ein-
zige Grabsthrift, die Gefühl und Pflicht dem Frühvollende-
ten zu setzen vermögen. Hier nur so viel. Als zärtlich ge-
liebter Sohn des berühmten Professors und Ritters Io-
hann Gotthard v. Müller in Stuttgart, war die Kunst
gleichsam von der Wiege an sein drevfaches Erbtheil durch
angestammtes Talent, durch meisterhaften Unterricht und
durch erweckendes Bepspiel. Er wurde ganz von seinem
trefflichen Vater zur väterlichen Kunst gebildet; von dem
verstorbenen Scheffauer erhielt er Unterricht in der pla-
stischen Zeichnungskunst. Und dadurch erhob er sich eben
über die gewöhnlichere Mechanik des Kupferstichs, daß er,
selbst ein vollendeter Zeichner und mit geübtem Kunstblick
begabter Veurtheiler der Mahlerkunst in ihrem ganzen Um-
fange, sein Uebersetzergeschäft — denn diesem ist alle Kupfer-
stecherey zu vergleichen — mit der gründlichsten Einsicht in alle
Theile der Zeichnungskunst und mit der Theorie und Praktik
eines Kenners in der Mahlerey verband. Ein mehrjähriger
Aufenthalt in Paris brachte seine frühentwickelte Kunstfertig-
keit zur Reife. Sein Johann es wurde bald als ein wür-
diges Seitenstück zu dem, was neben seinem Vater die er-
sten Meister in Florenz, Mailand und Paris geleistet hat-
ten , betrachtet. Zwei) Porträts aus verschiedener Zeit, das
des allverehrten Kronprinzen von Württemberg und das ihm
unter annehmlichen Bedingungen fast aufgedrungene Porträt

des damaligen Königs von Westphalen, das leider nie in
denKunfrhandel gekommen ist, begrenzen gleichsam wie zwey
Marksteine im Porträtstich seine Kunst.

Seit 8 Jahren beschäftigte ihn fast ausschließlich ein ihm
von dem unternehmenden Kunsthändler Rittner in Dres-
den aufgetragener Kupferstich der preiswürdigen und doch
nie genug gepriesenen Ra fa e l'schen Madonna in der
Königl. Gemähldegallerie zu Dresden. Er hatte dabey mit
unbeschreiblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die theils in
der erhabenen Göttlichkeit des durch die Zeit selbst noch mehr
vergeistigten Urbildes, das würdig darzustellen einen Licht-
stral aus .Rafaels eigenen Verklarung zu fordern schien,
theils in der ihm vorliegenden Zeichnung lagen. Er un-
ternahm daher auch in der Mitte seiner Arbeit eine zwepte
Reise nach Dresden, die man wohl eine fromme Pilgerfahrt
zum Gnadenbild der Gebenedeiten nennen mag, und ge-
wann dadurch viel bep eigener Anschauung. Wahrscheinlich
wirkte die unsägliche Liebe zu diesem Bilde auch viel zum
Entschluß, in Dresden selbst die ihm vom damaligen provi-
sorischen Gouvernement ehrenvoll angetragene Professor-
stelle der Kupferstecherkunst bep der Dresdner Kunstakademie
anzunehmen, und hier war nun die Vollendung dieser seltnen
Kupferplacte sein einziger Tag-und Nacht-Gedanke und das
Ziel einer Anstrengung, der sein zartorganisirter Körper
schon früher zu unterliegen drohte. Der König von Sach-
sen war indeß unter dem gerechten Jubel seines treuen
Volks zurückgekehrt und was indeß verändert und angeord-
net worden war, musste natürlich einer neuen Prüfung und
Genehmigung unterliegen. Auch die Kunstakademie er-
hielt einen neuen Chef, den Hofmarschall Grafen von Vitz-
thum, und empfing von der obersten Behörde mancher-
ley Modisicationen, die zum Theil durch die Ansprüche frst-
herer Mitglieder derselben unterstützt wurden. Müller,
dessen Charakter und Meisterschaft in der Kunst auch in
Dresden Alle, die nicht etwa vom Midas abstamm-
ten ohne Ausnahme die vollste Gerechtigkeit widerfahren
liessen, und der mit Sicherheit darauf rechnen konnte, sei-
ne unbestrittenen Verdienste bald vollkommen gewürdigt
und belohnt zu sehen, fand sich durch einige fürs Erste noth-
wendig gewordene Beschränkungen tiefer berührt, als er bep
einer ungeschwächten Gesundheit und ungetrübten Seelen-
stimmung wohl sonst davon berührt worden wäre. Wenige
Tage, nachdem er, der sich nie genug that und mit großher-
ziger Verleugnung alles Eigennutzes seine Arbeit lieber noch
| verlängert hätte, die ganz vollendete Platte in die Hände
^ des zur Abreise nach Paris fertigen Unternehmers gelegt
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