Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
32

Kunst-Akademie vortheilhast anstellen wollte, das sich aber
Goez verbat. Auch sing er zu München den Versuch
einer zahlreichen Folge leidenschaftlicher Ent-
würfe für Kunst- und Schauspiel-Freunde nach
der Ballade: Lenardo und Vlandine an, die nachher seinen
Namen als vortrefflichen Charakterzeichner in ganz Deutsch-
land bekannt machten, und worüber ihm Meusel und Ni-
colai ein so großes Lob ertheileu.

Die Veranlassung zu diesen Charakter-Darstellungen war
folgende: Frepherr von Goez machte aus dieser Bür-
ger scheu Ballade ein Melodram, welches komponirt und
auf dem Theater zu München aufgeführt ivurde. Der
Künstler betrachtete nachher diesen Gegenstand in Hinsicht
auf den Ausdruck leidenschaftlicher Bewegungen, und ent-
warf über dieses Melodram 160 Zeichnungen von dem Aus-
druck und der Stellung, wie er solche sich nach der Fort-
schreitung der Leidenschaft bey jeder merkwürdigen Stelle
dachte. Er radirte selbst diese iüo Blätter, begleitete sie
mit einer lehrreichen Erklärung jeder Vorstellung, und gab
sie im Jahr 1784 heraus. Diese Blatter sind nicht so be-
kannt geworden, als sie es verdient hatten. Sie können zu
sehr interessanten Untersuchungen über Mimik Gelegenheit
geben. Die Blatter des Freyherrn von Goez sind voll
Geist, und zeigen, so wie die bepgefügte Erklärung, daß er
über den Ausdruck der Leidenschaften viel nachgedacht hat.
Sehr wenige Künstler betreten diesen Weg.

Au München mahlte er viele vortreffliche Bildnisse, z. V.
den Churfürsten Carl Theodor, für welches wohlgera-
thene Vildniß er von der Münchner Akademie eine goldene
Denkmünze erhielt, den berühmten Schauspieler Schröder
in ganzer Figur und in der Stellung, wie er den Monolog:
,,To be or not to be“ sagt, u. a. m. Auch fing er daselbst
ein großes Gemahlde in Oel an, welches die Scene im
Hamlet vorstellt, wo die Königinn stirbt. Dieses Gemahlde
ist im Gothaischen Hofkalender vom Jahre 1782 beschrieben;
es ist eine sehr reiche Komposition; die Figuren sind etwas in
Bewegung, das Ganze ist mit vieler Weisheit vertheilt,
und das Gemahlde zeigt einen Künstler von guten Talenten
in Komposition und im Ausdruck.

In den Jahren 1783 und 1784 gab Freyherr v. Goez

unter dem Titel: Exercices d’imagination de dif-
ferens caracteres et form es humaines eine An-
zahl von ihm selbst gezeichneter Blatter in 4. heraus. In
den meisten dieser Blatter ist ein trefflicher Blick in die le-
bende Natur, besonders, so wie man sie in Bayern sieht,
und einzelne ganz herrliche charakteristische Züge, zu welchen
letztern er ohnehin ein entschiedenes Talent hatte; daher auch
schon Nicolai im Jahr rfsi sagt: daß Frepherr von
Goez bey mannichfaltigerm Studium der lebenden Natur,
und bey wahrer Auswahl dereinst ein deutscher Ho-
garth werden könne, da er eine unerschöpfliche Laune in

komischen Ideen, und einen überaus richtigen Blick in Beob-
achtung des Characteristifchen besitze. Hatte ein freundlicherer
Genius ihm auf der Bahn seines Lebens zur Seite gestan-
den, hatte er nicht mit so manchen Prüfungen kämpfen
müssen, er wäre es auch gewiß geworden.

Nach einem Aufenthalte von dritthalb Jahren zu Mün-
chen ging Goez jetzt auf einige Zeit nach Augsburg, um
die daselbst befindlichen Kunstgegenstände zu sehen, und von
dieser Stadt aus die Reise nach Frankreich anzutreten. Es
fügte sich nun, daß gerade zu dieser Zeit auch der, durch seine
Tugenden so verehrungs-verthe, Papst Pius vi. nach Augs-
burg kam, und dort einige Zeit verweilte. Freyherr von
Goez fand Gelegenheit, als der Papst die Stadtbibliothek
besuchte, sein Bild nach dem Leben, zu zeichnen. Da es
trefflich gelungen war, und von allen Seiten Kopien verlangt
wurden, so entschloß er sich, dieses Bild in Kupfer zu ätzen.
Es fand einen reichlichen Absatz. Hr. Hofrath Meusel
rühmte es auch öffentlich durch die Erlanger Zeitung, gegen
welches Lob jedoch der Freyherr von Goez in der Augs-
burger Zeitung bescheiden protestirte.

Mehrere Aufforderungen seiner Freunde zu München be-
stimmten ihn, von Augsbnrg wieder dahin zurück zu kehren.
Er erhielt daselbst im Jahr 1737 den unerwarteten Ruf, auf
Kosten der russischen Kaiserin eine Reife um die Welt als
Zeichner in Gesellschaft des Hofraths Förster mitzumachen,
welche Reife aber nachher wegen dem ausgebrochenen Tür-
kenkrieg nicht zu Stande kam.

So verlebte unser Freyherr von Goez noch eine ge-
raume Zeit unter artistischen Studien ruhig zu München,
und war von Allen, die ihn naher kannten, geehrt und ge-
schätzt, als auf einmal eine finstere Wolke am Horizonte sei-
nes Lebens aufzog, die nachher die Quelle jahrelanger Lei-
den und Prüfungen für ihn geworden ist, und die um so
tiefer auf sein argloses Gemüth wirkte, da er sich von den
Menschen, selbst oft sogar von seinen besten Freunden, ver-
kannt glaubte.

Unser Goez hatte sich schon zu Wien in den Frevmau-
rer-Verein anfnehmen lassen. Mag es seyn, daß er da-
durch in Bekanntschaft mit vielen Gliedern des damals in
Bayern verbreiteten Jlluminaten - Ordens geriet!),
oder daß er mit einem Jlluminaten, der seinen Namen
führte, aber zu dieser Zeit als Künstler zu Wien lebte, un-
glücklicherweise verwechselt wurde, genug: er erhielt bey der
damals in Bayern eingetretenen Jlluminaten-Verfolgung am
4. Januar 1791 unvermuthet von der Regierung den Be-
fehls binnen dreymal 24 Stunden die Residenzstadt München
zu verlassen.

Im Bewusstseyn seiner Unschuld gehorchte Freyherr von
Goez nach einer eingereichten kurzen Vertheidigungsschrift
sofort dem höchsten Befehle, und ging nach Rcgensburg, wo
er zur Beruhigung seiner Freunde die unter den Quellen
angeführte Schrift herausgab, und darin mit seltener Unbe-
fangenheit und Ruhe sein Schicksal erzählt. Die Folge der
Bekanntmachung dieser Schrift war: daß man ihn unter
der Hand einlud, wieder nach München zurück zu kehren.
Frepherr v. Goez lehnte aber jetzt diesen Antrag ab.

(Der Beschluß folgt.)
Index
There is no information available here for this page.

Temporarily hide column
 
Annotationen