Nro. ii
Kunst-Blatt.
Beschreibung der griechischen Marmor in Lord El-
gius Sammlung.
(Fortsetzung.)
Der äußere Fries an der Cella des Tempels.
Die reichlichste Ausstattung, womit Plndias das Par-
thenon von außen geziert hat, ist unstreitig der ununterbro-
chen und rings um das Gebäude fortlaufende Fries, mit er-
habnen Figuren, wie man ihn innerhalb der Vorhallen un-
mittelbar unter der Decke fah. Da derfelbe nur durch Zwi-
schenlichter und Wiederfcheine beleuchtet werden konnte, so
war die Aufgabe sehr schwierig; sie wurde aber auf eine Art
gelöst, die dem Verstand des Meisters die größte Ehre
macht. Er hielt die Bilder sehr flach am Grund, und theilte
sie doch noch in zwey Plane, und zwar so, daß kein stark vor-
springender Theil die andern versteckte, sondern vielmehr alle
gesehen werden, und sich doch bestimmt von einander abhe-
ben. Zum Gegenstand dieser Verzierungen wurde der feyerliche
Aufzug gewählt, der alle 42ahr am Fest der großen Panathe-
naen zu diesem Tempel ging; und da in einem solchen Zug
Personen von jedem Geschlecht und Alter, Opferthiere und
Reiter gesehen wurden, so bot sich dem Geist eines Phi-
dias mit der Abwechslung auch die schönste Gelegenheit dar,
seine Einsicht und Tiefe zu entwickeln. Die Anordnung zeigt
Mts, daß die Procession nur durch das Gebäude getrennt ist,
und von beyden Seiten zugleich fortschreitet, so daß sie in
der Mitte auf der östlichen Seite über dem Haupteingang
wieder zusammentrifft. Die Elginsche Sammlung besitzt
folgende Steine von diesem Fries.
(Der Fries gegen Morgen.)
i) u. r) in der Mitte. Hier ist die Ankunft des Zugs
bey dem Tempel. Gegen der Linken sieht man eine Prieste-
rinn, vielleicht die Oberpriesterinn der Minerva, wie sie eben
von 2 Canephoren, aus den Töchtern der edelsten Geschlech-
ter, welche die bedeckten heiligen Körbe auf dem Kopfe tru-
gen, die Opfer-Gerathschaften empfangen will. Eine dieser
Canephoren hält eine Fackel in der Hand, die andre eine auf-
gefaltete Rolle, ans der ein Hymnus, zur Ehre der Göttinn
geschrieben und wahrend des Aufzugs gesungen, anzuneh-
men ist. Neben der Priesterinn, gegen die Rechte des Zu-
schauers, steht ein Mann in weitem Gewände, jvermuthlich
der Archont, der die Oberaufsicht über die heiligen Gebräuche
hatte, und empfangt aus den Händen eines Jünglings ein
viereckt-zusammengelegtes Tuch, dessen zahlreiche Falten wie
Blätter eines Buches übereinander liegen. Dieses ist ohne
Zweifel das Peplum oder der neue Vorhang, der alle 4Jahre
an den Panathenäen in den Tempel gebracht wurde, um an
die Stelle des alten vor dem Bildniß der Göttinn aufge-
hangen zu werden. *) Rechts und links der eben beschrie-
nen 2 Gruppen sind je 5 Stühle, im Ganzen 12, ans welchen
Gottheiten und vergötterte Helden sitzen, die sich durch höhere
Statur vor allen andern Figuren auszeichnen, das Gleichge-
wicht in der Vorstellung aber nicht stören, weil sie als sitzende
nicht vorragen. Neben den Canephoren steht ein reichver-
zierter Stuhl oder Thron, und der Znnhaber desselben ist ohne
Zweifel Jupiter. Zunächst bey diesem sitzt eine Göttinn, die
auf ihrem Haarputz einen Schleper zurecht legt. Sie ist als
*) Dieses Peplum, das in andrer Beziehung auch ein Ge-
wand bedeutet, war von einem feinen und leichten Stoff,
und mit Stickereyen geziert, welche die Thaten der Mi-
nerva, und der größten Helden vorsiellten. Sein Um-
fang muß sehr beträchtlich gewesen seyn, da eö als Vor-
hang vor dem Bilde der Göttinn diente, und dieses Bild
oder das eigentliche Heiligthum, welches den Tempel be-
wohnte, nach einem erstaunlich großen Maßstab bearbei-
beitet war. Wir müssen hier die Beschreibung dieser
Minerva, die zu den vorzüglichsten Arbeiten des Phi-
dias gehörte, nachholcn; die ganze Höhe derselben be-
trug an 42 Fuß rheinischen Maßes. Die Statue war
von Elfenbein (oder eigentlich von Holz mit Elfenbein
überzogen) und die Verzierungen von dem reinsten Gol-
de. Sie stand aufrecht, in der einen Hand die Lanze
haltend, auf der andern eine Viktoria, die nahe an 6 Fuß
rheinisch hoch war. (Nach Andrer Meinung stand die
Viktoria neben der Göttinn, wozu man sich wahrscheinlich
durch die an sich bedeutende Größe verleiten ließ: solche
verschwindet aber gegen die Höhe der Hauptfigur, und
würde neben dieser kleinlicht geworden seyn. Das Ver-
hältnis von beyden ist so, daß die Viktoria wohl Raum
auf der Hand der Göttinn hatte.) Auf dem Helm der
Minerva ruhte eine Sphynx, auf der Seite war er mit
Greifen geziert. Sie war mit einem langen Gewand be-
kleidet, und trug auf der Brust die Aegide. Neben der
Göttinn ruhte ihr großer Schild, der an der äußern
Seite die Schlacht mit den Amazonen, und auf der in-
nern den Kampf der Götter mit den Giganten vvrstellte-
An der Beinbekleidung der Göttinn war der Streit der
Centauren mit den Lapithen angebracht, und das Fnßge-
stell prangte noch mit herrlichen Basreliefs. Neben der
Lanze sähe man eine große Schlange oder einen Dra-
chen, den mau für die Schlange des Er ech th on i us hält.
Die Augapfel der Göttinn waren von kostbaren Stei-
nen. Der Werth des Goldes an den Zierathen, näm-
lich dem Helm, der Aegide, den Bändern u. s. w. so
wie an den Flügeln der Viktoria, betrug 42 Gold-Ta-
lente oder fast ii Millionen Gulden rheinisch. Alles
Gold war künstlich aufgelegt, so daß es weggcnommen
werden konnte; was in der Folge den Künstler rmd sei-
nen Protektor Pericles gegen eine gefährliche Anklage
wegen Veruntreuung rettete.
Kunst-Blatt.
Beschreibung der griechischen Marmor in Lord El-
gius Sammlung.
(Fortsetzung.)
Der äußere Fries an der Cella des Tempels.
Die reichlichste Ausstattung, womit Plndias das Par-
thenon von außen geziert hat, ist unstreitig der ununterbro-
chen und rings um das Gebäude fortlaufende Fries, mit er-
habnen Figuren, wie man ihn innerhalb der Vorhallen un-
mittelbar unter der Decke fah. Da derfelbe nur durch Zwi-
schenlichter und Wiederfcheine beleuchtet werden konnte, so
war die Aufgabe sehr schwierig; sie wurde aber auf eine Art
gelöst, die dem Verstand des Meisters die größte Ehre
macht. Er hielt die Bilder sehr flach am Grund, und theilte
sie doch noch in zwey Plane, und zwar so, daß kein stark vor-
springender Theil die andern versteckte, sondern vielmehr alle
gesehen werden, und sich doch bestimmt von einander abhe-
ben. Zum Gegenstand dieser Verzierungen wurde der feyerliche
Aufzug gewählt, der alle 42ahr am Fest der großen Panathe-
naen zu diesem Tempel ging; und da in einem solchen Zug
Personen von jedem Geschlecht und Alter, Opferthiere und
Reiter gesehen wurden, so bot sich dem Geist eines Phi-
dias mit der Abwechslung auch die schönste Gelegenheit dar,
seine Einsicht und Tiefe zu entwickeln. Die Anordnung zeigt
Mts, daß die Procession nur durch das Gebäude getrennt ist,
und von beyden Seiten zugleich fortschreitet, so daß sie in
der Mitte auf der östlichen Seite über dem Haupteingang
wieder zusammentrifft. Die Elginsche Sammlung besitzt
folgende Steine von diesem Fries.
(Der Fries gegen Morgen.)
i) u. r) in der Mitte. Hier ist die Ankunft des Zugs
bey dem Tempel. Gegen der Linken sieht man eine Prieste-
rinn, vielleicht die Oberpriesterinn der Minerva, wie sie eben
von 2 Canephoren, aus den Töchtern der edelsten Geschlech-
ter, welche die bedeckten heiligen Körbe auf dem Kopfe tru-
gen, die Opfer-Gerathschaften empfangen will. Eine dieser
Canephoren hält eine Fackel in der Hand, die andre eine auf-
gefaltete Rolle, ans der ein Hymnus, zur Ehre der Göttinn
geschrieben und wahrend des Aufzugs gesungen, anzuneh-
men ist. Neben der Priesterinn, gegen die Rechte des Zu-
schauers, steht ein Mann in weitem Gewände, jvermuthlich
der Archont, der die Oberaufsicht über die heiligen Gebräuche
hatte, und empfangt aus den Händen eines Jünglings ein
viereckt-zusammengelegtes Tuch, dessen zahlreiche Falten wie
Blätter eines Buches übereinander liegen. Dieses ist ohne
Zweifel das Peplum oder der neue Vorhang, der alle 4Jahre
an den Panathenäen in den Tempel gebracht wurde, um an
die Stelle des alten vor dem Bildniß der Göttinn aufge-
hangen zu werden. *) Rechts und links der eben beschrie-
nen 2 Gruppen sind je 5 Stühle, im Ganzen 12, ans welchen
Gottheiten und vergötterte Helden sitzen, die sich durch höhere
Statur vor allen andern Figuren auszeichnen, das Gleichge-
wicht in der Vorstellung aber nicht stören, weil sie als sitzende
nicht vorragen. Neben den Canephoren steht ein reichver-
zierter Stuhl oder Thron, und der Znnhaber desselben ist ohne
Zweifel Jupiter. Zunächst bey diesem sitzt eine Göttinn, die
auf ihrem Haarputz einen Schleper zurecht legt. Sie ist als
*) Dieses Peplum, das in andrer Beziehung auch ein Ge-
wand bedeutet, war von einem feinen und leichten Stoff,
und mit Stickereyen geziert, welche die Thaten der Mi-
nerva, und der größten Helden vorsiellten. Sein Um-
fang muß sehr beträchtlich gewesen seyn, da eö als Vor-
hang vor dem Bilde der Göttinn diente, und dieses Bild
oder das eigentliche Heiligthum, welches den Tempel be-
wohnte, nach einem erstaunlich großen Maßstab bearbei-
beitet war. Wir müssen hier die Beschreibung dieser
Minerva, die zu den vorzüglichsten Arbeiten des Phi-
dias gehörte, nachholcn; die ganze Höhe derselben be-
trug an 42 Fuß rheinischen Maßes. Die Statue war
von Elfenbein (oder eigentlich von Holz mit Elfenbein
überzogen) und die Verzierungen von dem reinsten Gol-
de. Sie stand aufrecht, in der einen Hand die Lanze
haltend, auf der andern eine Viktoria, die nahe an 6 Fuß
rheinisch hoch war. (Nach Andrer Meinung stand die
Viktoria neben der Göttinn, wozu man sich wahrscheinlich
durch die an sich bedeutende Größe verleiten ließ: solche
verschwindet aber gegen die Höhe der Hauptfigur, und
würde neben dieser kleinlicht geworden seyn. Das Ver-
hältnis von beyden ist so, daß die Viktoria wohl Raum
auf der Hand der Göttinn hatte.) Auf dem Helm der
Minerva ruhte eine Sphynx, auf der Seite war er mit
Greifen geziert. Sie war mit einem langen Gewand be-
kleidet, und trug auf der Brust die Aegide. Neben der
Göttinn ruhte ihr großer Schild, der an der äußern
Seite die Schlacht mit den Amazonen, und auf der in-
nern den Kampf der Götter mit den Giganten vvrstellte-
An der Beinbekleidung der Göttinn war der Streit der
Centauren mit den Lapithen angebracht, und das Fnßge-
stell prangte noch mit herrlichen Basreliefs. Neben der
Lanze sähe man eine große Schlange oder einen Dra-
chen, den mau für die Schlange des Er ech th on i us hält.
Die Augapfel der Göttinn waren von kostbaren Stei-
nen. Der Werth des Goldes an den Zierathen, näm-
lich dem Helm, der Aegide, den Bändern u. s. w. so
wie an den Flügeln der Viktoria, betrug 42 Gold-Ta-
lente oder fast ii Millionen Gulden rheinisch. Alles
Gold war künstlich aufgelegt, so daß es weggcnommen
werden konnte; was in der Folge den Künstler rmd sei-
nen Protektor Pericles gegen eine gefährliche Anklage
wegen Veruntreuung rettete.



