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Nro. 12

K u n st - B l a t t.

Beschreibung der griechischen Marmor in Lord El-
gins Sammlung.

(Beschluß.)

Die Metopen an dem Parthenon.

So wie der Einbau des Tempels durch einen Fries mit
fortlaufenden Basreliefs verherrlicht war, so prangte auch
der Fries des Gesimses von außen mit einer gleichkommen-
den Verzierung, und zwar in den Metopen oder denjenigen
vertieften Raumen, welche bey der dorischen Ordnung zwi-
schen den Triglypheu übrig bleiben. Auf diese Art entstan-
den zwey und neunzig viereckte einzelne Basreliefs, etwas
mehr als 4 Fuß doch, die ihrer Bedeutung nach zusammen-
hangen, wovon aber jedes eine für sich bestehende Gruppe
vorstellt. Der gemeinschaftliche Gegenstand war der Kampf
der Griechen unter Thesens mit den Centauren, der sich
auf der Hochzeit des Lapithen-Königs, Pirithous,-ent-
spann, und mit dem Untergang des fabelhaften Geschlechts
endigte. Da die Griechen auf die alte Sagen von der Ta-
pferkeit ihrer Voreltern sehr stolz waren, so benutzten ihre
spatern Künstler diesen Stoff auf mehreren Denkmahlen, be-
sonders auch hier, um der Eigenliebe des Volks zu schmei-
cheln. Daß aber nicht der letzte Sieg, sondern noch das Rin-
gen nach demselben gemeint war, sieht man daraus, daß der
Künstler hier und da auch die Centauren obsiegen lasst. Auf
einzelnen Tafeln ist der Anlaß zu diesem Krieg, nämlich die
Ausschweifungen der Centauren, welche sie als Hochzeitgäste
des Piritho us begiengen, angedeutet, wie z. B. in gewalt-
samen Entführungen u. s. w. Die Behandlung dieser Basre-
liefs ist gegen die an dem innern Fries sehr verschieden, und
wieder ganz richtig nach dem Platz und der Beleuchtung be-
rechnet. Hier ist die Arbeit sehr erhaben, und zuweilen ste-
hen die Figuren so weit vor, daß sie beynahe ganz rund wer-
den, und nur noch an einzelnen Punkten mit dem Grunde Zu-
sammenhängen. Der Werth der Ausführung ist übrigens nicht
durchaus so von gleichem Gehalt, wie an dem innern Fries;
offenbar haben mehrere Künstler von ungleichen Talenten
mitgearbeitet, wenn gleich die Erfindung und Anordnung
untadelhafr ist, und die geistreiche Abwechslung den großen
Meister verrath.

Von diesen Basreliefs sind i5 Stücke in der El-
gin'fchen Sammlung, die uns Visconti nicht näher be-
schreibt.

Bruchstücke von andern Bauwerken der
Acropolis.

DieCarvatide vondemTempel der Pandrofos.*)
Von den bekannten und berühmten Carpatiden des Pan-
drosion hat Lord Elgin auch ein gut erhaltenes Exemplar
mitgebracht, an welchem nichts fehlt, als die vordern Arme.

*) Die Benennung des Tempels der Pandrofos oder Pan-
drosa ist an sich noch zweifelhaft. Hier ist der kleine An-
bau an dem altern Tempel der Minerva Polias, und
zwar auf der Seite gegen dem Parthenon zu, verstanden,
welcher der Sage nach den Play bedeckte, auf dem der
Oelbaum der Minerva gestanden hatte. Dieser archi-
tektonisch-schöne Ueberbau wurde von 6 weiblichen Figu-
ren getragen, wovon längst eine fehlt, und nun wieder
eine nach England gewandert ist. Ebenderselbe Tempel
aber, an den stch das Pandrosion lehnt, hat auf der an-
dern Seite noch einen mehr tempelförmigen Anbau. Zu-
weilen belegt man diesen Zusammenhang von z Bauwer-
ken mit dem Namen Erechtheon; Andre nehmen be-
stimmt den Hauptbau für den Tempel der Minerva Po-
lias, den größern Nebenbau für den des Neptunus -
Erechtheus, und den kleinen für ein Monument zur Ehre
der Pandrosa an. Den Anfang der seltsamen Gewohn-
heit, menschliche Figuren statt der Pfeiler oder Säulen
zur Unterstützung anzuwendcn, setzt Vitruv in die Zeit,
wo die Griechen über die Perser siegten, und sich zugleich
an der Untreue ihrer Bundsgeuoffen, durch Abführung
in die Sklaverey, rächten. Um diese Zeit nämlich sollen
zuerst Abbildungen gefangener Perser und solcher Skla-
ven, zum Zeichen ihrer Dienstbarkeit, als lasttragende
Unterlagen erschienen feyn; und da sich Carias in La-
conicn in demselben Fall befand, so wird die allgemein
gewordene Benennung Carpatiden von carpschen
Weibern hergelcitet, weil vielleicht solche Figuren an ei-
nem damals bekannten Denkmahl aufgestellt wurden.
Unser Lefsing bestreitet aber diese Ableitung, und
Visconti scheint ihm einigermaßen Beyfall zu geben.
Wenigstens ist es klar, daß an den Carpatiden des athe-
niensischen Monuments keine Spur einer entehrenden
Bezeichnung vorhanden ist; vielmehr stellen diese nichts
Geringeres als atheniensifche Frauenzimmer von den
edelsten Familien vor, die bey den großen Festen die Ehre
hatten, als Canophoren zu erscheinen, deren Körbe hier
einen Theil des Eapitals ausmachen. Zu Carpä wurde
ein heiliges Bild der Diana unter frepem Himmel ver-
ehrt, deren Fest die lacedämonischen Jungfrauen alljähr-
lich oegiengen. Wäre es nicht evcn so möglich, daß bey
einem Akt dieses Festes sich eine Anzahl von Mädchen
um das Bild der Görlinn herumstellten, und eine leichte
Bedeckung über dasselbe hielten; daß aus dieser Ge-
wohnheit endlich eine feste Bedeckung entstanden ist,
und die Mädchen als Symbole benutzt wurccn? So
lieffe sich wenigstens der Name und die Bestimmung der
Carpatiden eben so leicht und schöner erklären.
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