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Nro. l6.

Kunst-Blatt.

Die Doppelköpfe oder der Janus.

Man hat Verier-Dosen und Verier - Beutel. Jede
Kunst und Wissenschaft hat dergleichen, wiewohl oft damit
erstamtlich vornehm gethan wird. Auch die in Bildwerken
sich zeigende Alterthumskunde hat Rathselfiguren, die, wenn
man die verborgene Springfeder nicht recht zu drücken ver-
steht, immer uneröffnet und unenträthselt bleiben. Dahin
mag denn auch mir allem Recht der berühmte Doppelkopf
auf alten Münzen und Bildwerken, der zweyköpfi'ge Janus,
gezählt werden. Das sieht man ihm auf den ersten
Blick an, daß er nicht in's griechische Götter-System ge-
hört, und daß jener Jupiter Tragödus, in einer der witzig-
sten Dichtungen Lucia ns auch diese Monstrosität mit aus
dem Olymp werfen müsse. In einer römischen Carnevals-
Maskerade mag er sein Wesen treiben. *) Aber seine ge-
schmacklose Zwitter-Gestalt kann nur aus Asien stammen, wo
Symbol Alles, reine Idealität der Menschenfigur eine Thor-
heit ist. Rafael mag ihm in der Farnesina unter dem Göt-
terpöbel im Hintergründe ein Plätzchen vergönnt haben. Wir
wollen wenigstens die alte Homer'sche Frage an ihn erge-
hen lassen:

Wer und woher der Männer? wo hausest du? wer der
Erzeuger?

Es ist natürlich, daß die De» Jana, oder gewöhnlicher
ausgesprochen, Diana, auch ihren Janus zur Seite habe,
und ist diese Diana bey den Römern durchaus nur die ge-
bahrende und Geburt fordernde Mondgöttinn, keineswegs
die dorisch-geschürzte Jägerin»; so kann ihr Bruder und Ge-
sellschafter, Janus (offenbar in der Ableitung verwandt mit
dem äolischen Zan für Zevs) nichts anders seyn, als der Son-
nengott selbst. Was in der phönizifch-samothracischen My-
sterienlehre die zwey großen Kabiren waren, die zwey großen
Lichter am Firmament, wird in engster Verschmelzung und
Vereinigung durch einen männlichen und weiblichen Kopf,
am Hintertheil zusammengewachsen, als eine dynamische
Einheit dargestellt, und erscheint uns als eines der frühesten
Symbole des phönizisch-asiatischen Sabaismus. Auch bei-
den frühesten Bewohnern Italiens siedelte mit phönizischem
Küstenhandel dieß zweygestaltete Dianus- und Diana-Bild.
Nur verlor es bey den anfangs so ungeschlachten und kaum
vom benachbarten Etrurien aus etwas unterrichteten Quirl-
ten in Rom selbst durch Umwandlung des Symbols in einen
bärtigen Doppelkopf svwol Stammbaum als Ausdeutung,
und dem so umgewandelten Gott blieb nur noch das Amt der

"') G o e t h e's römischer Carneval 8. 26. Taf. VII, 3.

Schlüssel für Krieg und Frieden, Thorwege und Thüren,
Jahrbeginn und Jahrsschluß übrig.

Neuere mythologische Deutungen haben sich viel mit den
Kalendergöttern beschäftigt, und diese bis zur Ungebühr ge-
häuft. Die vollgültigste Kalendergottheit ist unsre Zwitter-
gestalt des Janus und der Jana. Hier ist Sonnenjahr, wel-
ches der Sonnengott eröffnet, mit demselben Schlüssel, den
wir als crux ansat», als Macht- und Sonuen-Zeichen, an so
vielen ägyptischen Idolen erblicken, und wodurch ergänz unver
muthet zur Ehre des ältesten Schlüsselhalters und Thorhüters
gekommen ist, mit dem früher bekannten und gebrauchten
Mondenjahr *) und Mondwechsel auf's innigste verbunden
und vermählt. Nicht unbekannt war den Römern die Luna
Jana, **) und wenn wir auch nur die weitläufige Compila-
tion über den Janus im Fragment desIoannesLydus von
den Monaten vergleichen wollen, ***) so lernen wir daraus
die syrische Comasene als Schwester des Janus, und nach
dem ausdrücklichen Zeugnisse des Lutatius den Janus als
Sonne und personiftzirtes Jahr zur Gnüge kennen. Es ist
auffallend, daß mit so deutlichen Fingerzeigen, die durch die
Nachrichten beym M a c r o b i u s noch verstärkt werden können,
man bis auf die neueste Zert, selbst in den geistreichsten und
gelehrtesten Zusammenstellungen, diese Zwittergestalt nur für
ein national-italisches Wesen halten konnte, f) worin
freylich Ovid vorausgegangen war.

Die alte Münzkunde leuchtet uns auch hier mit ihrer
Fackel vor, und bringt Licht in dieß räthselhafte Dunkel. Auf
sehr alten Münzen — denn die neuen können hier nichts
gelten, da sie oft romanisiren — findet sich unbestritten ein
Doppelkopf, den man sonst etwa Janus zu nennen gewohnt
war. Dieß Münzbild hat aber auf diesen griechischen Mün-
zen vom ältesten Styl — sie sind eingeprägt, incusi — die
auffallende Eigenheit, daß ein bartiger männlicher Kopf mit
einem weiblichen zusammengewachsen erscheint. Gleichsam
einheimisch und herkömmlich ist diese Vorstellung auf den
Münzen der Insel Tenedos, der Landschaft Troas gegen-
über. W Die Ausleger haben allen ihren Scharfsinn aufge-

*) S. Hug über den Mythos der alten Welt. 8. 67 ff.
*"■) Schneider zu Varro de R. R. Ir Z7. p. 337. die
dort erwähnte Jana Luna ist ohnstreitlg der Vollmond.
***) de mensihus P. IV. c. 1. 2. p. 55 — 5j. Die einzige
Stelle des Nigidins bey Macrobius 3at. I, 9. hätte
längst die schon von I. Scaliger richtig gegebene Er-
klärung in unsre Mythologien einführen sollen.

L) S. Creuzer's Symbolik II, z5o ff.
i"k) Z. B. bey P ellerin Medailles des villes T. III, iS*
: 4 — 8. Hunter t. 27, 7.
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