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Nro. 19

K u n st - B l a t t.

Lebensgeschichten und Todesanzeigen von be-
rühmten Künstlern.

Unter dieser Aufschrift werden kurzgefaffte Notizen über
. lebende, noch mehr über verstorbene Künstler einen fortge-
setzten Raum in diesem Blatte einnehmen. Auf ihr Zeit-
alter wird dabey gar nicht Rücksicht genommen werden,
denn die Wechselwirkung des Jahrhunderts auf den Men-
schen und des Menschen auf sein Jahrhundert bleibt immer
gleich, wie früh ober spät er gelebt haben mag — und die-
ser Wechselwirkung nachzngehen, scheint uns das Anziehen-
de von Lebensgefchichten zu begründen.

Leonardo da Vinci ward !444 geboren; er war
der natürliche Sohn eines Advokaten der Signoria in
Florenz, und bekam, wie die meisten Mahler jener Zeit,
seinen Zunamen von dem Ort seiner Geburt, einem Dorfe
nahe bep Florenz. Andrea del Verrocchio gab ihm
den ersten Unterricht, dem er aber sehr bald entwuchs.
Vielseitigkeit der Kenntnisse ist die hervorstechende, und bey
Künstlern unsrer Zeit so sehr seltne, Eigenheit dieses Man-
nes. Er trieb Mahlerey, Skulptur, Plastik, Anatomie,
Architektur, Geometrie, Mechanik, Dichtkunst, Tonkunst,
mit Eifer und manche mit ruhmgekröntem Erfolg. Dabey
war er von seltner Schönheit und bewundrungswürdiger
Stärke des Körpers. Mit seinen männlichen Jahren ver-
breitete sich sein Ruhm und 1482 berief ihn der Herzog von
Mailand, Ludwig Maria Sforza, ii in or »genannt,
in seine Dienste. Er wurde zu Mailand Stifter und Aufse-
her einer Zeichnungs-Akademie, welche für die ganze Lom-
bardei sehr vorrheilhaft wirkte. Der Fall des Hauses Sfor-
za veränderte seine Lage, verminderte aber seine Thätigkeit
nicht; er leitete das Wasser der Adda bis nach Mailand,
zog den schiffbaren Kanal von Mortsana nach den Thälern
von Chiavenna und dem Veltelin, durch eine Strecke von
zwephundert Meilen, und mahlte dabey die Meisterstücke,
welche die Nachwelt mit Bewunderung studiert. Das aller-
bekannteste, welches durch Morghens herrlichen Kupfer-
stich und vielfältige Nachahmungen desselben, in den letzten
Jahren bey uns einheimisch ward, ist sein Nachtmahl, von
welchem im Kunstblatt nähere Nachricht gegeben wird.
L e 0 n a r d i's Eigenheit wird bey Gelegenheit dieses Gemähl-
des durch einen Zug bezeichnet, der, auf verschiedene Weise
erzählt, durch die Hindernisse veranlasstseynsoll, die er fand,
um die Züge zu seinem Judas zu sammeln. Bey seiner
Absicht, in das Gesicht dieses Unglücklichen alle Abscheulichkeit
zu legen — was wohl eine gewagte Ansicht ist, da es die

physiognomische Kunde seines Meisters in ein sehr nachtheili-
ges Licht stellt — ward er so lange von der Vollendung die-
ser Gestalt aufgehalten, daß der Prior und die Mönche des
Klosters (St. Maria della Grazia) wo er es mahlte, ihn
belästigend drängten, ihn endlich sogar deßhalb bey dem Her-
zog verklagten; da soll er verdrießlich geäußert haben: er
suche mit dem größten Eifer auf den verworfensten Gesich-
tern Züge auf, seinen Judas zu vollenden ; wenn es ihm
aber auf diese Weise nicht glücke, so würde er den Prior des
Klosters zum Muster nehmen. —

Daß der Judas des berühmten Abendmahls nun wirk-
lich diesen Prior darstelle, hält ein neuerer Schriftsteller für
eine Unmöglichkeit, und beweist dadurch sein humanes Ge-
fühl. Vor einer Reihe Jahren erkannte das ganze römische
Publikum in einem Teufel, den der genialische, aber leider
unvollendete, Geist des Mahlers Müller erfand, einen
damals in Rom lebenden Kardinal; wie mancher,ehrbare
und ehrenwerthe deutsche Zeitgenosse musste sich nicht inCho-
d 0 v i e k y's Duodezkunstwerken zahlreicher Kalender erkennen?
— so ein Konterfei wird bep wirklichem Verdienst sehr un-
schädlich, und wo es wirkliches Karaktergemählde ist, zu ei-
nem Fingerzeig des Schicksals, den der wackre Mensch mit
stillem Ernst, nicht als spaßhafte Karikatur bemerkt. Die
neuste Zeit hat uns auch davon Beyspiele gegeben. Le 0-
nar di rnag nun das Original seines Judas gefunden ha-
ben wo er wolle, so hat ihn doch sein Kunstsinn einen gemei-
nen Spitzbuben aus ihm zu machen verhindert.

Bey Gelegenheit der Ernennung Lev des Zehnten
zum Papste ging Leonardo in Gesellschaft Julians von
M e d i c i s nach Rom. Es scheint aber, daß die Mannigfal-
tigkeit seiner wissenschaftlichen Bestrebungen ihn an Beharr-
lichkeit in der Ausführung großer Werke gestört habe, oder
daß die Gegenwart Mich el A ngelo's, der sich zu der-
selben Zeit auch in Rom aufhielt, eine hinderliche Nebenbuh-,
lerei in ihm anregte — oder störte ihn Raphael, der
schon im Besitz großer Arbeiten für den Vatiean ivar -«
Leonardo entschloß sich, obgleich schon im ein und siebzig-
sten Jahre, Franz desErsten Ruft nach Frankreich zu fol-
gen. Die Beschwerden des Alters verhinderten ihn, hier
viel zu leisten. Alle Werke dieses Meisters, die in Frank-
reich gefunden werden, sind ausItalien dahin geschafft wor-
den (nicht als neuere Eroberung, sondern durch frühere An»
käufe oder Handel). In Clour, in der Nähe von Ambes,
fand ihn der Tod; Franz, der von seiner Krankheit hörte,
kam ihn zu besuchen; der Kranke suchte sich bey seinem Ei»
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