Nro. 20,
i
Kunst-Blatt.
Gemähldesammluug im Pallasi Doria zu Rom.
Von Karl Morgenstern.
Es war kurz vor der Ankunft des Königs Joachim
von Neapel (im Nov. 1309), daß ich die Gemäldesamm-
lung dieses Pallasis sah, der einer der größten und stattlich-
sten unter den Pallästen römischer Großen ist, und bekannt-
lich von der fürstlichen Familie Pamfili durch Erbschaft
an das erlauchte Haus Doria kam. In dem Theil dieses
Pallastes, der nach dem Korso geht, wohnt jetzt der Gene-
ralgouverneur Miollis; in einem andern der Besitzer,
dessen Sohn als Maggiordomo Pius den Siebenten
in sein Eri! nach Savona begleitet hat. Man fing eben an,
den sogenannten Saal Poussin's für ein dem König
zu Ehren zu veranstaltendes Fest einzurichten. Ich bin nach-
her auch hier gewesen, gerade als vom General Miollis
dem Könige ein Konzert gegeben wurde. Aber es war bep
Lichte, und vor den in diesen Sälen und Zimmern sich be-
wegenden Gestalten sah ich natürlich die an den Wänden
nicht. Ich wollte zur öftern Betrachtung wiederkommen:
meine schnelle Abreise verhinderte die Ausführung dieses
Vorsatzes, wie so manches Andere. So kann ich nur an-
merken, was ich bey einmaligem Besuche sah. Doch wer-
den es wenigstens vielmehr Bilder sepn, als Vasi in sei-
nem in den Händen aller Reisenden befindlichen lünei-ario
isti-uttivo di Roma erwähnt, der manche sehr bedeutende
übergangen und manche weniger bedeutende angeführt hat.
Selbst von Ramdohr's erst jetzt von mir verglichenem
Verzeichniß weicht das meinige in vielem ab, sowol in der
Auswahl als in der Schätzung.
Im ersten Zimmer sind fast lauter Gemählde von Wasser-
farbe von Gasparo Poussin, trefflich erhalten wie
Oelgemählde. Außerdem eins von N i k 0 l a s Poussin,
auch in Wasserfarbe; worauf der Tempel der Concordia er-
scheint , ein Stück des Koliseums und im Hintergrund das
Meer. — Es folgt ein Saal nstt Oelgemählden G asp a r's,
der nach ihm gran sala del Pussino benannt wird. Nir-
gends sieht man so viele seiner Werke zusammen. Vorzüg-
lich preist man das, worauf Ponte Lucano auf dem Wege
von Rom nach Tivoli. Die Thiere in mehrern dieser Ge-
mählde sind von Caftig lione, von welchem auch in die-
sem Zimmer, so wie im dritten, ein eignes Gemählde ist.
Auf einem dieser P ou ssinschen Bilder ist der heilige Au-
gustinus vorgestellt, dem ein Engel durch die Unmöglichkeit,
das Meer in eine kleine Schale zu fassen, die Thorheit sei-
nes Wahns, das unergründliche Geheimniß der Dreyeinig-
keit mit menschlichem Verstände zu begreifen, beweist.
Im dritten Zimmer bemerckte ich besonders zwey von
Ramdohr übergangene Bilder: i) den heil. Eustach von
, Albrecht Sur er. Stattlich ist sein lediges Roß. 2) Ei-
ne Madonna vom Lehrer Tizian's, Giovanni B e l l i n i;
innig und tief. — Ferner: eine große, treffliche Land-
schaft in Oel von G a sp a r P 0 u ssi n, die im andern Zim-
mer auch in Wasserfarbe von ihm gemahlt sich findet. —
[ Ein großes See stück von Tempesta. Düster. Aber er
steht wohl neben Vernet. Seine Manier scheint gewisser-
maßen ernster.
Im vierten Zimmer: ein schlafender Endymion von
Guercino, Kniestück. Aber den Endymion desselben Mei-
sters in der Florentiner Gallerie zieh' ich vor.
Daselbst: Bildniß des Maccchiavelli vcnBron-
zino; nach Andern, auch nach der Descrizione ragionata
della Galleria Doria p. 19, V0N Andrea d 0 l Salto.
Es offenbart sich mehr Kraft darin, als in den bekannten
Kupferstichen, denen es übrigens nicht unähnlich ist. Dem
Mund des weisen Florentiners sieht man die feine Bered-
samkeit an.
Hier sind andere interessante Porträts: mehrere von
Tiziano, deren eines das Sekteuhatrpt I ansen, der
sitzend abgebildet ist, vorstellt; und eins von Pordenone.
Ferner: ein lebensgroßes Porträt von Paolo Verone-
se. — Mehrere auch von Rubens und van Dyck. —
Der zartsinnige Kopf eines jungen Mannes von Holbein.
Von ihm auch sein eignes Porträt, im vierzigsten Jahr,
mit langem Bart; auch das seiner Frau. Vor allen aber:
die Juristen B a r to l us und B a l du s, zwey halbe Figu-
ren auf Einem Blatt von Rafael. Gemahlt mit T i z i a n'S
warmen, mit fester Hand geführtem Lebenspinsel. Gestrenge,
rechtskundige, kräftige Herren. Vergleiche auch R a m-
dohr il. S. 134. Dieser sagt am Schluß: „Aber da das
Bild auf Leinwand gemahlt ist, und da V a fa ri nur ein
einziges Gemählde auf Leinwand von diesem Meister, näm-
lich den heiligen Johannes, der jetzt zu Florenz befindlich ist,,
anführt; so wollen Kenner aus diesem Grunde zweifeln, ob
es diesem Meister beyzulegen sey." Dieser Grund wenig-
stens scheint mir so gut als gar keiner. Es möchte doch end-
lich Zeit seyn, in solchen Dingen Vasari nicht für allwis-
send zu halten. Oder ist nicht Ra fael's unmittelbar aus
Piacenza, wo sie jenem bekannt war, nach Dresden gekom-
mene Madonna mit Papst Sirtus u. s. w. auch auf Lein-
wand ? Und kann wohl ein Vernünftiger zweifeln, daß dieß
unsterbliche Werk, dem an idealischer hoher Schönheit der
Madonna keines der neuern Kunst gleich kommt, und das
i
Kunst-Blatt.
Gemähldesammluug im Pallasi Doria zu Rom.
Von Karl Morgenstern.
Es war kurz vor der Ankunft des Königs Joachim
von Neapel (im Nov. 1309), daß ich die Gemäldesamm-
lung dieses Pallasis sah, der einer der größten und stattlich-
sten unter den Pallästen römischer Großen ist, und bekannt-
lich von der fürstlichen Familie Pamfili durch Erbschaft
an das erlauchte Haus Doria kam. In dem Theil dieses
Pallastes, der nach dem Korso geht, wohnt jetzt der Gene-
ralgouverneur Miollis; in einem andern der Besitzer,
dessen Sohn als Maggiordomo Pius den Siebenten
in sein Eri! nach Savona begleitet hat. Man fing eben an,
den sogenannten Saal Poussin's für ein dem König
zu Ehren zu veranstaltendes Fest einzurichten. Ich bin nach-
her auch hier gewesen, gerade als vom General Miollis
dem Könige ein Konzert gegeben wurde. Aber es war bep
Lichte, und vor den in diesen Sälen und Zimmern sich be-
wegenden Gestalten sah ich natürlich die an den Wänden
nicht. Ich wollte zur öftern Betrachtung wiederkommen:
meine schnelle Abreise verhinderte die Ausführung dieses
Vorsatzes, wie so manches Andere. So kann ich nur an-
merken, was ich bey einmaligem Besuche sah. Doch wer-
den es wenigstens vielmehr Bilder sepn, als Vasi in sei-
nem in den Händen aller Reisenden befindlichen lünei-ario
isti-uttivo di Roma erwähnt, der manche sehr bedeutende
übergangen und manche weniger bedeutende angeführt hat.
Selbst von Ramdohr's erst jetzt von mir verglichenem
Verzeichniß weicht das meinige in vielem ab, sowol in der
Auswahl als in der Schätzung.
Im ersten Zimmer sind fast lauter Gemählde von Wasser-
farbe von Gasparo Poussin, trefflich erhalten wie
Oelgemählde. Außerdem eins von N i k 0 l a s Poussin,
auch in Wasserfarbe; worauf der Tempel der Concordia er-
scheint , ein Stück des Koliseums und im Hintergrund das
Meer. — Es folgt ein Saal nstt Oelgemählden G asp a r's,
der nach ihm gran sala del Pussino benannt wird. Nir-
gends sieht man so viele seiner Werke zusammen. Vorzüg-
lich preist man das, worauf Ponte Lucano auf dem Wege
von Rom nach Tivoli. Die Thiere in mehrern dieser Ge-
mählde sind von Caftig lione, von welchem auch in die-
sem Zimmer, so wie im dritten, ein eignes Gemählde ist.
Auf einem dieser P ou ssinschen Bilder ist der heilige Au-
gustinus vorgestellt, dem ein Engel durch die Unmöglichkeit,
das Meer in eine kleine Schale zu fassen, die Thorheit sei-
nes Wahns, das unergründliche Geheimniß der Dreyeinig-
keit mit menschlichem Verstände zu begreifen, beweist.
Im dritten Zimmer bemerckte ich besonders zwey von
Ramdohr übergangene Bilder: i) den heil. Eustach von
, Albrecht Sur er. Stattlich ist sein lediges Roß. 2) Ei-
ne Madonna vom Lehrer Tizian's, Giovanni B e l l i n i;
innig und tief. — Ferner: eine große, treffliche Land-
schaft in Oel von G a sp a r P 0 u ssi n, die im andern Zim-
mer auch in Wasserfarbe von ihm gemahlt sich findet. —
[ Ein großes See stück von Tempesta. Düster. Aber er
steht wohl neben Vernet. Seine Manier scheint gewisser-
maßen ernster.
Im vierten Zimmer: ein schlafender Endymion von
Guercino, Kniestück. Aber den Endymion desselben Mei-
sters in der Florentiner Gallerie zieh' ich vor.
Daselbst: Bildniß des Maccchiavelli vcnBron-
zino; nach Andern, auch nach der Descrizione ragionata
della Galleria Doria p. 19, V0N Andrea d 0 l Salto.
Es offenbart sich mehr Kraft darin, als in den bekannten
Kupferstichen, denen es übrigens nicht unähnlich ist. Dem
Mund des weisen Florentiners sieht man die feine Bered-
samkeit an.
Hier sind andere interessante Porträts: mehrere von
Tiziano, deren eines das Sekteuhatrpt I ansen, der
sitzend abgebildet ist, vorstellt; und eins von Pordenone.
Ferner: ein lebensgroßes Porträt von Paolo Verone-
se. — Mehrere auch von Rubens und van Dyck. —
Der zartsinnige Kopf eines jungen Mannes von Holbein.
Von ihm auch sein eignes Porträt, im vierzigsten Jahr,
mit langem Bart; auch das seiner Frau. Vor allen aber:
die Juristen B a r to l us und B a l du s, zwey halbe Figu-
ren auf Einem Blatt von Rafael. Gemahlt mit T i z i a n'S
warmen, mit fester Hand geführtem Lebenspinsel. Gestrenge,
rechtskundige, kräftige Herren. Vergleiche auch R a m-
dohr il. S. 134. Dieser sagt am Schluß: „Aber da das
Bild auf Leinwand gemahlt ist, und da V a fa ri nur ein
einziges Gemählde auf Leinwand von diesem Meister, näm-
lich den heiligen Johannes, der jetzt zu Florenz befindlich ist,,
anführt; so wollen Kenner aus diesem Grunde zweifeln, ob
es diesem Meister beyzulegen sey." Dieser Grund wenig-
stens scheint mir so gut als gar keiner. Es möchte doch end-
lich Zeit seyn, in solchen Dingen Vasari nicht für allwis-
send zu halten. Oder ist nicht Ra fael's unmittelbar aus
Piacenza, wo sie jenem bekannt war, nach Dresden gekom-
mene Madonna mit Papst Sirtus u. s. w. auch auf Lein-
wand ? Und kann wohl ein Vernünftiger zweifeln, daß dieß
unsterbliche Werk, dem an idealischer hoher Schönheit der
Madonna keines der neuern Kunst gleich kommt, und das



