Nro. 4,
Kunst-Blatt.
1 8 1 7.
Etwas über die theatralischen Vorstellungen
der Alten.
Da jetzt so vieles über das Theater geschrieben und ge-
sprochen wird, so scheint es mir nicht unzweckmäßig, über
die theatralischen Vorstellungen der Alten, denen wir ja in
Allemals unsern Meistern uachstrcben, etwas Weniges bep-
zubriugen.
Vor allen Dingen sehe ich mich genöthigt, zwey Worte
zu berichtigen, wovon man sich gewöhnlich eine unrichtige
Vorstellung macht, Gesang und Tanz. Nämlich Ge-
sang (cantos) und Singen (canerc) gebrauchte man von
der Deklamation, wie schon Strabo erwähnt. Daher
nennen Hvraz und andere den Akteur (canwr) Sänger.
Dieser sang aber nicht, sondern er deklamirte. Sv wird
im Cicero (Orator.Ili) von der Lälia gesagt, sie habe sehr
häufige und stark bemerkte Accente ganz leicht und unge-
zwungen ausgesprochen, so daß, fugt der Erzählende hin-
zu I, wenn ich die Lälia "reden horte, ich glaubte die Stücke
des Plautus oder Nävius singen zu hören. Solcher Bep-
spiele gibt es eine große Menge, und eine ähnliche Bewand-
niß hat es auch mit dem Tanzen. Das Tanzen nämlich,
(Saltatio, o^^a/pbey den Griechen) ist nach klato (de legi-
bus Vii.) die Kunst, welche in der Nachahmung aller Geber-
den und Bewegungen besteht, deren die Menschen fähig
sind. Auch kam das Wort Saltatio in der That nicht von
Saitus (ein Sprung), sondern von S a l i u s, einem
Arkadier her, der diese Kunst zuerst die Römer gelehrt
hatte. Dio Cassius erzählt, der Kaiser Heliogabel
habe nicht nur getanzt, wenn er von dem Kaiserlichen
Sitze im Theater dramatische Stücke aufführen gesehen, son-
dern auch im Gehen, und wenn er Verhör gegeben, oder
mit seinen Soldaten gesprochen, ja sogar bep dem Opfer.
Dieß würde nun ganz abgeschmackt seyn, wenn Saltatio nicht
auch das Geberdenspiel in sich begriffen hätte, also das, was
wir eigentlich nicht tanzen nennen. Daher nannte man dieß
auch cheii-onomie (das Gesetz der Hände). So sagt 2 li-
ve nal, der Vorleger der Speisen an den Tafeln der
Großen habe die Speisen tanzend zerschnitten; er wür-
be aber nicht weit gekommen sepn, wenn er dabey eigentlich
hätte tanzen wollen. Die Orclle-l- begriff also eigentlich
die Aktion in sich. Daher nennt Aristides Quincti-
lianus, der ein Buch von der Musik geschrieben hat, den
berühmten Akteur Rv sc ins eiuenOrchestcs. (os-^-rr^).
einen Tänzer, und man sagte, ein Drama tanzen, d. i.
aufführen. Der Grund dieser Benennung liegt aber
wohl darin, daß die Geberden und Bewegungen des Ak-
teurs eben so durch den Takt und gewisse Regeln bestimmt
waren, als der Gang und die Wendungen eines Tanzenden.
Hierdurch erhält dann jene Stelle des Aristoteles ihr
volles Licht, wo er sagt, der Chor habe auch bep den trau-
rigsten Stellen der Tragödie getanzt. Der Chor bestand
nämlich aus einer Anzahl vortrefflicher Schauspieler, und
zwar bald aus ehrwürdigen Alten, oder auch Weibern, Kin-
dern rc., die auf die Fragen der handelnden Personen ant-
worteten, und die passendste» Geberden dazu machten, und
durch jede Miene ober Körperbewegung ihre lebhafteste Theil-
nahme, ihre Freude, ihre Betrübniß, ihre Furcht, ihre
! Hoffnungen rc. ausdrückten, so daß dieß in der That ei»
sehr rührender Anblick gewesen seyn muß. Daher finden
wir auch, daß ein Chor des Aeschylus, der aus 50 Furien
bestand, ein so allgemeines Entsetzen über die Zuschauer ver-
breitete, daß man durch eine Verordnung das Personale
des Chors bis auf 15 herabsetzte. Die höchste Art der
Saltationcn waren die Pantomimen, diese stumme
Musik, wie sie Cassioder nennt, wo Alles blos durch
Stellung, Geberde und Mienen, nach abgemessnem Takt
vorgestellt wurde. Der älteste dieser Art war Telesis,
der Tänzer des Aeschplos, der die Sieben vor Theben
tanzte, und den Charakter und die Thaten eines jeden die-
ser Helden sehr wohl zu bezeichnen wusste. Vorzüglich brach-
ten es die Römer in dieser Kunst sehr weit. Die zwey be-
rühmtesten Pantomimen unter ihnen waren P y I a d e s
und Bat hpllus, wovon der erste vorzüglich glücklich im
Tragischen, der andre aber im Komischen war. Sie stell-
ten anfangs nur einzelne Scenen, dann Sifte und zuletzt
ganze Stücke dar. Man nannte diese pantomimischen
Spiele Tänze, und die Spielenden selbst Tänzer,
(saltatore,), und sie waren eine Art Ballets, welcher
Name sich auch in der That hiervon herschreibt, denn man
nannte sie auch, vorzüglich in Sizilien, Ballismen
( ßccXKic/xot) Es sind uns noch einige Titel aufbehalten,
welche ungefähr auf den Inhalt schließen lassen, z. B. die
Tänze der Cyclopen, der Tanz des Hektor, Ajas rc. Ei-
ner der berühmtesten Schüler des P v l a d e s war H v l a ö;
dieser tanzte einst einen Gesang, der sich schloß: den großen
Agamemnon Qrey /neytxv Ayccpe/xvom Macrob. II. 7y-,
Kunst-Blatt.
1 8 1 7.
Etwas über die theatralischen Vorstellungen
der Alten.
Da jetzt so vieles über das Theater geschrieben und ge-
sprochen wird, so scheint es mir nicht unzweckmäßig, über
die theatralischen Vorstellungen der Alten, denen wir ja in
Allemals unsern Meistern uachstrcben, etwas Weniges bep-
zubriugen.
Vor allen Dingen sehe ich mich genöthigt, zwey Worte
zu berichtigen, wovon man sich gewöhnlich eine unrichtige
Vorstellung macht, Gesang und Tanz. Nämlich Ge-
sang (cantos) und Singen (canerc) gebrauchte man von
der Deklamation, wie schon Strabo erwähnt. Daher
nennen Hvraz und andere den Akteur (canwr) Sänger.
Dieser sang aber nicht, sondern er deklamirte. Sv wird
im Cicero (Orator.Ili) von der Lälia gesagt, sie habe sehr
häufige und stark bemerkte Accente ganz leicht und unge-
zwungen ausgesprochen, so daß, fugt der Erzählende hin-
zu I, wenn ich die Lälia "reden horte, ich glaubte die Stücke
des Plautus oder Nävius singen zu hören. Solcher Bep-
spiele gibt es eine große Menge, und eine ähnliche Bewand-
niß hat es auch mit dem Tanzen. Das Tanzen nämlich,
(Saltatio, o^^a/pbey den Griechen) ist nach klato (de legi-
bus Vii.) die Kunst, welche in der Nachahmung aller Geber-
den und Bewegungen besteht, deren die Menschen fähig
sind. Auch kam das Wort Saltatio in der That nicht von
Saitus (ein Sprung), sondern von S a l i u s, einem
Arkadier her, der diese Kunst zuerst die Römer gelehrt
hatte. Dio Cassius erzählt, der Kaiser Heliogabel
habe nicht nur getanzt, wenn er von dem Kaiserlichen
Sitze im Theater dramatische Stücke aufführen gesehen, son-
dern auch im Gehen, und wenn er Verhör gegeben, oder
mit seinen Soldaten gesprochen, ja sogar bep dem Opfer.
Dieß würde nun ganz abgeschmackt seyn, wenn Saltatio nicht
auch das Geberdenspiel in sich begriffen hätte, also das, was
wir eigentlich nicht tanzen nennen. Daher nannte man dieß
auch cheii-onomie (das Gesetz der Hände). So sagt 2 li-
ve nal, der Vorleger der Speisen an den Tafeln der
Großen habe die Speisen tanzend zerschnitten; er wür-
be aber nicht weit gekommen sepn, wenn er dabey eigentlich
hätte tanzen wollen. Die Orclle-l- begriff also eigentlich
die Aktion in sich. Daher nennt Aristides Quincti-
lianus, der ein Buch von der Musik geschrieben hat, den
berühmten Akteur Rv sc ins eiuenOrchestcs. (os-^-rr^).
einen Tänzer, und man sagte, ein Drama tanzen, d. i.
aufführen. Der Grund dieser Benennung liegt aber
wohl darin, daß die Geberden und Bewegungen des Ak-
teurs eben so durch den Takt und gewisse Regeln bestimmt
waren, als der Gang und die Wendungen eines Tanzenden.
Hierdurch erhält dann jene Stelle des Aristoteles ihr
volles Licht, wo er sagt, der Chor habe auch bep den trau-
rigsten Stellen der Tragödie getanzt. Der Chor bestand
nämlich aus einer Anzahl vortrefflicher Schauspieler, und
zwar bald aus ehrwürdigen Alten, oder auch Weibern, Kin-
dern rc., die auf die Fragen der handelnden Personen ant-
worteten, und die passendste» Geberden dazu machten, und
durch jede Miene ober Körperbewegung ihre lebhafteste Theil-
nahme, ihre Freude, ihre Betrübniß, ihre Furcht, ihre
! Hoffnungen rc. ausdrückten, so daß dieß in der That ei»
sehr rührender Anblick gewesen seyn muß. Daher finden
wir auch, daß ein Chor des Aeschylus, der aus 50 Furien
bestand, ein so allgemeines Entsetzen über die Zuschauer ver-
breitete, daß man durch eine Verordnung das Personale
des Chors bis auf 15 herabsetzte. Die höchste Art der
Saltationcn waren die Pantomimen, diese stumme
Musik, wie sie Cassioder nennt, wo Alles blos durch
Stellung, Geberde und Mienen, nach abgemessnem Takt
vorgestellt wurde. Der älteste dieser Art war Telesis,
der Tänzer des Aeschplos, der die Sieben vor Theben
tanzte, und den Charakter und die Thaten eines jeden die-
ser Helden sehr wohl zu bezeichnen wusste. Vorzüglich brach-
ten es die Römer in dieser Kunst sehr weit. Die zwey be-
rühmtesten Pantomimen unter ihnen waren P y I a d e s
und Bat hpllus, wovon der erste vorzüglich glücklich im
Tragischen, der andre aber im Komischen war. Sie stell-
ten anfangs nur einzelne Scenen, dann Sifte und zuletzt
ganze Stücke dar. Man nannte diese pantomimischen
Spiele Tänze, und die Spielenden selbst Tänzer,
(saltatore,), und sie waren eine Art Ballets, welcher
Name sich auch in der That hiervon herschreibt, denn man
nannte sie auch, vorzüglich in Sizilien, Ballismen
( ßccXKic/xot) Es sind uns noch einige Titel aufbehalten,
welche ungefähr auf den Inhalt schließen lassen, z. B. die
Tänze der Cyclopen, der Tanz des Hektor, Ajas rc. Ei-
ner der berühmtesten Schüler des P v l a d e s war H v l a ö;
dieser tanzte einst einen Gesang, der sich schloß: den großen
Agamemnon Qrey /neytxv Ayccpe/xvom Macrob. II. 7y-,



