Nro. 13
Kunst-Blatt.
i B i 7*
Denkschrift zur Erläuterung der Gruppirung der
vierzehn Statuen der Gallerte von Florenz,
welche die Geschichte der Niobe darsiellen.
(Uebersetzung aus dem Italienischen.)
(Mil einem Steiuabdruck.)
Die berühmten Statuen, die die Mythe, der Niobe »)dar-
stellcn, und einzeln jederzeit für das kostbarste Muster der
Kunst der Alten, das bis auf uns gekommen, gehalten wor-
den, sind noch nie auf eine Weife erklärt worden, die eine
befriedigende Idee über ihre Stellungen gegeneinander und
über die Gruppe, die sie sicher dermaleinst gebildet hatten,
gäbe.
Montfaucon Th. l. S. 107, theilt ein von Per-
rier gestochenes Blatt mit, das diese Statuen zeigt, wie
sie ehedem in der Villa Medici zu Rom aufgestellt waren;
sie standen im Kreise um die Mutter; aber außerdem, daß
diese Anordnung blvs auf Vermuthung beruhte, ohne sich
auf eine Autoritär der alten Schriftsteller ZU stützen- oder
auf ein früheres Depspiel, wird auch eine Untersuchung der
Statuen im Detail, (A) und ihrer Stellungen und Bewe-
gungen, beweisen, daß sie für einen einzigen Gesichtspunkt
gearbeitet waren (B), während die oben angegebne Auf-
stellung sic fcep von allen Seiten zeigte.
Der Gebrauch der Griechen, die Frontispize ihrer Tem-
pel mit Gruppen von Statuen aaezuschmücken, ist hinläng-
lich durch die Ruinen bekannt, die uns vom Parthenon zu
Athen bleiben, und durch die Entdeckung der Statuen des Tem-
pels des Jupiter Panhellenius zu Aegina, außer vielen an-
dern Tempeln, an welchen man die Spuren solches Schmu-
ckes wahrnehmen kann, wie im Tempel des Theseus; Paus.
Lib. v. Cap. X. beschreibt detaillirt das Frontispiz des Tcm-
*) Die Gruppe dcx Niobe stand in der Billa Medici, in
einer offnen auf vier Säulen ruhende» Loge nach dem
Garten zu. 3m Jahre 1770 erhielt der Gr. Herzog
von Toskana die Erlaubniß vom Papste, sie nach Flo-
renz bringen zn dürfen, und 1772 ward sie wirklich da-
hin geschafft. Sie blieb bis 1777 im Palaste Pitti in
den untern Zimmern. — Vincenzo S pinazzi, der
die Statuen ergänzte, soll, als sie nach der Gallerie
gebracht wurden, vvrgeschlagcn haben, einen eignen
Tempel zu ihrer Aufstellung zu erbauen, und sie darin
wieder zu gruppiren. Das Modell, (des Tempels), sagt
Volkmann, stehe im Scrittorio dcl palazzo vecchio.
pels des Jupiter Olympius; Diodor von Sicilien Lü>. ig,
den des Olympischen Jupiters zu Agrigent, sowie man hier
noch viele andere Bepspiele anführcn konnte. *)
Die relativen Dimensionen dieser Statuen, ihr fortschrei-
tendes Verjüngen der Höhe (die man ebenfalls in dem oben
angeführten Bepspiele findet); die Bewegungen, die beson-
ders zu unsrer Zusammenstellung paffen, indem sie alle gc-
*) Mehrere Statuen aus dem Fronton des Parthenons
sind iu Lord Elg ins Sammlung von Marmorn, wel-
che das Parlament fürdas brittische Museum gekauft hat.
Die von den Hrn. ». Haller, Cockercll, Linkh
und Fostcr gefundenen Statuen hat der Kronprinz
von Bayern an sich gebracht. — Diese befinden sich jetzt
zu Rom, siebzehn an der Zahl, und sind dem Bildhauer
Hrn. Thorwaldscn zur Ergänzung übergeben wor-
den, der mit vieler Liebe daran arbeitet. —, Sie sind
unter Menschen - Größe, obgleich die Mittel-Figur der
Minerva Z) Fuß hoch ist, und können zn den merkwür-
digsten Ucberrestcn des griechischen Alrcrthums gezählt
werden. Arme, Beine, Körper sind von einer Wahr-
heit und Vollendung, wie man sie kaum irgendwo sieht.
Niemand, der Auge hat, kann verkennen, daß das an-
scheinende Mißverhältniß des Styls, cnicht der Arbeit)
an den Köpfen, vielleicht den religiöse» Forderungen
der Aegineten, an eine herkömmliche Aehnlichkeir ent-
sprechend , absichtlich sey und keine Wirkung der Unge-
schicklichkeit der Meister, etwas Schbnres zu liefern. Je-
doch bezeugen auch schon die enger», zusammcngcschnür-
lercn Röcke, an den Weichen hinab, eine frühere Epo-
che als die des Phidjas. — Auch sieht man, daß die
Aeginetische Schule andre Wege einschlug, als die Athe-
uiensische. In Hinsicht der Trachten, Haarbehandlung,
Waffen, Zierathcn und des Schmuckes, sind diese Aegi-
netischen Statuen eine neue und reiche Fundgrube.
Es ist zu hoffen, daß man auch in der Nahe des
Tempels des Olympischen Jupiters in More Ent-
deckungen machen werde, die denen von Aegina und
Phigalia nicht nachflchen. — Das Terrain ist dort
durch die Anspülungen des Alphcus :c. sehr erhöht
worden, welches zwar das Nachgraben erschwert, aber
die Statuen auch erhält und rettet. Die Hanptschwie-
rigkeilen möchten die jetzt erwachende Habsucht der tür-
kischen Behörden seyn, vom Pascha bis zu den Dorf-
Aga's hinab, die nicht mehr ohne Zahlung graben lassen;
ferner die Einsamkeit des Ortes, so daß cs schwor wird,
Arbeiter zn bekommen, und der Charakter der nächsten
Dorfbewohner von Lala, welche, obgleich Grieche», eben
nicht wegen ihrer Gefälligkeit und Ehrlichkeit im besten
Rufe sind.
Kunst-Blatt.
i B i 7*
Denkschrift zur Erläuterung der Gruppirung der
vierzehn Statuen der Gallerte von Florenz,
welche die Geschichte der Niobe darsiellen.
(Uebersetzung aus dem Italienischen.)
(Mil einem Steiuabdruck.)
Die berühmten Statuen, die die Mythe, der Niobe »)dar-
stellcn, und einzeln jederzeit für das kostbarste Muster der
Kunst der Alten, das bis auf uns gekommen, gehalten wor-
den, sind noch nie auf eine Weife erklärt worden, die eine
befriedigende Idee über ihre Stellungen gegeneinander und
über die Gruppe, die sie sicher dermaleinst gebildet hatten,
gäbe.
Montfaucon Th. l. S. 107, theilt ein von Per-
rier gestochenes Blatt mit, das diese Statuen zeigt, wie
sie ehedem in der Villa Medici zu Rom aufgestellt waren;
sie standen im Kreise um die Mutter; aber außerdem, daß
diese Anordnung blvs auf Vermuthung beruhte, ohne sich
auf eine Autoritär der alten Schriftsteller ZU stützen- oder
auf ein früheres Depspiel, wird auch eine Untersuchung der
Statuen im Detail, (A) und ihrer Stellungen und Bewe-
gungen, beweisen, daß sie für einen einzigen Gesichtspunkt
gearbeitet waren (B), während die oben angegebne Auf-
stellung sic fcep von allen Seiten zeigte.
Der Gebrauch der Griechen, die Frontispize ihrer Tem-
pel mit Gruppen von Statuen aaezuschmücken, ist hinläng-
lich durch die Ruinen bekannt, die uns vom Parthenon zu
Athen bleiben, und durch die Entdeckung der Statuen des Tem-
pels des Jupiter Panhellenius zu Aegina, außer vielen an-
dern Tempeln, an welchen man die Spuren solches Schmu-
ckes wahrnehmen kann, wie im Tempel des Theseus; Paus.
Lib. v. Cap. X. beschreibt detaillirt das Frontispiz des Tcm-
*) Die Gruppe dcx Niobe stand in der Billa Medici, in
einer offnen auf vier Säulen ruhende» Loge nach dem
Garten zu. 3m Jahre 1770 erhielt der Gr. Herzog
von Toskana die Erlaubniß vom Papste, sie nach Flo-
renz bringen zn dürfen, und 1772 ward sie wirklich da-
hin geschafft. Sie blieb bis 1777 im Palaste Pitti in
den untern Zimmern. — Vincenzo S pinazzi, der
die Statuen ergänzte, soll, als sie nach der Gallerie
gebracht wurden, vvrgeschlagcn haben, einen eignen
Tempel zu ihrer Aufstellung zu erbauen, und sie darin
wieder zu gruppiren. Das Modell, (des Tempels), sagt
Volkmann, stehe im Scrittorio dcl palazzo vecchio.
pels des Jupiter Olympius; Diodor von Sicilien Lü>. ig,
den des Olympischen Jupiters zu Agrigent, sowie man hier
noch viele andere Bepspiele anführcn konnte. *)
Die relativen Dimensionen dieser Statuen, ihr fortschrei-
tendes Verjüngen der Höhe (die man ebenfalls in dem oben
angeführten Bepspiele findet); die Bewegungen, die beson-
ders zu unsrer Zusammenstellung paffen, indem sie alle gc-
*) Mehrere Statuen aus dem Fronton des Parthenons
sind iu Lord Elg ins Sammlung von Marmorn, wel-
che das Parlament fürdas brittische Museum gekauft hat.
Die von den Hrn. ». Haller, Cockercll, Linkh
und Fostcr gefundenen Statuen hat der Kronprinz
von Bayern an sich gebracht. — Diese befinden sich jetzt
zu Rom, siebzehn an der Zahl, und sind dem Bildhauer
Hrn. Thorwaldscn zur Ergänzung übergeben wor-
den, der mit vieler Liebe daran arbeitet. —, Sie sind
unter Menschen - Größe, obgleich die Mittel-Figur der
Minerva Z) Fuß hoch ist, und können zn den merkwür-
digsten Ucberrestcn des griechischen Alrcrthums gezählt
werden. Arme, Beine, Körper sind von einer Wahr-
heit und Vollendung, wie man sie kaum irgendwo sieht.
Niemand, der Auge hat, kann verkennen, daß das an-
scheinende Mißverhältniß des Styls, cnicht der Arbeit)
an den Köpfen, vielleicht den religiöse» Forderungen
der Aegineten, an eine herkömmliche Aehnlichkeir ent-
sprechend , absichtlich sey und keine Wirkung der Unge-
schicklichkeit der Meister, etwas Schbnres zu liefern. Je-
doch bezeugen auch schon die enger», zusammcngcschnür-
lercn Röcke, an den Weichen hinab, eine frühere Epo-
che als die des Phidjas. — Auch sieht man, daß die
Aeginetische Schule andre Wege einschlug, als die Athe-
uiensische. In Hinsicht der Trachten, Haarbehandlung,
Waffen, Zierathcn und des Schmuckes, sind diese Aegi-
netischen Statuen eine neue und reiche Fundgrube.
Es ist zu hoffen, daß man auch in der Nahe des
Tempels des Olympischen Jupiters in More Ent-
deckungen machen werde, die denen von Aegina und
Phigalia nicht nachflchen. — Das Terrain ist dort
durch die Anspülungen des Alphcus :c. sehr erhöht
worden, welches zwar das Nachgraben erschwert, aber
die Statuen auch erhält und rettet. Die Hanptschwie-
rigkeilen möchten die jetzt erwachende Habsucht der tür-
kischen Behörden seyn, vom Pascha bis zu den Dorf-
Aga's hinab, die nicht mehr ohne Zahlung graben lassen;
ferner die Einsamkeit des Ortes, so daß cs schwor wird,
Arbeiter zn bekommen, und der Charakter der nächsten
Dorfbewohner von Lala, welche, obgleich Grieche», eben
nicht wegen ihrer Gefälligkeit und Ehrlichkeit im besten
Rufe sind.



