Nro. 17.
Kunst-Blatt.
1817.
Via Sacra.
(Die heilige Straße.)
(U»r den Memoiren der Akademie von St. Luka zu Rom.
Vom Zahr 1L16.)
(Mit einem Stcinabbruck.)
Man war bisher, wer sollte es glauben ? im Streit und im
Zweifel über den ganzen Laufdieser Straße, der berühmtesten
unter den inner» Straßen des alten Roms, wie die Appische cs
unter den Cvnsularischen außerhalb der Stadt gewesen ist.
Unter den Streitfragen, die darüber abgchandelt worden
sind, ist die merkwürdigste die: ob die Straße vom Capi-
kolium aus , über das Forum, wo ein Theil derselben war,
in gerader Richtung bis zu den Carinnen fortlief; oder ob
sie sich rechts wendete, mehr oder weniger gegen den Pala-
tinische» Berg aufwärts, und auf den Bogen des Titus
zuging, von welchem aus denn sie ihren Lauf bis zu den
Carinnen fortsetzte, wo sie sich endigte.
Bis zu dem Zeitpunkte, in welchem Na r dini schrieb,
„führten die Alterthumskundigen," wie er selbst sagt, „die-
se Straße von dem Friedenstempel zu dem Bogen des Ti-
tus, und von da gerade auf die Meta Sudans." Er än-
derte also zuerst die Meinung, und behaupiete ohne Beden-
ken, die Via Sacra sey gerade durch den Platz gegangen,
auf welchem heutiges Tages die Kirche, das Kloster, und der
Garten von S. Maria nuova (l-iberatrioe) steht, und an
dem Ende dieses Gartens sep ihr Ende, Summa sacra
v i a genannt, gewesen, von welchem man in das Cerolifche
eintrat. «)
Ich will hier die Verwirrung und die Verwechslungen,
»velche in diesem Satze enthalten sind, nicht heraus heben;
denn durch das Folgende wird alles klar werden. Für jetzt
genügt es mir, daß er, gerade gegen die Meinung der
Alterthumskundigen, annimmt, die Via Sacra gehe auf
das Cerolifche. Die Gründe, auf welche sich der gelehrte
Schriftsteller stützt, sind:
1) Weil die Flächen der Tempel des Antouinus und der
Faustina, des Romulus und Rcmus, und des Friedens,
von welchen er irrig voransseyt, sie feyen alle dre» wage-
recht mit der Fläche des Cvliseum, so niedrig liegen.
r) Weil die Lage allzusteil und das Unternehmen allzu ge--
waltsam gewesen wäre, wenn man die Straße zu der
Höhe hätte hinauf führen wollen, auf welcher der Triumph-
bogen des Titus steht.
z) Weil der Bogen selbst, nicht schicklich an der Wendung
einer Straße und auf dem Rande eines so jähen Absturzes
erbaut worden wäre.
Diese Gründe haben einen gewissen schönen Schein, wel-
cher die später» Alterthumsforscher verleitet hat, dem Ver-
fasser, nach Art der Ppthagoräer, blindlings zu folgen.
Erstlich kann ich nicht begreifen, was für Bedenklichkeit
jener Gelehrte gehabt hat, diese Via Sacra da, wo es nö-
thig war, zu wenden und aufwärts zu führen, als verlöre
sie an ihrer Ehre, wenn sie nicht in gerader Linie fortiiefe,
da doch von der ältesten Straße Roms in seiner Zimvuelt,
wo es unter RomuluS und Tatius auf zwcy einzige Hügel
beschränkt war, die Rede ist; und da Rom in seinem männ-
lichen Alter, das kaiserliche und riefenmäßige Rom, eigent-
lich ein immerwährendes Bergauf und Bergab war; olme
davon die berühmte Ebene des Marsfeldes auszuuehmen,
wo der Boden halb boher, bald niedriger war, wie die ver-
schiedene Grundlage der bepden Säulen, Trajans und An-
tonins, beweiset, und die verschiedene Flächenhöhe des alten
Gebäudes, jetzt Zollhauses, in Vergleichung mit dem ganz
nahen Pantheon; so ist es ebenfalls zu verwnudern, wie
Nardini dep dem Anblicke des jähen und steilen Capitolini-
schen Hügels, der auf tausendcrlev Art gekrümmt, und mit
so vielen ansehnlichen Gebäuden besetzt ist, das, man nicht
weiß, wie man mit Wagen hinauf fahren konnte, es un-
schicklich fand, das, der Triumph-Bogen des Titus auf
die Wendung der via sacra und auf den Rand eines jähen
Abhanges gesetzt worden sey; welcher Abhang doch nicht so
bedeutend ist, ivenn man die Straße um einige Schritte
vorwärts laufen, sich dann längs dem Tempel des Friedens
und S. Cosma und Damian beugen, und auf den Bogen
Fadians und auf das Forum zugchcn lässt. Hingegen wenn
man Muthmaßungen Raum geben will, ist es nicht ichwieri-
gcr und unvernünftiger, sich einzubildcn, daß jener sehr
schöne Triumph-Bogen nicht an einen Ort gesetzt worden
sey, wo er, wie die andern, zu Triumphzügen dienen sonn-
te, er, der an den Bezwinger der Juden, an den sanstmü-
a) Nardini. Rom. Ant. eap. 12. Libr. III.
Kunst-Blatt.
1817.
Via Sacra.
(Die heilige Straße.)
(U»r den Memoiren der Akademie von St. Luka zu Rom.
Vom Zahr 1L16.)
(Mit einem Stcinabbruck.)
Man war bisher, wer sollte es glauben ? im Streit und im
Zweifel über den ganzen Laufdieser Straße, der berühmtesten
unter den inner» Straßen des alten Roms, wie die Appische cs
unter den Cvnsularischen außerhalb der Stadt gewesen ist.
Unter den Streitfragen, die darüber abgchandelt worden
sind, ist die merkwürdigste die: ob die Straße vom Capi-
kolium aus , über das Forum, wo ein Theil derselben war,
in gerader Richtung bis zu den Carinnen fortlief; oder ob
sie sich rechts wendete, mehr oder weniger gegen den Pala-
tinische» Berg aufwärts, und auf den Bogen des Titus
zuging, von welchem aus denn sie ihren Lauf bis zu den
Carinnen fortsetzte, wo sie sich endigte.
Bis zu dem Zeitpunkte, in welchem Na r dini schrieb,
„führten die Alterthumskundigen," wie er selbst sagt, „die-
se Straße von dem Friedenstempel zu dem Bogen des Ti-
tus, und von da gerade auf die Meta Sudans." Er än-
derte also zuerst die Meinung, und behaupiete ohne Beden-
ken, die Via Sacra sey gerade durch den Platz gegangen,
auf welchem heutiges Tages die Kirche, das Kloster, und der
Garten von S. Maria nuova (l-iberatrioe) steht, und an
dem Ende dieses Gartens sep ihr Ende, Summa sacra
v i a genannt, gewesen, von welchem man in das Cerolifche
eintrat. «)
Ich will hier die Verwirrung und die Verwechslungen,
»velche in diesem Satze enthalten sind, nicht heraus heben;
denn durch das Folgende wird alles klar werden. Für jetzt
genügt es mir, daß er, gerade gegen die Meinung der
Alterthumskundigen, annimmt, die Via Sacra gehe auf
das Cerolifche. Die Gründe, auf welche sich der gelehrte
Schriftsteller stützt, sind:
1) Weil die Flächen der Tempel des Antouinus und der
Faustina, des Romulus und Rcmus, und des Friedens,
von welchen er irrig voransseyt, sie feyen alle dre» wage-
recht mit der Fläche des Cvliseum, so niedrig liegen.
r) Weil die Lage allzusteil und das Unternehmen allzu ge--
waltsam gewesen wäre, wenn man die Straße zu der
Höhe hätte hinauf führen wollen, auf welcher der Triumph-
bogen des Titus steht.
z) Weil der Bogen selbst, nicht schicklich an der Wendung
einer Straße und auf dem Rande eines so jähen Absturzes
erbaut worden wäre.
Diese Gründe haben einen gewissen schönen Schein, wel-
cher die später» Alterthumsforscher verleitet hat, dem Ver-
fasser, nach Art der Ppthagoräer, blindlings zu folgen.
Erstlich kann ich nicht begreifen, was für Bedenklichkeit
jener Gelehrte gehabt hat, diese Via Sacra da, wo es nö-
thig war, zu wenden und aufwärts zu führen, als verlöre
sie an ihrer Ehre, wenn sie nicht in gerader Linie fortiiefe,
da doch von der ältesten Straße Roms in seiner Zimvuelt,
wo es unter RomuluS und Tatius auf zwcy einzige Hügel
beschränkt war, die Rede ist; und da Rom in seinem männ-
lichen Alter, das kaiserliche und riefenmäßige Rom, eigent-
lich ein immerwährendes Bergauf und Bergab war; olme
davon die berühmte Ebene des Marsfeldes auszuuehmen,
wo der Boden halb boher, bald niedriger war, wie die ver-
schiedene Grundlage der bepden Säulen, Trajans und An-
tonins, beweiset, und die verschiedene Flächenhöhe des alten
Gebäudes, jetzt Zollhauses, in Vergleichung mit dem ganz
nahen Pantheon; so ist es ebenfalls zu verwnudern, wie
Nardini dep dem Anblicke des jähen und steilen Capitolini-
schen Hügels, der auf tausendcrlev Art gekrümmt, und mit
so vielen ansehnlichen Gebäuden besetzt ist, das, man nicht
weiß, wie man mit Wagen hinauf fahren konnte, es un-
schicklich fand, das, der Triumph-Bogen des Titus auf
die Wendung der via sacra und auf den Rand eines jähen
Abhanges gesetzt worden sey; welcher Abhang doch nicht so
bedeutend ist, ivenn man die Straße um einige Schritte
vorwärts laufen, sich dann längs dem Tempel des Friedens
und S. Cosma und Damian beugen, und auf den Bogen
Fadians und auf das Forum zugchcn lässt. Hingegen wenn
man Muthmaßungen Raum geben will, ist es nicht ichwieri-
gcr und unvernünftiger, sich einzubildcn, daß jener sehr
schöne Triumph-Bogen nicht an einen Ort gesetzt worden
sey, wo er, wie die andern, zu Triumphzügen dienen sonn-
te, er, der an den Bezwinger der Juden, an den sanstmü-
a) Nardini. Rom. Ant. eap. 12. Libr. III.



