Endlich besitzt Herr v. Hirscher auch einige Bilder der ita-
lienischen Schule. Eine h. Familie von Puligo nähert sich
sehr im Geschmack seinem Meister, dem Andrea del Sarto, und
zeichnet sich besonders durch die warme Färbung aus. Derselbe
Gegenstand, von Camillo Procaccini, gehört zu den guten
Arbeiten desselben. Ein Kindermord des seltnen Schülers der
Carracci, Lionello Spada, ist ein schlagender Beleg der
Meisterschaft und Geschmacklosigkeit seines Naturalismus.
Unter verschiedenen werthvollen bemalten Schnitzarbeiten,
welche sich ebenfalls hier befinden, zeichnet sich besonders eine
Maria als Mutter des Erbarmens durch eine edle Auffassung
und fleißige Durchführung vortheilhast aus.
Möchte doch diese Sammlung durch den Erwerb für ein
Museum in Deutschland vor der Zersplitterung bewahrt werden!
(Fortsetzung folgt.)
Nachrichten über Ludwig Richter
in einem Schreiben v. Gunndts an Ernst Förster.
Verehrter Herr! Sie fragten vor einiger Zeit nach dem
Treiben der hiesigen Künstler und ich schwieg in einem Gefühle
von Trauer, weil cs mir schien, als wenn Sie'in unserer Zeit
der Einzige wären, welcher nach den Künstlern frage. Durch
eine Beurtheilung Ludwig Richters von Dl. Kugler in Nr. 24
Ihres Kunstblatts sehe ich mich wieder angeregt, auf Ihre Er-
kundigung zu antworten. Der Beurtheiler stellt diesen Künstler
mit andern, welche Zeichnungen zu Holzschnitten lieferten, zu-
sammen. Es ist das Vergleichen und Abwägen immer eine miß-
liche Sache — warum erfreut man sich an etwas nicht, wie es
ist, wenn es einen eignen Werth hat? — Wir stimmen mit Dr.
Kugler überein, daß Richters Werke vorzüglich geeignet sind,
Volksbücher zu schmücken, und wir möchten den Grund dazu
darin finden, daß er zurAnschauung bringt, was sich derReflerion
entzieht, und eine spielende Phantasie in Mährchen und Lieder
einhüllt. Es liegt in den Volksdichtungen etwas Unaussprech-
liches, was aber nicht unbildlich ist. Ich weiß wohl, daß Hegel
verlangt, die Poesie solle Alles aussprechen und cs dürfe nichts
bloß Ahnung bleiben, weßhalb er die kleinen von Gefühl über-
quellenden Lieder von Goethe tadelt. Wenn aber ein leises Wort
tausend Gefühle weckt, sind sie dann nicht alle ausgesprochen?
Warum soll jedes besonders angerufen und genannt werden? wie
die alte ehrliche Prosa thut, die Alles heraussagt, was der Dichter
und Leser sich denkt, und mit Recht spottet Schiller in den Fernen
dieser wortprächtigen Ausführlichkeit. Doch würde der Vorwurf,
wenn es einer wäre, die Volkspoesie, aber nicht den Künstler !
treffen, der seine Gegenstände aus solchen Dichtungen wählt.
Richtern ist es darum möglich, das Unaussprechliche der Volks- -
dichtungen darzustellen, weil er natürlich empfindet, weil bei ihm
alles acht, nichts Künstelei ist, weil das Naturleben ihm nicht
bloß Hieroglyphen zeigt, sondern von ihm überall die Weltseele
erkannt wird. So kommt im Gcmüthe des Menschen das Natur-
leben zum Bewußtstyn und kehrt durch des Künstlers beseelte
Hand, zu einem schmerzensfreien, sich selbst wollenden, von keinen
Zufälligkeiten gestörten idealen und zugleich realen Daseyn zurück.
Die Kunstdogmatiker wissen freilich nicht, was sie aus Rich-
ters Bildern machen sollen. Es sind solche nicht stylisirt, son-
dern wahr, sie sind nicht monumental, denn sie erinnern an kein
Faktum, sondern verinnigen das Wirkliche, das, was war und
immer seyn wird. Der eine will sie für keine Landschaften an-
erkennen, weil er merkt, daß die Menschen in diesen Bildern
keine Staffage, vielmehr integrirendc Theile der Natur sind, und
der andere läßt sie nicht für Genrebilder gelten, weil die Land-
schaft zu viel Raum einnimmt.
Nach dem Standpunkte, auf den uns die neuere Kunstlite-
ratur gehoben hat, welche gleich ehemaligen Paß- und Thor-
schreibern nur nach Herkunft, Namen und Alter fragt, wissen
wir über Richter wenig Notizen zu geben, und sehr wohl fühle
ich, daß von diesem Standpunkte aus betrachtet, das, was ich
über Richter gesagt habe, ein Nichts sey. Dieß ist vielleicht auch
der Grund, warum Dr. Kugler nichts von den selbstständigen
Arbeiten Richters weiß. Zwar hat ihn Graf A. Raczinsky er-
wähnt und Nagler gibt über Richters Jugendwerke ziemlich aus-
führliche Nachrichten, da aber unser Künstler weder zu einer
Gegenseitigenruhinversicherungsgesellschaft noch Tadelhagelentschä-
digungsaffckuranzanstalt gehört, so ist er nicht nach Verdienst
bekannt genug. Daß ich ihn nicht zum berühmten Manne stem-
peln konnte, versteht sich von selbst, da, was ich auch über ihn
in Böttigers Kunstblatt vor langer Zeit und später in meinen
Phantasien über Menschen, Natur und Kunst sagte, Leute von
Kunstkennermetier gewiß nicht beachtet haben. Indem ich Ihnen
und Ihren Lesern gern über L. Richters selbstständige Arbeiten
und seine künstlerischen Bildungsstufen einiges in der Kürze mit-
theilen möchte, fühle ich mich in doppelter Verlegenheit, denn
cs wird mir nicht gelingen, auf die Weise bezeichnende Benen-
nungen zu finden, wie solche durch Bartsch eingeführt worden
sind und sie auch Robert Dumesnil angenommen hat, und bei
einer Künstlerbiographie scheinen mir die Epochen innerer Ent-
faltung wichtiger, als die Angaben von Jahrzahlen.
Den ersten Unterricht erhielt L. Richter durch seinen Vater,
einen geschickten Landschaftsknpferstccher zu Dresden. 1819 in
seinem löten Jahre, machte der junge Künstler, im Gefolge des
Fürsten Narischkin, eine Reise durch Frankreich nach Nizza,
welche auf Richtern den guten Einfluß hatte, daß er zeitig die
Natur mit eignen Augen sehen lernte, che ihm die Dresdner
Landschafter, Klengel und Zing, ihre Brillen auf die Nase setz-
ten. Einige Jahre später unkernahm Richter eine Reise allein
nach Tyrol und Salzburg und führte sodann mit Jugendmuth
ein sehr großes Gemälde aus, in welchem er den Watzmann in
ernster Abendbeleuchtung darstellte. Ich erinnere mich der großen,
einfachen Wirkung dieses Bildes noch sehr wohl. Der Buch-
händler Arnold in Dresden setzte ihn durch das Honorar für
diese Arbeit in den Stand, eine Reise nach Italien anzutreten,
und mehrere Kunstfreunde sicherten seinen dortigen Aufenthalt
durch Bestellungen. Für Herrn v. Speck-Stcrnburg malte er
die Gegend von Rocca di niczzo und für Herrn Dr. Hillig eine
Ansicht des Gebirges von Amalfi. Zu jener Zeit machte Richter
die Bekanntschaft Julius Schnorrs v. Carolsfeld, der ihm zu
dein Bilde von Amalfi eine Gruppe entwarf, in welcher alle
Heiterkeit und Schönheit, alles Licht und Leben südlicher Natur,
die über die ganze Landschaft ausgeströmt sind, wie in einem
Brennpunkt sich vereinigen. Noch bewahrt Richter diese Zeich-
nung seines Freundes wie ein Heiligthum auf und er hat mir
oft gesagt, daß diese Skizze den entscheidendsten Einfluß aus ihn
hatte; denn er fühlte nun deutlich, daß der Natur ohne Men-
schen der Schlußstein fehlen würde und, man möchte sagen, daß
eine Landschaft ohne menschliche Gestalten ein Räthsel ohne Auf-
lösung sey; denn in der gegenseitigen Beziehung erklärt sich
wechselseitig Natur und Menschenleben. Bald nach seiner
Rückkehr ins Vaterland malte Richter eine Ansicht des Lauter-
brunner Thals und bald darauf für llnterzcichneten eine Ansicht
von Civitella und eine andere von La Riccia. Erstere war für
Schinkel ein Gegenstand großer Freude, so oft dieser treffliche
Mann meine Sammlung besuchte. Es steigt in diesem Bilde ein
Zug von Landleuten den Felsen hinan, auf welchem die alte
kleine Burg Civitella liegt, und die Karavaue schließt eine schöne
Schnitterin, die sich im Gehen flüchtig umschaut. Schinkel sagte,
er könne es sich nicht anders denken, als daß aus dieser Gestalt



