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Montag,
d e xi 17.
D e c e m H e r
I 8 L I.
P s y ch e,
Marmvrstatue von Dannecker.
Psyche, die zarte Jungfrau, ist das Symbol der Seele,
.welche sich über das Irdische erhebt und dem Himmlischen
piwendet. Diesen 'Zustand der Enifeffclnng und höchsten
Läuterung haben die Alten in der leichten, schwebenden, wie
von allem Jrdischenbefreyten Gestalt auszudrücken gesucht. So
scheu wir sie in der bekannten, wahrscheinlich dem besten Zeit-
alter der griechischen Kunst angehörigen Gruppe, wo Amor
und Psyche sich umarmen. - Die Mythe von Amor und
Psyche, welche Apulejus uns in der Form eines Mährchens
anfbewahrt hat, deren tiefere Bedeutung aber in den My-
sterien der Alten zu suchen und zum Theil von noch vor-
handenen Bildwerken bezeugt ist, *) versinnbildete die Prü-
fungen, welche die Seele durch die Liebe erfahrt, und
durch welche sie, allmählich von aller Unvollkommenheit be-
freyt, zu der ewigen Freude des Himmels gelangt.— Diese
ganze Ansicht streifte so nah an das Christenthum, baß in
der christlichen Symbolik auch zum Theil davon Gebrauch
gemacht wurde. **) — Die Fabel selbst aber, nach ihren
mannichsalkigen Thülen, gab den reichsten und günstigsten
Stoff für die bildende Kunst, und wer kennt nicht die Dar-
stellungen ans dem Alterthum, oder von Raphaels Hand
und aus seiner Schule, welche mit mclw oder weniger
Freyheit aus der mvthischen Crzablmig genommen sind?
Wenn die Alten diese Mythe mehr allegorisch auffaßten
und die in ihr enthaltenen Begriffe durch das wechselnde
Verhältnis der beyden Liebenden sinnbildlich andeutcten,
so spricht ein so tiefsinniger Gegenstand den Neueren mehr
zum Gemüthe, und fordert zu Darstelluugen auf, welche
durch Charakter und Ausdruck unmittelbar das innere
Seelenleben bezeichnen.
Dannecker's Psyche ist als Gegenbilbzu dem schon
') ®. Hirt über fcic F.ebel des Amor und der Psyche, in den
Swrifte« der Berliner Akademie 1811. 181z. — Sreu-
zcr's Symbolik N, A. Th. III. S. züü ff.
") Welches ein für die näa-sten Nummern bestimmter Auf-
satz ausführlich eutwicleln wird.
seit acht Jahren im königlichen Residenzschloß in Stuttgart
aufgestellten Amor gearbeitet, und, wie dieser, in einem
solchen Moment der Fabel ganz eigenthümlich mit der
dem Meister eigenen Tieft und Reinheit des Sinnes auf-
gefaßt.
Der Künstler hatte damals den Auftrag erhalten, ei-
nen trauernden Amor zu bilden. Die Lösung war
schwer; aber es fiel ihm der Augenblick ein, wo Amor,
lange der Geliebten unbekannt, aber endlich im Schlaft
von ihr mit der Lampe belauscht, durch einen brennenden
Oeltropftn aus der Lampe verwundet worden, entflohen,
und, betrübt über die nvtywendige Trennung, in Nachden-
ken versunken ist. - Amor steht, in der Rechten den
Pfeil, die Spitze nach unten gekehrt, in der Linken
den Bogen mit abgespannter Senne; das nmlockte Haupt
ist sinnend gesenkt, Stille der Schwermuth scheint durch
alle Glieder zu walten, ein mildes Lächeln schwebt nur
leicht über dem lieblichen Angesicht. Kein Zug verräth
den flatterhaften Knaben, welcher ewig unbeständig mit
Göttern und Menschen sein muthwilliges Spiel treibt —
er hat nun selbst die Schärft seines Pfeils empfunden und
fühlt sich geprüft und erhöht — er ist der reinere Eros ge-
worden, und er scheint nachzusinnen über das Mysterium
seines eigenen Wesens.
Indem nun Psyche als Gegenbild zu diesem Amor
dargestellt werden sollte, sah sich der Meister auf denselben
Moment der Fabel hingewiesen, welcher auch für die Ver-
lassene der Lebergang zu einer neuen Lel-ensperiode wird.
Sie hatte geliebt, und doch die Liebe nicht gekannt —
nun hat sie .die Schönheit des Geliebten geschaut, sie hat
empfunden, welch himmlisches Glück ihr zu Theil ge-
worden. Mit diesem Bcwußtsevn muß auch die höhere
Liebe in ihr erwachen, welche, durch Leiden geprüft, end-
lich der Wiedervereinigung mit dem Geliebten und der Se-
ligkeit des Olymps theilhaftig wird.
Von dieser Gedankenreihe veranlaßt, nahm Dannccker
seine Psyche ganz in menschlicher Beziehnng. Unbekümmert
um das Allegorische wollte er nur den ersten Moment ver-
sinnlichen, wo die jugendliche Seele, von tieferer Regung
ergriffen, anfängt fthnsuchtvoll zu träumen und zu ahnen.
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P s y ch e,
Marmvrstatue von Dannecker.
Psyche, die zarte Jungfrau, ist das Symbol der Seele,
.welche sich über das Irdische erhebt und dem Himmlischen
piwendet. Diesen 'Zustand der Enifeffclnng und höchsten
Läuterung haben die Alten in der leichten, schwebenden, wie
von allem Jrdischenbefreyten Gestalt auszudrücken gesucht. So
scheu wir sie in der bekannten, wahrscheinlich dem besten Zeit-
alter der griechischen Kunst angehörigen Gruppe, wo Amor
und Psyche sich umarmen. - Die Mythe von Amor und
Psyche, welche Apulejus uns in der Form eines Mährchens
anfbewahrt hat, deren tiefere Bedeutung aber in den My-
sterien der Alten zu suchen und zum Theil von noch vor-
handenen Bildwerken bezeugt ist, *) versinnbildete die Prü-
fungen, welche die Seele durch die Liebe erfahrt, und
durch welche sie, allmählich von aller Unvollkommenheit be-
freyt, zu der ewigen Freude des Himmels gelangt.— Diese
ganze Ansicht streifte so nah an das Christenthum, baß in
der christlichen Symbolik auch zum Theil davon Gebrauch
gemacht wurde. **) — Die Fabel selbst aber, nach ihren
mannichsalkigen Thülen, gab den reichsten und günstigsten
Stoff für die bildende Kunst, und wer kennt nicht die Dar-
stellungen ans dem Alterthum, oder von Raphaels Hand
und aus seiner Schule, welche mit mclw oder weniger
Freyheit aus der mvthischen Crzablmig genommen sind?
Wenn die Alten diese Mythe mehr allegorisch auffaßten
und die in ihr enthaltenen Begriffe durch das wechselnde
Verhältnis der beyden Liebenden sinnbildlich andeutcten,
so spricht ein so tiefsinniger Gegenstand den Neueren mehr
zum Gemüthe, und fordert zu Darstelluugen auf, welche
durch Charakter und Ausdruck unmittelbar das innere
Seelenleben bezeichnen.
Dannecker's Psyche ist als Gegenbilbzu dem schon
') ®. Hirt über fcic F.ebel des Amor und der Psyche, in den
Swrifte« der Berliner Akademie 1811. 181z. — Sreu-
zcr's Symbolik N, A. Th. III. S. züü ff.
") Welches ein für die näa-sten Nummern bestimmter Auf-
satz ausführlich eutwicleln wird.
seit acht Jahren im königlichen Residenzschloß in Stuttgart
aufgestellten Amor gearbeitet, und, wie dieser, in einem
solchen Moment der Fabel ganz eigenthümlich mit der
dem Meister eigenen Tieft und Reinheit des Sinnes auf-
gefaßt.
Der Künstler hatte damals den Auftrag erhalten, ei-
nen trauernden Amor zu bilden. Die Lösung war
schwer; aber es fiel ihm der Augenblick ein, wo Amor,
lange der Geliebten unbekannt, aber endlich im Schlaft
von ihr mit der Lampe belauscht, durch einen brennenden
Oeltropftn aus der Lampe verwundet worden, entflohen,
und, betrübt über die nvtywendige Trennung, in Nachden-
ken versunken ist. - Amor steht, in der Rechten den
Pfeil, die Spitze nach unten gekehrt, in der Linken
den Bogen mit abgespannter Senne; das nmlockte Haupt
ist sinnend gesenkt, Stille der Schwermuth scheint durch
alle Glieder zu walten, ein mildes Lächeln schwebt nur
leicht über dem lieblichen Angesicht. Kein Zug verräth
den flatterhaften Knaben, welcher ewig unbeständig mit
Göttern und Menschen sein muthwilliges Spiel treibt —
er hat nun selbst die Schärft seines Pfeils empfunden und
fühlt sich geprüft und erhöht — er ist der reinere Eros ge-
worden, und er scheint nachzusinnen über das Mysterium
seines eigenen Wesens.
Indem nun Psyche als Gegenbild zu diesem Amor
dargestellt werden sollte, sah sich der Meister auf denselben
Moment der Fabel hingewiesen, welcher auch für die Ver-
lassene der Lebergang zu einer neuen Lel-ensperiode wird.
Sie hatte geliebt, und doch die Liebe nicht gekannt —
nun hat sie .die Schönheit des Geliebten geschaut, sie hat
empfunden, welch himmlisches Glück ihr zu Theil ge-
worden. Mit diesem Bcwußtsevn muß auch die höhere
Liebe in ihr erwachen, welche, durch Leiden geprüft, end-
lich der Wiedervereinigung mit dem Geliebten und der Se-
ligkeit des Olymps theilhaftig wird.
Von dieser Gedankenreihe veranlaßt, nahm Dannccker
seine Psyche ganz in menschlicher Beziehnng. Unbekümmert
um das Allegorische wollte er nur den ersten Moment ver-
sinnlichen, wo die jugendliche Seele, von tieferer Regung
ergriffen, anfängt fthnsuchtvoll zu träumen und zu ahnen.



