Morgenblatt für gebildete Stände / Kunstblatt — 5.1824

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Nr. 89

Kunst-Blatt.

Donnerstag, d e n 4. November 1824.

Noch einiges über die Sammlung altdeutscher Ge<
mäldc in dem sürstl. Octtingcn - Wallcrsicini-
schcn Schlosse Wallcrsicin und über die dortigen
sonstigen Kunstichätzc.

An des alten Schwabens nordöstlicher Gränze, wo
die Gewässer der Wernitz und des Egerflusses dem Donau-
strome sich nahe», wo reiche Saaten das Beet eines ehe-
maligen Alt-Sees decken, und der Waller-Stein (Stein
der Wanderer) seiner alten Feste beraubt, einsam und
verwitternd hinblickt auf die vielbevölkerte Ebene, gleich-
sam als sterbender Zeuge einer reichen nun abgeschlossenen
Lokalgeschichte, versucht eben jezt die neueste Zeit ein stum-
mes durch ein sprechendes Denkmal zu ersetzen, und die
schwindende Erinnerung in einem ander» lebendigeren
Bilde festzuhalten. Kunstschätzc der Vorzeit, vorzüglich
auch in örtlicher Beziehung merkwürdig, finden sich dort
aufgestellt. Hat der Reisende an dem Felsen von Waller-
stein und an den von seinem Giebel aus sichtbaren Ruinen
von Niederhaus, von Allerheim, von Flvchbcrg die Fehdc-
zeit des Faustrcchtes und die Schauder des Schweden-
krieges erkannt, so sagen ibm nunmehr die Säle des
fürstlichen Schlosses, das schone Land sey auch dem finni-
gen Streben der Minnezeit und dem Kunstreichthume des
schöneren Mittelalters nicht fremd geblieben.

Bisher war wenig über diese Sammlungen gespro-
chen worden; der Begründer derselben wollte nicht, daß
durch ihn oder auf seine Veranlassung davon öffentlich
geredet werde. Nun aber der Vorstand der fürstlichen
Kunstsammlungen selbst in seinen interessanten Mitthei-
Inngen (siche Kunstblatt Nr. 80. und 81.) die Bahn ge-
brochen , dürften auch folgende die Ucberzeugung des
Stifters aussprechende Notizen nicht ohne Interesse sepn.

Als im Jahre 1812 der Fürst Ludwig Craft
Ernst von O e t t i n g e n - W a 11 e r st e i n das Erbe seiner
Väter aus den Händen einer lauge gedauerten Vormund-
schaft empfing, wurden ihm auch Gemälde und Bücher
übergeben. Von dem, was gegenwärtig die Zierde der

Wallersteinischen Sammlungen bildet, war damals We-
niges vorhanden; die große, aus hunderttausend Werken
bestehende Bibliothek enthielt unter zahlreichen Manu-
ftripten und alten Drucken nur weniges durch Inhalt
oder Bepzierde eigentlich Hervorragendes, und an alt-
deutschen Bildern waren in dem Gemäldezimmer nur vier
Tafeln zu treffen, und zwar eine Opferung sammt einem
Gegenstücke von Hanns Vurgmaper, eine total über-
malte heilige Familie im Stvle Hemsens, und ein Por-
trät , das durch Behandlung und Jahrszahl sich an
die beginnende Manieristik der niederländischen Schule
reihet.

In der Folge rettete man aus einer feuchten Schloß-
kapelle, dem Verderben nahe, zwey Tafeln im Style
Wohlgemuths zusammt einer herrlichen Bilderreihe
von Schäuffelein. Ein großes Gemälde Cranachs,
das lange unter einem schadhaften Dache mit Schnee und
Regen gekämpft hatte, fand sich in drep Theile zerschla-
gen, und eine alte Kiste verbarg unter zerbrochenem Ge-
räthe jene Tafel Martin Schaffners, die nunmehr
durch Inschrift und Vergleichung zu den wichtigsten Auf-
schlüssen führt.

Die so hervorgezogenen Gemälde wurden aufgestellt
und bildeten den kaum bemerkbaren Grundstein der gan-
zen Sammlung.

Ankäufe der Periode von 1812 bis 1814 vermehrten
vielfach den kleinen Anfang. Dem Jahre 1815 jedoch
blieb cs Vorbehalten, den bis dahin schwachen Keim schnell
zur kräftigen Blüthe zu treiben. Verbindungen mit Pa-
ris, insbesondere aber der Ankauf der reichen Gemälde-
Sammlung des durch Kunstsinn und glückliche Stellung
zum Retter vieler Denkmale berufenen Grasen Joseph
v. Rechberg, erweiterten den Vorrath an Zahl und
Gehalt dergestalt, daß schon zu Ende des Jahrs i8i5 au
eine förmliche Aufstellung gedacht werden konnte.

Diese kam auch wirklich zu Stande. Ein eigener
Flügel des fürstlichen Schlosses sah seine Wohnungsein-
richtung verschwinden; Zimmer, Gänge, Gewölbe füllten
sich mit Gemälden, mit theils ererbten, theils angekauf-
ten Büchern, mit Kupferstiche», Holzschnitten, mit
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