Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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Aie AussteUung der piloty'schen Zchule in
der Münchener Lunltakademie.

^ Es war ein glücklicher Gedanke der Angehörigen der
Schule Karl Piloty's, eine wenn auch kleine Ausstellung
von Arbeiten zu Gunsten unserer Verwundeten zn ver-
anstalten. Auf diese Weise gelang es, in einer Zeit,
welche ihr aussckließliches Jnteresse der Politik zuwendet,
wenigstens einen Theil derselben der Knnst wieder zu ge-
winnen.

Die Ausstellung fand in einem der ebenerdigen Säle
des Akademiegebäudes gegen eine Gebühr für den oben-
bezeichneten Zweck statt und warf eine für die Umstände
nicht unbeträchtliche Summe ab.

Es waren im Ganzen nur zwölf Bilder; gleichwohl
aber reichten dieselben hin, dem Besucher im Kleinen ein
Bild der gesammten Kunstrichtung zu geben, welche die
Piloty'sche Schule vertritt.

Man mag über die Leistungen Piloty's als ausübenden
Meisters immerhin bedeutenden Bedenken sich hingeben,
seine ganz ungewöhnliche Lehrfähigkeit muß man rückhalt-
los anerkennen.

Es ist eine auf allen Akademien wiederkehrende Klage,
daß die Schüler durch den Zwang, welche die jeweils
herrschende Lehrmethode auf sie ausübt und welcher ver-
langt, daß sich die Scküler der Jndividualität ihres
Lehrers so eng wie möglich anschließen, ihre eigene ver-
lieren. Dieser Mißstand findet sich wohl in keiner Maler-
schule weniger als in der Piloty'schen, und es muß dem
Meister dieß als ein um so größeres Verdienst angerechnet
werden, als durch das Gegentheil schon manches tüchtige
Talent zu Grunde gerichtet ward. Piloty's Lehrmethode
macht es ihm möglich, die Eigenthümlichkeit eines jeden
seiner zahlreichen Schüler ihrcm ganzen Umfange nach zu
berücksichtigen und nicht blos sich entfalten zu lassen,
sondern auch die Entfaltung in energischer Weise zu
unterstützen. Dieß wird ihm natürlich nur dadurch
möglich, daß er vorübergehend, d. h. so lange er sich mit
dem Einzelnen beschäftigt, gewissermaßen aus sich selbst
herauszutreten und die Anschauungs- und Empfindungs-
weise seines Schülers anzunehmen vermag.

Es begreift sich aber leicht, daß eine solche augen-
blickliche Verneinung seines Jch, immer durch die Grenzen,
welche die Grundsätze der Kunst stecken, eingeschränkt
wird. Sie würde aber das bedeutende Talent, das man
in Piloty auch von Seite seiner Gegner gern anerkennt,
Nothwendig zu einer innerlichen Auflösung und Zerstörung
bringen, wenn nicht das Band, welches alle seine Schüler
mit ihm nnd unter sich verbindet, eine mehr äußerliches
als innerliches wäre. Dafür sprach auch die Ausstellung
>n der Kunstakademie wieder deutlich genug. Es waren
darin die verschiedensten Richtungen der Malerei vertreten;
durch alle Bilder hindurch zog sich aber als gemeinsames

Elcmeut die Aehnlichkeit der Technik hindurch. Jn der
That beschränkt sich der Einfluß des Meisters ausschließend
auf die Technik, und darin liegt der Unterschied zwischen
der Schule Piloty's und anderen älteren und gleichzeitigen
Malerschulen. Jn der Kunst gibt es eigentlich nur Eines,
was man lehren kann, weil dieses Einzige es anch ist'
was man zu lernen vermag: das Handwerk der Kunst-
Das innere Element, das eigentlich Schöpferische der
Kunst kann nur angeregt werden, nicht gelehrt; so wenig
wie es möglich ist, einen Dichter zu erziehen, während es
natürlich sehr wohl angeht, den dichterisch begabten
Schüler mit den Vorschriften der Metrik bekannt zu
macken, ebenso wenig wird ein Lehrer im Stande sein ihm
zur Phantasie zu vcrhelfen, wenn die Natur sie ihm
versagt hat.

Wäre das Band, welches Meister und Schüler um-
schlingt, ein geistigeres, so könntcn unmöglich Künstler
I wie Schütz und Makart, Defregger und Bolonachi aus
der gleichen Schule hervorgegangen sein, und man könnte
angesichts innerlich so verschiedenartiger Erzeugnisse mit
Grund daran zweifeln, ob von einer Piloty'schen Schule
im eigentlichen Sinne des Wortes überhaupt die Rede
sein kann.

Wie Piloty selber aus den Traditionen der modernen
belgischcn Kunst hervorging, so zeigt stch auch unter einem
Theile seiner Schüler das Vorherrschen belgischer und
französischer Einflüsse, während andere an der Art und
Weise Piloty's festhalten.

Jn der Ausstellung sind fast alle Richtungen der
Malerei vertreten und in allen ist Tüchtiges geleistet
worden. Am tiefsten steht die große historische Kunst,
welche überhaupt die Schwäche der Schule nickt allein
sondern auch des Meisters bildet, dem es nur einmal in
seinem Tode Cäsar's gelang, sich zu der Höhe historischer
Auffafsung aufzusckwingen, während er sich sonst überall
innerhalb der Grenzen des historischen Genre hält.

Man hat einmal viel von Differenzen zwischen Kaul-
bach und Piloty gesprochen; der beste Beweis von der
Grundlosigkeit solcher Gerüchte ist wohl die Thatsache,
daß Erstererseinen Sohn Hermann in des Letzteren Schule
aufnehmen ließ. Die erste Frucht des künstlerischen
! Strebens Hermann Kaulbach's sehen wir in seinem
„Ludwig von Frankreich im Gefängnisse von Peronne
und sein Barbier Oliver le Daim". Hermann Kaulbach
hält sich noch streng an des Meisters Art und Weise; dies
ist ein Beweis dafür, daß es dem jungen Künstler am
Herzen liegt, dereinst etwas Tüchtiges zu leisten. Aber
offenbar ist ihm der Charakter des elften Ludwig nicht
zum klaren Bewußtsein gekommen. Ludwig war politisch
und moralisch genommen ein Scheusal, das kein Mittel
verschmähte, seine Ziele zu erreichen. Diese Ziele waren
jedoch allzeit bedeutende und der König bei aller Schlech-
tigkeit des Herzens ein großer Politiker, der immerhin
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