Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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strebend in die vorderste Reihe gestellt, in welcher unsere
besten Meister stehen. Sein Bild, eine Jagdgesellschaft
in einer Parkallee, ist so brillant in der Farbenwirknng
und originell und poetisch in der Erfindung, daß es fast
zum interessantesten Stücke der Ausslellung wird. Käser
scheint sich überhaupt mit Vorliebe auf die aufstrebende,
hoffnungsvolle Jugend zu stützen. So wird es sein Ver-
dienst sein, zuerst auf manches bedentende malerische
Talent aufmerksam gemacht zu haben, und bei jungen
Leuten, wie Charlemont und Rumpler, die schon in
den Erstlingswerken so achtunggebietende Proben einer
außergewöhnlichen Begabung geliefert haben, wird es
allerdings ein Verdienst sein, ihnen die steinigen Wege
des Anfanges geebnet zu haben. — Ein reizendes Jdyll
hat Beischlag geliefert. Ein griechisches Mädchen be-
kränzt an Bachesrand einen Jüngling: das der einfache
Stoff, der noch dazu auch sehr einfach behandelt ist. Kein
künstlerischer Knalleffekt, gar kein Asphalt, keine zweifel-
hafte Moral, kurz die höchste Solidität in Allem, die ge-
wiß stets sehr schätzbar ist, die aber hier leicht langweilig
werden könnte, würden wir nicht durch den unbeschreiblich
anmuthigen Ausdruck des Mädchens gefesselt. Ein großes
Bild von Flüggen: „Abend in Genna", ist in jener
dünnflüssigen Manier gemalt, die eine Errungenschaft
unserer allerneuesten Zeit geworden ist. Die Komposition
ist reiz- und leblos und leidet an bedenklichem Mangel
von Einheitlichkeit, dagegen sind die einzelnen Figuren
für sich gut komponirt, jedenfalls aber liegt der Hanpt-
vorzug des Bildes in seinem Tone. Die Hauptvertreter
des französischen intims, Rousseau undDau-

bigny, auch Trotzon sind gut vertreten; Rosa Bon-
heur zeigt sich als Bildhauerin. Sie modellirt die
Thiere mit demselben Geiste, mit derselben Delikatesse,
wie sie sie malt. Ein eigenthümliches Bild ist Tissot's
„Vivo lu r^pnlsliguo^. Einige Jncroyables stoßen in
einer Weinlaube an auf das Wohl des freien Volksstaates,
die jungen Frauen oder Mädchen, die ebenfalls an dem
Symposion Theil nehmen, zeigen in ihren Zügen noch
den Gram, den ihnen vielleicht der Henker des freien
Staates zugefügt hat, auf dessen Wohl sie die Gläser zu-
sammenklingen lassen. Es ist eine Mischnng von raffi-
nirter Sinnlichkeit, von Tragik und Bizarrerie in diesem
Gemälde, daß es fast den Eindruck einer überzuckerten
Tragikomödie von Hebbel macht. — Der Hunde-Ste-
vens zeigt uns die Tantalusqualen eines Kettenhundes,
vor dem ein mächtiges Stück Fleisch liegt, jedoch gerade drei
Zoll weiter, als er mit dcr Schnauze langen kann, ohne
sich ganz zu erwürgen. Von Willems sinden wir ein
Jnterieur aus seiner frühesten Periode, das zu Berglei-
chungen mit seinen späteren Werken herausfordert und
eine interessante Jllustration zu der Entwickelungsgeschichte
des Künstlers bietet.

Noch haben wir nicht alles Hervorragende aus Käser's

Salon genannt, doch hoffentlich genug, um die Berech-
tigung dieser Zeilen darzuthun.

B. Goldscheider.

Korrespondenzen.

Florcnz, im Auguft l«7».

Unlängst war der Unterrichtsminister Correnti im
Garten des Hospitals von Santa Maria Nuova, genannt
„Orto delle Ossa", um das Frescobild zu besichtigen,
welches das jüngste Gericht darstellt und von Fra Bar-
tolommeo in Gemeinschaft mit seinem Freunve Mari-
otto Albertinelli gemalt wurde. DerMinister drückte
den Wunsch aus, daß so viel wie möglich, nämlich der obere
Theil des in sehr schlechtem Zustande befindlichen Fresco-
bildes, erhalten und restaurirt werde, und der Berwalter
der Bauhütte des Klosters schien hierauf bereitwillig ein-
zugehen. Möge er es auch wirklich thun und nöthigen-
falls die Regierung ihn unterstützen! — Denselben Tag
besichtigte Correnti auch die ihrer Vollendung nahe Na-
tionalbank,die nach den Plänen des Architekten Cipolla
erbaut wurde. Anerkenuung fanden besonders die Ge-
mälde an den Plafonds von Prof. Samoggia und die
Arbeiten des geschickten Dckorationsmalers Prof. Giro-
lamo Magnani von Parma. — Doch scheint sich
Correnti in der letzten Zeit etwas müde gelaufen zu
haben, denn in der Einsicht, daß es absolut unmöglich
sei, alle Kunstwerke und Monumente in ganz Jtalien
selbst zu besichtigen, hat er das Projekt in's Auge gefaßt,
das übrigens schon längst von Cavalcaselle vorge-
schlagen war: ein Specialamt zur Beaufsichtigung- der
schönen Künste herzustellen. Er that davon im Senat
Erwähnung, welcher einem solchen Vorhaben keinerlei
Hinderniß entgegensetzt. Es ist nicht genug zu betonen,
wie sehr nützlich eine solche Behörde wäre. Die Gesetze
über die Jncamerirung der geistlichen Güter, sowie über
den Eigenthumswechsel jeder Art, wie er in Folge der
Einigung Jtaliens eintrat, befehlen wohl der Regierung die
Sorge für die Erhaltung der Monumente und der Kunst-
werke; aber wer soll sie bezeichnen und ihren Werth be-
stimmen? Weil hiezu niemand vorhanden war, hat man
sogar die Frist verstreichen lassen, welche vom Gesetz zur
Bildung der Liste derjenigen Kunstwerke und Monumente
bestimmt war, die erhalten werden sollten. Schon seit
dem 15. August 1869 ist diese Frist verstrichen! Es ist
deßhalb ein besonderes Gesetz von Nöthen, wenn man
weitere Vorsorge für jene Werke treffen will, und ein
solches Gesetz wird ausgearbeitet. — Wie sehr die Verzöge-
rungen zu beklagen sind, wird man begreifen, wenn wan
bedenkt, daß die Erhaltung so vieler Monumente vom
Augenblick abhängt. Außerdem war die stereotype Antwort,
welche der Minister erhielt, wenn er von den Präfekten
Jnformationen über Kunstwerke einzuziehen wünschte:
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