Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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sich einstweilen mit den Apfelblüthen und nimmt ruhig
eine abwarteude Stellung ein. —

Eins der auffallendsten Bilder dieser Gattung ist
„DnVckrits" ven I. I. Lefsbvre. — Die Wahrheit ist
natürlich nackt, splitternackt. Ueberlebensgroß steht sie
da in einem Rahmen von ungewöhnlichcm Höhenformat.
Jn der erhobenen Rechten hält sie einen Hohlspiegel der,
wie ich annehme, ein reines weißes Licht reflektirt; mit der
linken Hand faßt sie ein von oben herabhängendes Seil,
vermuthlich das der großen Glocke. Sie tritt aus dcr l
schwarzen Nacht einer Höhle hinaus in's helle Tageslicht, I
durch das sie aber sehr merkwürdig beleuchtet wird, hicr j
Mit rosenrothen und dort mit leichenblassen Tönen, die
sich nur durch das Reflexlicht aus dem symbolischen Spie-
gel erklären lassen. Die ganze Pose ist auf Effekt berech-
net und erinnert in fataler Weise an die Schlußtableaux
im Gaietstheater. Die Zeichnuug läßt zu wünschen übrig.

Hierher gehört auch das eine diesjährige Bild von
Hckbert, dem bekanntenMaler der „Malaria" und der
„Rosanera", jetzt Direktor der französischen Akademie
in Rom: „I-u WU86 xopuluiro itLlionnö". Es ist dies
ein Weib von konventionell schvnem Körperbau und mit l
einem modern sentimentalen Gesichte. Sie hat ihr pur-
Purrothes Gewand von den Schultern herabgleiten lassen
und steht entblößt vor uns da. Ueber ihr öffnet sich eiue
Felsengrotte, in der ein kleines Mässerchen entspringt.
Dieses fällt aus einem uatürlichcn Steinbecken in eine
neben ihr stehende Vase oder fließt auch daneben auf den
Boden —, ich weiß es nicht mehr recht; man vermuthet
darin irgend eine versieckte Bedeutuug, einen Rebus, wie
sie in den fliegenden Blättern vorkommen.

Das zweite Bild von H6bert aber „Ds Nutin st le
^8oir cke Invis" ist viel bedeutender und gehört der vorher
erwähuten ideal typischen Gattuug an. — Eiu kräftiges
junges Landmädchen, in leichtes Linnen gekleidet, steht
auf einem Stein am Brunnentrog. Die rechte Hand
hält den Eimer, die linke ist in die Seite gestemmt, und
aus den großen klaren Augen schaut sie zuversichtlich und
sast trotzig in die Welt hincin.

Es ist dies kein Bühnenbauernmädchen, keine Skizzen-
buchfigur. Ein Lebensalter und eine Lebensstellung sind
M ihr voll und und typisch dargestellt, die ganze Poesie
der Jugend und der Erwartung in ihr verkörpert.

(Forts. folgt).

Der deutsch-frttnzösische Krieg und die Kunst-
indnstrie.

Ueber dieses Thema flocht R- v. Eitelberger einem
kürzlich im österreichischen Museum in Wien gehaltenen
Vortrage eiue Reihe trefflicher Bemerküugen ein, welche
wir unsern Lesern auf Grund eines in der „Presse" mit-
getheilten Neserates auszugsweise mittheileu.

„Die Stellung des deutschen Volkes, so begann der !

Vortragende, wird sicher nach dem Kriege eine andere
sein als vorher; denn das deutsche Volk wird bemüht
sein, die praktischen Erfolge aus den Siegen seiner
Waffen zu ziehen. Duodez-Nationen und halbbarbarische
Bölker werden nicht mehr an seiuer Machtstellung rütteln
dürfen. England ausgenommen, besitzt kein europäischer
Staat eine so bedeutende Seeküste und so bedeutende
Seestädte wie Deutschland. Schon im Jahre 1867 war
die deutsche Handelsflotte die drittgrößte in der Welt und
der französischen weitaus überlegen. Es gibt keinen
überseeischen Handelsplatz, wo sich nicht deutsche Kolo-
nisten, auf denen die Zukunft des deutschen Handels be-
ruht, niedergelassen hätten. Daher kam es, daß die Nach-
richt von der Kapitulation von Sedan in den fernsten
Orten Amerika's und Australiens gefeiert wurde; denn
es gibt keinen Deutschen mehr, der nicht ein ausge-
sprochenes Nationalgefühl hätte, und so dürfen wir
hoffen, Laß die Deutschen wieder jene Weltstellung ein-
nehmen werden, die sie vor dem dreißigjährigen Kriege
inne hatten, und die ihnen durch die religiösen Wirren
und die Entnationalisirung ihrer Fürsten entrissen wurde.

Diese Fortschritte der deutschen Nation wurden durch
die Unfähigkeit der romanischen Race zur Kolonisatiou
unterstützt. Unter den Touristen, die Vergnügens halber
durch die Welt reisen, findet man Franzvsen, Nussen,
selten Jtaliener; die Reisenden, die ernster Arbeit halber
durch die Welt reisen, sind durchgehends Amerikaner,
Engländer, Deutsche.

Der frauzösische Geschmack lastet wie ein Alp auf
der deutschen wie aus der österreichischen Kunstindustrie;
die öffentliche Meinung mißtraut dem Genius des deut-
schen Arbeiters, und erst durch die erschütternden Ereig-
nisse der letzten Wochen wird das deutsche Volk von dem
romanischen Drucke befreit werden.

Trotzdem dürfen wir uns in dieser Hinsickt keinen
trügerischen Jllusionen hingeben. Allerdings liegt die
französische Jndustrie gegenwärtig schwer danieder; wich-
tige Jndustriegebiete gehen ihr mit Elsaß und Lothrin-
gen verloren; kostbare Arbeitskräftc sind ihr dnrch die
Ausweisung der fremden Arbeiter cntzogen, aber trotz-
dem wird sich Frankreichs Jndustrie in BLlde erholeu.
Denn Frankreich gebietet über eine nicht gewöhnliche
Schaar technisck und wissenschaftlich gebildeter Kapaci-
täten; es ist ferner ein politisch geeinigtes, centralisirtes
Land. Diese Vortheile bleiben Frankreich auch nach
diesem unheilvollen Kriege.

Es war nicht das erstemal, daß Frankreich Jndustrielle
und Arbeiter gewaltsam austrieb; schon eimnal war dies
zur Zeit des Edikts von Nantes der Fall. Wären die
Franzosen gewöhnt, die Geschichtschreiber des Auslandes
zu lesen, so würden sie sich gehütet haben, diese Austrei-
bung zu wiederholen; denn wie zur Zeit der Hugenotten-
vertreibung werden auch diesmal die vertriebenen deut
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