Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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Sicherheitskomitss gebracht. Dort sitzt er auf cinem
Stuhl unv starrt verzweifelt in die Höhe. Ein Para-
graph im Katalog meldet uns, daß er ein an der Wand
hängendes Bild betrachtet, wetches die Erklärung der
Menschenrechte darstellt, nnd dabei ansrnst ,,6'est ponr-
tnnt woi Pii ni tnit oeln!" Wenn der Künstler glaubt,
daß dies Alles im Bilde ausgedrückt sei, so irrt er sich
gewaltig.

Mit der Erweiterung unsers ganzen Wisfens, mit
der Annäherung der Welttheile durch die mvdernen Ber-
kehrsmittel, mit der Entwickelung der Reiselust wnrde das
Feld der Charaktermalerei ungeheuer erweitert. Wir
bekamen eine Zeitlang nur italienische Bauern, Schweizer
und Tyroler zu sehen, dann wurde der Orient in das
Gesichtsfeld der Charaktermalerei hineingezogen, und
wenn dieser Durst nach dem Fremden noch zunähme, so
würden bald die Darstellungen der nackten Bölker am
Amazonenstrcme ous den Heften des „Globus" und des
„DonränUoncks" in unsreKunstausstellungenwandern.—
Gleichzeitig damit entstanden die vielen Reisebeschrei-
bungen, die erdichteten und die wahren, und man in-
teressirte sich eine Zeitlang fast lebhafter für das Jnnere
Afrika's als für das Jnnere von Deutschland. Jch möchte
sagen, es fand eine Störung im ethnographischen Gleich-
gewichte Statt. Das Charakteristische selbst in den unbedeu-
tendsten Gegenständen anfzusuchen, wurde Mode. George
Sand bringt in einem ihrer Romane eine Unterhaltung, die
diese Frage beleuchtet: „Wenn ich mich nicht fürchtete,
das Wort auszusprechen," sagt die moderne Person, „so
würde ich sagen, der Mann hat Charakter." „Oll oui,"
erwidert die altmodische Marquise, „ss ws sonvisus
o'sst un wot ä'nutsur ou äs psintrs, ciunnä une wnr-
wite n bisll I'nir ä'uns wnrmits ou un bnnv n liion
I'air ä'un bs.no, tzs s äu osrsotsrs."

Glücklicherweise scheint es, als hätte diese Nichtung
der Genremalerei ihren Höhepunkt erreicht. Diese Gat-
tung wird nun eine ehrenvolle, wenngleich bescheidene,
Stelle in unsern Kunstausstellungen einnehmen. - Das
orientalische Genre ist aber immer noch durch recht zahl-
reiche und recht tüchtige Leistungen vertreten. Eine pseu-
donhme Künstlerin, Madame Henriette Brown, lie-
ferte ein hübsches Kabinetstückchen: „Ims orsnxss, üsuts
L^pts." Zwei nußbraune Fellahkinder mit geschorenen
Vorderköpfen und schwarzen Zöpfen hocken an einer
Mauer und essen die Orangen aus einem Korbe, die sie
wahrscheinlich hätten verkaufen sollen. Das Beste aber
von orientalischen Charakterbildern war eine mehr ideale
Darstellung ^IiS rsvs ä'un oro^snt" von Achille Zo.
Abweichend von den meisten Traumdarstellungen ist nicht
der Träumende, sondern der Traum selbst der Mittel-
punkt der Komposition. Vorne zwei tanzende Almss nnd
Tambourinschlägerinnen. Rechts und links wandeln lie-
bende Paare, Muselmänner in den besten Jahren und

nacktc Houris von verführerischen Körperformen. Jm
Hintergrunde eine tropische Landschaft, duftig und mär-
chenhaft. Die ganze Vision leuchtet in zarten, unwahr-
scheinlichen Farbcn. Nach dem Rande hin verschwimmt
alles in Tabaksrauch. Ilnten bemerkt man die Figur des
gelagerten Ottomanen. Ein seliges Lächeln schwebt anf
seinen Lippen und um seinen grauen Schnurrbart. Man
sieht nur seinen Oberkörper und die wenigen Gegen-
stände, die außer dem Tranmbilde in seinem Bewnßtsein
eine Stelle haben mögen, den dampfenden Schibuk,
dessen Rohr seiner Hand entglitten ist in die Polster des
Divans. (Forts. folgt).

Korrespondenzen.

Wien, Anfang November 1870.

Vor dem Allerseelentage hat bei uns Niemand das
Recht, zu frieren; denn mit ihm beginnt erst officiell die
Wintersaison. Ilnaufgefordert schickt der Kürschner alles
Pelzwerk zurück, das den Sommer über seiner Obhut an-
vertraut war; die Oefen sind erst heute, und mag man es
früher noch sehr urgirt haben, vollkommen wieder in den
Stand gesetzt, und ohne erst irgend einen Auftrag abzu-
warten, beginnt der Diener einzuheizen. Er würde es
auch thun, wenn die Sonne heiter vom Himmel herunter-
lachen und nns dnrch die Wärme ihrer Strahlen weiß zn
machen versuchen würde, daß sie die Sonne des Sommers
sei. Eine warme frenndliche Witterung am Tage Aller-
seelen wäre ein Anachronismus, der einen treuen Diener
seines Herrn in der Erfüllung seiner Pflichten doch nim-
mermehr wankend machen darf. Zum Ueberflusse hält sich
nun auch die Natur genan an das Programm, und heute
zum ersten Male fiel Schnee, der in Verbindung mit dem
vom Winde uns in das Antlitz gepeitschten Regen sehr
wohl danach angethan ist, es uns sä oenlos zu demon-
striren, daß es nnn vorbei sei mit der Gemüthlichkeit, und
daß die Zeit der Vorlesungen und Konzerte über uns her-
eingcbrochen sei. An uns aber tritt mit dem Anfange des
Wintersemesters auch die Pflicht heran, eincn Rückblick auf
das verflossene Halbjahr zu werfen, und den Lesern dieses
Blattes ein Resums zu bieten über die verschiedenen Aus-
stellungen, die es uns gebracht. Daß die kriegerischen
Ereignisse, wie sie großartiger niemals noch sich voll-
zogen haben, nicht eben von günstigem Einflusse auf un-
ser Ausstellungswesen waren, liegt auf der Haud. „Wer
denkt daran, sein Haus zu schmücken, wenn die Erde
bebt?" Diese Frage, die Dubois in seiner herrlichen
Rede über den Krieg stellt, würde wohl ausreichen, uw
selbst einc gänzliche Stagnation im Reiche der Kunst er-
klärlich zu machen. Diese ist nun bei uns Dank der hin-
länglich bekannten Leichtlebigkeit Wiens nicht eingetreten,
wenn auch die Thatsache feststeht, daß die Ausstellungen,
die noch vor Ausbruch des Krieges in Scene gesetzt wur-
den, den Beschauer eine unvergleichlich größere geistig^
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