Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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ten Bitde sitzt eine Spinnerin im Walde, neben ihr führt
ein sonniger Pfad durch das Holz, und bezeichnet gerade-
zu das Weiterschreiten des Wanderers. Sie hat einen
nachdenklich brütenden Blick, etwa wie man die Jeanne
von George Sand sich denken mag, aber ihre Naivetät
und die der betrefsenden Jeanne denke ich mir nur in-
teressant im Munde eines ähnlich geistreichen Jnterpreten.

Ein Bild, in demselben Sinne wie die Breton'schen,
aber humoristisch behandelt, ist Lvwmtzres äes

doräs äu Rdons" von A. Perret. Nahe am Ufer des
Flusses schwimmt ein Kahn, auf dem eine Bude erbaut
ist, wahrscheinlich zum Waschen eingerichtet. Die ganze
Ferne verhüllt ein dichter Nebel, aus dem sekbst drese
Bude im Mittelgrunde zweifelhaft hervorlugt. Oben er-
scheint die Sonne als feuerrother Nebelfleck, und in den
plätschernden Wellen am Ufer sieht man ihr gebrochenes
Spiegelbild; im Vordergrnnde eine Gruppe von drei
oder vier Klatschschwestern. Jhre runzeligen Gesichter
grinsen unter den weißen Hauben, und mit erhobenen
Händen sreuen sie sich über einen Hauptspaß. Vom höher
gelegenen Terrain eilen noch zwei fast im Nebel ver-
lorene Weiber einen Pfad hinab. Jch habe uoch nie ein
Bild mit einer solchen akustischen Nachwirkung gesehen.
Man glaubt auf das laute Geklatsch und Gelächter her-
beigeeilt zu sein, und nun die komische Gruppe immer
deutlicher aus dem Nebel hervortreten zu sehen. Ganz
unerwartet kommt man aus der vollständigsten Einsamkeit
und Jsolirung auf diefen kleinen Scherz.

(Forts. folgt).

G. M. Eckert's photographische Malerstudien.

Die bedeutenden Fortschritte, welche die Photographie
in den letzten Jahren in technischer Beziehung gemacht
hat, haben dieselbe befähigt, in unendlich vielen FLllen, an
welche man vorher kaum gedacht hatte, in Wissenschaft und
Kunst als Gehülfin einzutreten. Am bekanntesten sind
die großen Dienste, welche sie der Kunstwissenschaft er-
wiesen hat und noch immer erweist. Nicht minder wichtig
ist sie für die Naturwissenschaft, für Völkerkunde, Astro-
nomie rc. Aber auch die Maler haben bald gelernt, die
lange Zeit als unberechtigte Nebenbuhler verachteten
Photographen in ihren Dienst zu nehmen uud von ihnen
Nutzen zu ziehen. Ja, es haben sogar nicht unbedeutende
Künstler ganz und gar der Photographie sich gewidmet
und mit Hülfe eines physikalisch-chemischen Apparates,
unmittelbar nach der Natur arbeitend, Kunstwerke her-
vorzubringen gesucht. Letzteres ist jedoch nur selten, nur
unter sorgfältigster und geschickter Benutzung einer großen
Anzahl günstigerUmstände, und dann auch nur annähernd
möglich. Dagegen kann ein geschickter und künstlerisch
gebildeter Photograph mit Leichtigkeit Künstlerstudien
machen, d. h. also Einzelheiten nach der Natur aufuehmen,

welche der Künstler dann bei seiner geistigen Arbeit als
Hülfsmittel benutzt. Die Photogramme bieten vor
gezeichneten Studien den großen Vortheil, daß sie den
gegebenen Gegenstand mit größtmöglicher Naturtreue
darstellen, so daß der Künstler also auf die auf photo-
graphifchem Wege gemachten Studien vollkommen sicher sich
verlasfen kann, und daß sie unendlich schnell gemacht werden,
also auch momentane Zustände, wie eigenthümliche Licht-
effekte, Wolkcnbildungen, Meereswellen, Gruppen sich
bewegender Menschen und Thiere u. s. w. in einem
Angenblick für immer festhalten köunen. Aber auch
Gewand-Falten, Bamnskelette, Laubgruppen, einzelne
Blätter, Felsenparthien, ja ganze Landschaften, und ge-
wisse Stellungen lebender Wesen wird der Künstler, zur
Erleichterung seiner Arbeit und der Zeitersparniß wegen,
gern sich photographiren lassen, um diese durchaus ge-
treuen photographischen Studien dann in seinem Atelier
mitRuhe und Bequemlichkeit für seineZwecke zubenutzen.

Zu den Männern, welche vorzüglich in zuletzt bezeich-
neter Richtung arbeiten, gehört auch der Maler und
Photograph G. M. Eckert in Heidelberg, welcher seit
einigen Jahren mit der Herstellung solcher Malerstudien
und künstlerisch vollendeter Landschafts- und Architektur-
Bilder sich beschäftigt. Eine Auswahl seiner meist sehr
vortrefflichen Arbeiten hat er unter dem Titel: „Studien
nach der Natur für Maler und Architekten" im Ver-
lage von Fr. Bassermann in Heidelberg in den Kunst-
handel gegeben. Diese Blätter ersreuen jeden Kunstfrennd
in hobem Grade durch die Schönheit ihrer Ausführung
im Ganzen und Einzelnen und erfüllen den Besckauer
mit Achtung vor dem Geschmack und der Geschicklichkeit
des Photographen, welcher überall den besten Standpunkt,
die günstigste Beleuchtung zu wählen und eine gewisse
malerische Gesammtwirkung zu erreichen gewußt hat. Die
Körper sind in vollendeter Weise modellirt, die Schatten
sind durchsichtig, Alles ist klar, und das Ganze hat einen
feinen Ton.

Diese Sammlung ist in sechs Abtheilungen erschienen
und enthält Vordergrundstudien (Felsen, Terrain mit
Baumwurzeln, Baumstämme, Laubwerk, Ranken, Garten-
gewächse, Farrenkraut, Schilf u. s. w.), Mittelgrundstudien
(Wald-Jnneres, Baumschlag. Felsen- und Terrain-Bil-
dungen) Architekturstudien vom Heidelberger Schloß
und andern Ruinen, von der gothischen Peterskirche in
Heidelberg, vom Kloster Maulbronn, vom Dom zu
Speier, aus Wimpfen im Thal, ferner ländliche Anlagen
(Hütten, Ställe, Brunnenhäuser, Gehöfte, Mühlen,
Schiffe) und vieles Andere.

Jn letzter Zeit ist Eckert, in Folge eines besonderen
Rufes, nach Nürnberg gegangen und hat daselbst eine
große Anzahl höchst bedeutender Aufnahmen gemacht,
welche den künstlerischen Charakter dieser, besonders auch
wegen ihres Kunsthandwerks hochberühmten, alten Reichs-
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