Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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spricht ein Offizier auf einem Schimmel mit einer Or-
donnanz, dort plaudern Offiziere oder stecken sich ihre
Cigarren an. Jn der Tiefe im Hintergrunde hat die
Artillerie aufgeprotzt und fährt ab. Jenseits einer kleinen
Bertiefung an dcr Waldlisisre hat ein Linienrcgiment
bivouakirt und ist nun ebenfalls zum Aufbruch bereit.
Die Trompeter setzen an nnd gebcn das Signal, und
gleich geht es weiter zwischcn den waldigen Höhen hin-
durch in das weite Thal, in das sich hinten die Straße
hinabsenkt. Das zweite Bild von Protais ist ernster.
Es ist die „Nackt von Solferino". Das Thal liegt vor
uns ausgebreitet. Jm Hintergrund sieht man die wohl-
bekannten Höhenzüge und den Thurm von Solferino
und die Wachtfeuer des französischen Heercs, das anf den
erstürmten Höhen campirt. Vorne aber beleuchtet der
Mond durch eine Oeffnung des zerrissenen Wolkenhim-
mels das Schlachtfeld und die Leichen der Gefallenen.
Jn der Mitte erhebt sich ein Verwundeter und stützt sich
auf einen Arm, um sich nach Hülfe umzusehen, ringsum
die Ruhe des Todes. Dieses Schlachtfeld von Solferino
gehört zu dem Höchsten, was im Genre geleistet werden
kann, ja es gränzt an die Historie durch die jetzt noch all-
gemein verständliche Lokalisirung.

Neben den Schlachtenbildern sind es zunächst die
Darstellungen von Haupt- und Staatsaktionen, welche
den Anspruch erheben, historische Gemälde zu sein. Sie
bilden einen höchst wichtigen Abschnitt in der modernen
Malerei. Aus deu obligaten, vom Hofe bestellten,
zuerst allegorischen Darstellungen der wichtigen Hof-
ceremonien hervorgegangen, ist diese Malerei schließ-
lich für eine historische gehalten worden. Man fiel dabei
in denselben Jrrthum, wie bei den oben genannten
Schlachtenbildern, indem man einen geschichtlich sehr be-
deutcuden Borgang auch kiinstlerisch für wichtig hielt.
Ein sehr günstiges Beispiel dieser Gattung ist das große
Bild des Oestcrreichers Matejko: „Die Nnion von
Lublin". Jn der Mitte des Bildes leistet der König
Sigismund August, das Krucifix in der erhobenen Rech-
ten, den Verfassungseid. Ein weißbärtiger Großer', ich
glaube der Seneschal von Krakau, kniet vor einer Bibel,
auf die er die Hand legt, um zu schwören. Eiue Menge
Woiwoden, Palatine, Erzbischöfe und Kardinäle nehmeri
theils stehend, theils sitzend Theil am feierlichen Nitus.
Ernste, markige Gesichter, lauter Charakterköpfe, wie nian
zu sagen pflegt, technisch höchst interessant, jedoch ohne
tieferen künstlerischen Zusammenhang und Jnteresse. Die
Ritter schauen muthig drein, uud in den Schooß die
Schönen, uur erinnern manchmal die Gesten etwas zu
sehr an die Choristen eines Hoftheaters bei ähnlichen
Aufzügen, namentlich ein Alter im Hintergrunde, der
einen Knaberr anf die Wichtigkeit des Vorgangs aufmerk-
sam zu machen scheint. Koloristisch kann man das Bild
kaum zu hoch loben. Die mannigfaltigen Gruppen sind

ohne grelle Beleuchtung geschickt modellirt, und die rothen
Gewänder der geistlichen Herren und die schwarzen
Mäntel der weltlichen Fürsten verleiheir denr Bilde eine
feierliche Stimmung.

Die geschichtlich bedeutende Union von Lublin ist
abcr künstlerisch eben sv unbedeutend wie der faktisch
gleich wichtige Abschluß eines Handelsvertrages zwischen
Frankreich und denr Zollverein, oder z. B. die Einführnng
des Grosckenbriefporto's für Dentschland nnd Oester-
reich. Und dies ist leicht erklärlich; das Unterzeichnen des
Bertrags ist eben nicht das Wesentliche im Ereigniß.
Dies ist die Folge von vorhergegangenen Kämpfen niid
Unterhandlungen. Es ist nur ein Theil und nicht einmal
der wesentlichste Theil eines geschichtlichen Ereignisses.
Es ist daS Schlußtableau und nicht die Lösnng des dra-
matiscken Knotens. Die Bcdeutnng eines Kunstwerks,
insofern sie im augenblicklichen Eindruck liegt, ist eben
nicht zu trennen von der Bedentung der Gedankenkette,
welche es wach rnft, und die Darstellung des Reichstags
von Lublin gibt höchstens das Stichwort zu diplomatisch-
politischen Erwägungen. (Schluß folgt).

Nrkrologr.

Max Emanucl Ainmiller Wieder ist einer
der Münchener Kunstveteranen heinrgegangen, der oft ge-
nannte Jnspcktor der k. Glusmalereianstalt Max Emanuel
Ainmiller, der am 8. December in München verschied.
Ainmiller war im Jahr 1807 geboren und widmete sich
zuerst der Baukunst, zu welchem Behufe er an der Mün-
ckener Akademie studirte, woselbst er sich vorzugsweise im
Ornainentenfache ausbildete. Nach vollendeten Studien
erhielt er die Stelle eines Ornamentenzeichners in der
k. Porzellanmanufaktur in Nymphenburg, welche er aber
schließlich verließ, um sich der durch Frank wieder erweckten
Glasmalerei zu widmen, zu welcher er sich schon seit
längerer Zeit hingezogen gefühlt. Es war vorwiegend
die technische Seits dieser Kunst, welcher er seine volle
Thätigkeit widmete, und man darf wohl behaupten, daß
dieselbe die hohe Stellung, welche sie dcrmalen untcr den
Schwesterkünsten cinnimnit, zrim wesentlichen Theile den
rastlosen Bemühungen Ainmiller's verdankt. Jn früheren
Jahren zeichnete er anch den größten Thcil der Ornaniente
zu den großen Fenstern, welche aus der berühmten Mün-
chener Anstalt hervorgingen. Ainmiller theilte mit Recht
den europäischen Rnhm, dessen slch dieselbe erfreute und
noch erfreut. Unter seiner Leitung entstanden die aus-
gezeichneten Glasmalereien für die Dome in Regensburg,
Köln und Speyer, fnr die Kirche dcr Münchener Vorstadt
Au, für die Universitätskirche in Cambridge und in neuerer
Zeit für S. Paul in London, die Kathedrale in Glasgow
uud das Parlamenthaus in Edinburg. Seiu früheres
Stridium der Baukunst führte ihn später zur Architektur-
malerei, in welcher er namentlich in Bczug auf Schönheit
und Korrektheit der Zeichnung Bedeuteudes leistete. Seine
einschlägigen Bilder stellen vorwiegend Banwerke gothi-
schen Styles dar. Ainmiller ist auch in der Neuen Pina-
kothek zu München vertreten und erfreute sich der beson-
deren Gunst König Ludwig'sl. Die Münchener Akademie
ehrte ihreu vormaligen Schüler durch seine Aufnahme
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