Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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Nr. 6

VI. Jahrgang.

Sritrüge

smd an Or. C.v. Lützow
<Mien, Theresianumg.
25)od.andieBerlagsh.
"e-i„ig, Königsstr. 3).
zu richten.

6. Zanuar.

Iiisrratr

L S Sgr. für die drei
Mal gespaltene Pettd
zeile werden vonjeder
Buch- und Kunsthand.
lung angenommen.

1871.

Beiblatt zur Zeitschrist sür bildende Kunst.

Verlag von L. A. Leemann in Teipzlg.

Am i. und 3. Freitage jedes Monats erscheint eine Nummer von in der Negel einem Quartbogen. Die Abonnenten der „Zeitschrist für bildende Kunst" er-
halten diesBlatt xrnH«. Apart bezogen koftet dasselbel'/ZTHlr.ganzjährlich. Alle Buch-undKunsthandlungen wie allePostämternehmenBestellungen an.

2nl, alt: Die Stoffwelt der neuesten Malerei (Schluß). — Korrespondeiiz
(New-Nork). — Nckrolog (Andreas Eigner: F. Dietz). — Kunft-
lireratur und Kunsthandel. — Kunftoereine, Saminlungen und Aus-
ftellungen. — Vermii'chte Kunstnachrichten. — Aufrnf. — Jnferate.

Die Stoffwelt der neuesten Malerei.

Sludien im Pariser „Salon" von 1870.

Von Ernst Jhne.

(SchluN.

Wenn es nun nicht gelingt, durch die Darstellung
eines prunkvollen Festes der Nachwelt ein geschichtliches
Ereigniß zu veranschaulichen, das in der Wirklichkeit
durch ein solches Fest celebrirt wurde, so ist ein noch viel
unglücklicheres Auskunftsmittel, die Einkleidung dieses
Ereignisses in allegorische Form. Der Maler kann von
Gluck reden, wenn eine solche hieroglyphische Schrift
überhaupt noch zu lesen ist. Niemals aber wird sie einen
künstlerischen Eindruck hervorzurufen im Stande sein.

Ein hübsches Beispiel liefert Vvon, der aus der
Bersailler Galerie dem Touristen bekannte Schlachten-
maler, in seinem Riesenbilde: „1-68 bitutsuiiis cks I'^ws-
riljne." Jn der Verherrlichung des Sieges der Nord-
staaten hat der Künstler dem allegorischen Pegasus die
Zügel schießen lassen.

Jm Mittelpunkt der Kompositiou thrcut auf ihrem
Siegeswagen die ideale Verkörperung der einen und un-
theilbaren Republik. Sie reicht einer zweiten ebenso
allegorisch unverständlichen Gestalt die Hand. Aus dem
Katalog erfahren wir, dies sei die Weisheit. Zum Ueber-
fluß umgeben den Wagen die 34 Staaten der Union als
weibliche Figuren. Jn den Lüften schwebt Washington
mit seinen Kampfgenossen, ein Zug, der sich im Nebel ver-
liert, und vier weibliche Gestalten, welche also beschrieben
werden: „ves renowwües s'eluiwont un quutrs ooins

cku moncks pour proolawer la Aloirs äss Ktuts unis ck'^V-
wckricjue." Noch vieles andere ist im Bilde und fast noch
mehr im Libretto. Darunter ein Philanthrop in Reit-
stiefeln, der eineu aus Leibeskräften brüllenden Neger
vom Boden aufrichtet und zugleich, wie Herr Hvon be-
hauptet, moralisirt und befreit. Jm Vordergrunde spielen
einige Kinder mit einem Globus und einem Zahnrad.
Das Bild leidet an allen Fehlern der Allegorie und spielt
einerseits in's Unverständliche, Unergründliche hinüber,
anderseits in's Platte. Es ist aus dem abstrakten histori-
schen Begrisse evolvirt und nicht aus der historischen An-
schauuug.

Steigen wir herab von den Höhen der allegorischen
Abstraktion, um ein Bild zu betrachten, das mit ungleich
bescheideneren Ansprüchen und Dimensionen eine Wirkung
hervorbringt, wie sie jenes erstrebt. Jch meine „Ln vuo
äs koms"von Evariste Luminais. Aufeinem grüneu
Bergrücken erblickt man eine Gruppe von vier germani-
schen Reitern auf riesigen Streitrossen; sie reiten langsam,
da sie dieHöhe erreicht haben, und ein Graubart in der
Mitte weist mit ausgestrecktem Arm anf die ewige Stadt,
deren Mauern und Paläste unten im Hiutergrunde glänzen,
ein weitgestreckter schimmernder Streifen. Weiter unten
verschwinden schon zwei andere Reiter hinter dem Berg-
rücken. Es ist ein langer, lockerer Zug und hier wie in
den Schlachten dieser Zeit tritt jeder einzelne Kämpe
deutlich hervor. Man braucht kein Datum zum Bilde,
höchstens könnte man darunter schreiben, wie eiu dentscher
Dichter vor sein Trauerspiel „Zeit: die historische".

Das ist die Historie! Aus dem Genre hervorgegangen
aber dem Gängelbande des Genre entwachsen und in eine
höhere Jdealität gerückt. Es sind nicht mehr die einzelnen
Menschen auf dem Bilde, die uns interessiren, sondern
der Moment, das geschichtliche Ereigniß. Dies ist das
Bild, das in verschwommenen Umrissen vor unserm Geistes-
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