Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

Page: 8_66
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1871/0069
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
66

von Murillo, die Anbetung der Hirten von Nibera
die Ruhe auf dcr Flucht nach Aeghpten von Procac ciui,
eine Madonna von Luiui, der heilige Michael von
Raphael, und die Heimsuchuug von Albertinelli.

Ein etwas wunderlicher, und trotz des scheinbar nahe
Liegenden im Princip verfehlter Versuch zeichnete die weih-
nachtliche Transparentenausstellung vom Iahre 1856 in
eigenartiger Weise aus. Man versuchte den Effekt ge-
malter Kirchenfenster zu imitiren, wozu die unter der
LeitungvonHeinrich Heß entworfeucn, unter Gärtner's
technischer Direktion ausgeführten Glasgemälde der Au-
kirche zu München u. a. willkommene Vorbilder abgaben.
Mau wählte die Vermählung der Jungfrau, den englischen
Gruß, die Verkllndigung bei den Hirten, die Anbetung der
Könige, die Flucht nach Aegypten und Christus im Tempel
lehrend, und ließ die sämmtlichen Bildcr nnter einer sür
alle glcichmäßig beibehaltenen ornamentalen Bekrönung
erscheinen.

Man hatte sich genügend überzeugt, daß man nichts
dadurch gewonnen hatte, sich ohne Noth in die Be-
schränkungen zu fügen, die einem anderen Kunstzweige
natürliche Bedingung — aber auch leidige Fessel sind, und
so kehrte man 1857 wieder zu Originalproduktionen der
Vereinsmitglieder zurück. Adolph Menzel malte Adam
und Eva, Karl I. Arnold Noah, die Thiere aus der
Arche entlassend, Wilhelm Amberg dieVerheißung des
Abraham, Gustav Nichter Moses mit den Gesetztafeln,
Oskar Wisnieski Ieremias auf den Trümmern Ierusa-
lems, Oskar Begas die Anbetung des Christkindes.

Im folgenden Jahre 1858 kehrte man noch einmal,
und zwar für lange Zeit zum letzteu Male zum Kopiren
zurück, hielt sich aber nur an zwei Hauptmeister. Vou
Raphael wurde die Vision des Ezcchiel, eiue Madonna
und die heilige Caecilie, von Nubens die Verkündigung,
die Anbetung der Könige und Christus zu Eniaus nach-
gebildet.

Jm Iahre 1859 treten die Vereinsmitglieder wieder
hervor. Es werden gezeigt: von Hermann Kretzschmer
derZuz der heiligendreiKönige, von Hermann Schultz
die Christnacht, von Alexander Teschner die Anbetung
der Hirten, von Julius Schrader die Rückkehr der hei-
ligen Familie aus Aegypten, von Hugo von Blomberg
Christus nach der Versuchung, und von Oskar Begas
Christus, die Kinder segnend. — Zu fünf, um Weihnachten
1860 ausgestellten Transparentgeinätden von Berliner
Künstlern, nämlich einer Anbetung derHirten von Gustav
Feckert, derVersuchung Christi von Gustav Gräf, dem
Christus in Gelhsemane von Arnold Ewald, den drei
Marien am Grabe von Wilhelm Amberg, und dem
Siege des Engels von August von Kloeber war als
vereinzelte Kopie Christus auf dem Meere wandelnd von
Schnorr getreten.

DaraufwurdederTurnuSderWeihnachlsausstellungen

auf eine ganz unvorhergesehene Weise unterbrochen. Jm
Laufe des Jahres 1861 trat der Staat dic Erbschaft des
Konsuls Wagener an, dessen kostbare Geniäldesammlung
bekanntlich seitdem den Stanim der Berliner National-
galerie ausmacht; und wLhrend die testamentarisch ge-
forderte Berpflichtung zur Errichtung eines geeigneten
Gebäudes übernommen wurde, war im Augenblick nichts
Anderes thunlich, als die Sammlung in dem langen Saal
und den daran stoßeuden Sälen des Akademiegebäudes
zur vorläufigen Aufstellung zu bringen. Damit war für
den Künstlerunterstützungsverein das bisher regelmäßig
benutzte Lokal verloren. Die Macht der Gewohnheit
aber, sowie Ler Mangel au großen (und vor allen Dingen
zu dergleichen Zwecken für einige Zeit zu annehmbaren
Bedingungen disponibeln) Lokalitäten in Berlin schreckte
die Künstler davon ab, ihre Schöpfung auf anderen
Boden zu verpflanzen, und sie begnügten sich mit einem
Kompromiß, der ihnen allerdings die Nothwendigkeit auf-
erlegte, ihren bisher jährlichen Ausstellungen nunmehr
einen zweijährigen Turnus zu geben. Da nämlich alle
zwei Iahre die große akademische Ausstellung (die vou
Anfang September bis Anfang November dauert) trotz
der großen Mühe und der jedesmaligen Gefahr für die
Bilver so wie sd die Versetzung der ganzen Nationalgalerie
in einige sehr schlechte Raumlichkeiten des obereu Stock-
werkes im Akademiegebäude (beiläufig zur mouatelangen
sehr empfindlichen Beeinträchtigung auch der akademischen
Bibliothek) nothwendig macht, so wurde den Künstlern in
Ansehung ihres löblichen Zweckes von oben her nachge-
geben, daß die Nationalgalerie in jedem Ausstellungsjahre
bis nach dem Beginn des folgenden Jahres in ihrem
Exil belassen und dadurch der lange Saal ini Hauptge-
schoß für die Weihnachtsausstellung der Transparentge-
mälde offen gehalten werden sollte. So kehrte also seit den
sechziger Jahren diese künstlerische Weihnachtsfeier nur in
allen geradenJahren wieder; zuerst nach dem neuenTurnus
im Iahre 1862.

Die in jenem Jahre ausgestellten Bilder — sämmtlich
Originale — waren: die heilige Nacht von Wilhelm
Ge ntz, die Nuhe auf der Flucht nach Aegypten von Fritz
Kraus, Christus mit den beiden Jüngern auf dem Wege
nach Emaus vonHugo vonBlomberg, die Bekehrung des
Paulus von Gottlieb Biermann, Petrus, den Lahmen
heilend, von Alexander Teschner, und der Triumph
Christi von Julius Schrader. — Die nächste Aus-
stellung war 1864. Sie brachte: die Verkündigung Mariä
von Ernst Hildebrand, die Anbetung der Hirten von
Gustav Spangenberg, die Taufe Christi von Bern-
hardPlockh orst, Christns und die Samariterin am Brun-
nen von Oskar Wisnieski, eine historische Landschaft
von Theodor Weber, zu welcher Gustav Richter als
Staffage die drei Marien am Grabe komponirt und ge-
malt hatte, uud dieAuferstehungvou Adolph Henning.
loading ...