Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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fast unmöglich, weil in den Künsten die Unterschiede zwischen
dem Guten und dem Besseren oft so zarter Beschaffenheit
sind, daß sie sich dem kalten Verstandsurtheile entziehen und
sich weit weniger darlegen als empfinden lassen.

So beruht denn auch das von mir abgegebene Votum,
wonach meiner subjektiven Beurtheilung nach der Skizze Nr.
l8 der erste, der Skizze Nr. 5 der zweite und der Skizze
Nr. 3 der dritte Rang unter den drei von der Jury hervor-
gehobenen Konkurrenzarbeiten gebühren würde, zunächst auf
nicht diskutablen, ästhetischen oder Gefühlsgründen, die jedoch I
durch gewisse kritische Erwägungen ihre Unterstützung finden
dllrften.

So macht flch z. B. bei der Vergleichung der drei von
der Jury ausgezeichneten Skizzen zunächst in rein architek-
tonischer Beziehung an dem Projekte Nr. 18 die innigere
Verschmelzung und Harmonie zwischen der Architektur und
der Plastik geltend, so wie denn auch an dieser Leistung mehr
als an den beiden andern sich der Stil der architektonischen
Bestandtheile als für die Ausführung in Metall berechnet
kundgibt, womit nicht gesagt sein soll, daß in dieser und in
auderen Beziehungen nicht noch gewisse kleine Modifikationen
der architektonischen Formen und Verhältnisse bei der Aus-
führung vorzunehmen sein dürsten.

Ein weiterer leicht in Worte zu fassender Vorzug des
Modelles Nr. 18 besteht in dem leitenden Grundgedanken,
womit der Künstler die innigste und sinnigste Verknüpfung
sämmtlicher plastischer Bestandtheile seines Werkes zu bewerk-
stelligen und sie zu lebensvollster und mannigfaltigster Ent-
wicklung der menschlichen Formen zu verwenden bestrebt war.
Gleichen inneren Zusammenhang, gleiche lebensvolle Ab-
wechslung und Gegensätzlichkeit der Formen, gleiche Neu-
heit der Motive konnten die Mitkonkurrenten selbst bei allem
Aufwande des Talentes, der Kunst und selbst des Genius
nicht erreichen, schon aus dem einen Grunde der weniger
glllcklichen Wahl des leitenden Grundgedankens der Kom-
position. Es kann noch hinzugefügt werden, daß der Gedanken-
zug, welcher den Autor der Skizze Nr. 18 bei seiner Kom-
positiou leitete, einer geistvollen Vermittlung zwischen Realistik
und Jdealismus, einem vom klassischen Kostllm emancipirten
Jdealismus, wie er von den größten Meistern der Renaissance
erstrebt wurde, außerordentlich günstig ist.

Wäre es dem Autor der Skizze Nr. 18 bei der Haupt-
statue (der Schillerfigur) im gleichem Maße wie bei den
übrigen figürlichen Bestandtheilen seiner Komposition gelungen,
diese Vermittlung zwischeu Realismus und von der Chlamys
emancipirtem Jdealismus zu treffen, so würde von ihm die
letzte Konsequenz seiner so glücklich erfaßten und geistvoll durch-
geführten Konzeption erreicht worden sein.

Wien, 17. Febr. 1871. Gottfrled Scmper".

Es geht aus diesen Aeußerungen der künstlerischen ^
Fachmänner hervor, daß von den beiden Bertretern des
Wagner'schen Entwurfes mehr die in deffen Konzeption
und Aufbau bewährten Grundsätze, von den beiden
andern Vertretern aber, welche dem Schilling'schen Pro-
jekt die Palme zuertheilten, außer der Leistung selbst vor-
nehmlich das darin bewiesene Talent in die Wag-
schale geworfen wurde. Und von diesem Gesichtspunkte
betrachtet, mußte stch der SchiUing'sche Entwurf, als das
unläugbare Zeugniß hervorragender Begabung und völlig
reifer künstlerischer Durchbildung, auch dem Denkmal-

Komit6 als der preiswürdigste Larstellen. Korrekter wäre
es unsres Erachtens gewesen, wenn man die drei Prä-
mirten zunächst aufgefordert hätte, Lie an ihren Ent-
würfen von der Jury beantragten Veränderungen anszu-
führen, um dann erst die definitive Wahl zu treffen.
Allein man schreckte vor einer nochmaligen Verschiebung
der Sache znrück und fürchtete, daß vielleicht auch diese
engere Konkurrenz kein entscheidendes Resultat herbei-
führen möchte. Dazu kam, daß Graf Anton Auersperg,
welcher sich als Präsident der Jury des dirimirenden
Botums zwiscken den gleichwiegenden Parteien enthalten
hatte, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Denk-
mal-Komit6's ebenfalls mit aller Wärme für das Schil-
ling'sche Projekt eintrat und dieses sein Botnm in einem
ausführlichen, leider nicht sür die Oesfentlichkeit bestimm-
ten Schreiben begründete.

So kam das entscheidende Urtheil des Komit6's zn
Stanve, an dessen Ergebniß auch die sonst divergirendsten
Meinungen jedenfalls das Eine nicht erschüttern können,
daß es diesmal keine Mittelmäßigkeit, sondern ein be-
währter, hochbegabter Meister von allgemein anerkanntem,
rühmlichem Namen ist, welchem die Ansführung dieser
großartigen Aufgabe zufiel. Möge das weitere Gedeihen
des Werkes dem guten Anfang entsprechen und die Wirk-
samkeit Schilling's durch seine Schöpfung für das Kunst-
leben Wien's von segensreichen Folgen werden! Sobald der
Meister den Entwurf in größeren Dimensionen mit den
beantragten Modisikationen zu endgiltiger Annahme vor-
gelegt haben wird, hoffen wir den Lesern die reiche Kom-
position in Bild und Erläuterung vorführen zu können.

Korrespondenz.

Dresde«, im Januar.

o. Der Jahreswechsel, an dem Jeder gern seinen
Verbindlichkeiten, vnlxo Schulden, nachzudenken pstegt,
mahnt uns an einen dem Dresdener Kunstleben schnldigen
Bericht.

Bei einem Rückblick auf die Erscheinungen deffelben
in der letzten Hälfte des verfloffenen Jahres ist zunächst
der akademischen Ausstellung zu gedenken. Ohne
daß der Krieg einen Einfluß auf ihre Physiognomie gehabt
hätte, stand sie weder quantitativ noch qualitativ früheren
Ausstellnngen nach. Nur bezüglich des Berkaufs wie
überhaupt der Theilnahme des Publikums wurde geklagt.
Der Katalog zählte 855 Werke auf. Lebhafter als sonst
hatten sich auswärtige Künstler betheiligt, und nur die
Berliner waren, ihrer gleichzeitigen Ausstellung wegen,
fast gar nicht vertreten. Das Gros war wie immer
Mittelgut; doch fehlte es auch nicht an hervorragenderen
Leistungen, worunter namentlich einige treffliche Kartons
von Peschel, Grosse, Walther. Die eigentlichen
Glanzpunkte bildeten: E. Steinle's reizende Märchen-
j schöpfung „Schneewittchen und Rosenroth", H. v. An-
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