Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

Page: 11_89
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1871/0092
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
VI. Jahrgang.

Nr. 11.

Sritrüge

smd an vr. C.v. Lutzow
(tvie», Theresiannmg.
SS)od.and!eBerlagStz.
(eeipsig, KönigSstr. s>.
zu richten.

17. März.

Insrrate

L 2 Sgr. für die drei
Mal gespaltene Petit-
zeile werden vonjeder
Buch- und Kunsthand-
lung angenommen.

1»71.

Beiblatt zur Zeitschrist sür bildcnde Kunst.

Verlgg von L. A. Leemann tn Trtpztg.

Am 1. und 3. Freitage jedes Monats erscheint eine Nummer von in derRegel einem Quartbogen. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende Kunst" er-
halten diesBlatt xrEs. Apart bezogen lostet dasselbel^Thlr.ganzjährlich. Alle Buch-undKunsthandlungenwie allePostämternehmenBestellungenan.

Jnbalt: Die ueu aufgedellte Gräberstratze von Athen. — Erwideruug.
— Korrespondeuz. — Nekrolvge. — Kunstvereinc, Sammlungen und
Ausstellungen. — Vermifchle Kunftnachrichten. — Zeitschriften. —
Briefkasten. — Jnserate.

Die nen aufgedeckte Gräberstraße non Äthen.

* Wir haben wiederholt von den überraschenden
Gräberfnnden berichtet, welche die nordwestlich von Athen
bei dem Kirchlein der Hagia Triada während der letzten
Jahre veranstalteten Ausgrabungen zu Tage gefördert
haben. Ein anschauliches Gesammtbild der bisherigen
Resultate bietet ein kürzlich im Oesterreichischen Museum
zu Wien gehaltener Vortrag von Prvf. A. Conze, den
wir im 17. Bande der „Preußischen Jahrbücher" abge-
druckt finden. Es heißt in demselben:

„Wer von den Vielen, die jetzt Jahr um Jahr dem
Süden zuwandern, wäre nicht in Pompeji vor dem Thore,
das nach Herkulanum führte, die Gräberstraße entlang
gegangen. Da drängt es sich recht auf, wie anmuthig
diese antike Weise der nicht abgeschlossenen Friedhöfe
wirkt, die die Abgeschiedenen nicht in einen Pferg von
der Gemeinschaft der Lebenden abfchließt, die im Gegen-
theil gern den Straßen entlang die geschmücktesten Grab-
stätten errichtet, wo der Wauderer sie zu begrüßen auf-
gefordert wird und sie den Wanderer grüßen, wo kein
streng durchgeführter Ritus eine uniforme Lage und Rich-
tung der Grabmäler fordert, sondern wo jeder Grabstein
dahin der Straße zugewendet steht, von wo der Betrach-
tende ihn ungesucht zuerst findet. Das Gefallen hieran
wird es uicht stören, aber das Bedauern über den Verlust
dieser Sitte wird es mildern, wenn man nicht, wie auch
sonst wvhl irgend ein romantisch gestimmter Schwärmer
leicht thut, vergißt, daß diese vergangenen, aufgegebenen
Dinge auch ihre Kehrseite zu haben pflegen. Lichtenberg
hat ein Äkul den Einfall hingeworfen, was wohl in Lon-

don Alles geschehen würde, wcnn in der Riesenstadt auch
nur einmal, so lange es Mitternachts Zwölf schlüge, die
zehn Gebote aufgehoben würden. Denken wir uns in
ähnlicher Weise einmal, was wohl Alles nach Sonnen-
untergang geschehen würde, wenn zumal vor den Thoren
der Großstädte auch nur einige Minuten weit am Wege
sich eine Gräberstadt nach antikem Muster hinzöge. Wir
haben auch wirklich mancherlei nicht sehr erbauliche Ge-
schichten aus dem Alterthnm nicht nur von Stelldicheins,
von vielleicht auch harmlosen Zauberkünstlern und zahl-
reichen Dilettanten in diesem Fache, sondern auch von
Strolchen und Wegelagerern, die an und zwischen und
in solcheu Gräbern Nachts ihr Wesen trieben. Was
also an Poesie verloreu ging, kommt wenigstens der
Polizei zu Gute, deren klassische Zeit das sonst so klassische
Alterthum bekanntlich überhaupt nicht war, zumal in
Griechenland und grave auch in Athen nicht. Neu-
griechenland hat in diesem Punkte kaum ganz von alter
Art gelassen, doch darf uns das nicht abhalten, den Besuch
einer athenischen Gräberstraße zu wagen, die kürzlich
aufgedeckt jener pompejanischen ihren Nuhm streitig
machen wird.

Eine kleine Strecke nordwärts von der Felsanhöhe,
auf welcher durch die Munificenz des Baron Sina eine
Sternwarte erbaut ist uuv unterhalten wird, steht bei
Athen ein kleines Kirchlein; es ist der heiligen Drei-
faltigkeit, der Agia Triada, geweiht. Jeder Besucher
Athens ist wenigstens nahe dran hergekommen, wenn er
vom Piräus her in die Stadt kam oder wenn er den
üblichen Ausflug nach Eleusis machte. Da haben die
Weiber, die in althellenischer Wasserleitung ihre Wäsche
spülen, mit ihrem Gelärm vielleicht seine Aufmerksamkeit
nach dem Punkte hingezogen. Wie heute zwei Hauptwege,
der nach dem Hafen und der nach Kvrinth über Eleusis
nnd nach Thebcn hier anSlanfen, sv war es wcsentlich
loading ...