Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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Die erwähnten BronzeansLtze sind besonders dentüch an
dem Reiterrelief des Dexileos; natürlich die Bronzestücke
selbst sind nicht mehr vorhanden, aber die Nietlöcher be-
weisen, daß der Speer, ein Kranz um den Kopf, das
Pferdegeschirr, dann das Wehrgehänge des zu Boden ge-
worfenen Gegners von Metall angesetzt waren. An dem
Relief der Hegeso fand Professor Rhusopulos, dem wir
eine Menge von Einzelangaben, die auch hier benutzt
wurden, verdanken, gleich nach der Ausgrabung keine
Farbenreste; aber freilich war der Stein schon gewaschen,
ehe Rhusopulos dazu kam — ein Beweis uuter mancken,
wie es dort leider hergeht, wie denn auch die Befestigung
gebrochener Theile der Marmorwerke mit eisernen
Klammern und die freilich durch die Noth gegenüber
einer rohen Bevölkerung wohl gebotenen Holzkastcn über
einzelnen der Grabmäler nicht eben erfreuliche Er-
scheinungen sind. Zum Schutze gegen Zerstörungsge-
fahren haben einige der Reliefs auch in geschlossene
Räume gebracht werden müssen, so daß vie Gesammter-
scheinung der neu aufgedeckten Gräberstraße gegenwärtig
nicht ganz ist, was sie sein könnte. An sicheren Farbe-
spuren auf dem Marmor ist übrigens Roth am Köcher
des einen Polizeisoldaten sichtbar geblieben, auf dem Grab-
steine eines gewissen Dionhsios aber war außer einem
Mäander in lebhaftem Roth, Gelb und Braun die sonst
in der Regel in Relief ausgearbeitete Szene — in diesem
Falle zwei einander gegenüberstehende Männer — nur
farbig auf den Marmor gemalt. Das kommt auch sonst
vor und ist, wie leicht ersichtlich, auch wieder ein nicht
ganz wegzuwerfendes Argument für Färbung der Reliefs
selbst. Sonst sind uoch die eingemeißelten Jnschristen
größerer Deutlichkeit halber mehrfach roth oder auch
glänzend schwarz nachgezogen gefunden. So hat also auch
die neue Gräberstraße wenigstens einige Thatsachen wieder
geliefert, bei deren fortgesetzter Beachtung wir uns an
den Gedanken einer vielfarbigen Architektur und Plastik
bei den Griechen mehr und mehr gewöhnen müssen, eiue
Gewöhnung, welcher das bei uns Hergebrachte, aus diesem
entnommene Theorien, endlich auch die Leichenkammern
unserer Gipsmuseen Hindernisse bereiteten und bereiten.
Vor den Marmorn selbst, zumal in Griechenland, ist das
anders. Da hat die Zeit, was sie zerstörte, annähernd
ersetzt durch den oft so wohlthuenden Farbenton, den die
Oberfläche des Marmors in der Verwitterung ange-
nommen hat, und Himmel, Meer und Land geben ihre
farbeglühenden Hintergründe dazu her. Jm Süden ist
die Polychromie nicht todt zu machen, wie sie bei uns im
grauen Norden es lange völlig war- Dort in Griechen-
land haben sich denn auch ihre Apostel zur Erkenntniß an-
regen lassen, haben eifrig von ihr in Wort und Werken
gepredigt, und wenn auch auf verschiedenen Wegen wird
man sich der Verbindung von Form und Farbe in
Architektur und Plastik endlich wieder nähern. Mancher

Fehlgriff im Eifer wird auch hierbei nur vorübergehend
irre machen.

Ein jeder neue Einblick in die Werkstatt griechischen
Kunstschafsens bereichert nicht nur nnser geschichtliches
Wissen, sondern weist auch dem Kunstsckaffen allerZeiten
wieder neue Leitsterne. So wird man bei Errichtung
neuer Grabmäler, ohne darum geistlos nachzuahmen, gnt
thun, der immer wieder passenden Muster, wie sie die
Aufdeckung der athenischen Gräberstraße uns wieder vor
Augen gestellt hat, sich zu erinnern. Es ist kein bisher
unbetretener Weg, auf den damit verwiesen wird. Gleich
bei Athen selbst auf jenem Hügel, der an sich unansehnlich
genug doch durch des Sophokles Gesang weltbekannt
wurde, ist die alte Form für neue Grabsteine wiederum
verwandt; es geschah zuerst für einen deutschen Mann,
einen von denen, die zu immer neuer Läuterung den
Quellstrom griechischer Kultur frisch zunächst anf Deutsch-
land's Geistesfluren leiteten; der Stein steht auf Karl
Otfried Müller's Ruhestätte. Neben ihm haben sie sehr
ehrenvoll einen Franzosen gebettet, Ch. Lenormant, den
auch Studium des Alterthums nach Griechenland geführt
hatte uud den dort auch der Tod ereilte. Beiden hat man
die Jnschriftplatte mit krönendem Zierrath ganz nach alt-
attischer Art errichtet — so forderte es in diesem Falle
freilich besonders unabweisbar der Ort, und es forderten
es die Todten. Doch durchaus nicht auf solche besondere
Fälle ist die Anwendbarkeit dieser Formen beschränkt; sie
gelten für überall und allezeit. Auch hierauf sollten, so
wenig das hier verfolgt werden kanu, diese Zeilen auf-
merksam machen. Unseren Friedhöfen thut's oft noth."

Lmistliteratur und Uuiisthandcl.

A. v. Cohausen, Der alte Thurm zu Mettlach.

Berlin 1871. 16 Seiten Fol. mit 5 Tafeln.

Oberst A. v. Cohausen, in Folge mehrer wissenschaft-
licher Arbeiten über einzelne Theile alter Befestigungen all-
gemein als erste Autorität auf dem Gebiete der Militär-Ar-
chitektur des Mittelalters bekannt, hat durch die vorliegende,
zuerst im Jahrgang 1871 von Erbkam's Zeitschrift für Bau-
wesen erschienene, in ihrer Art in jeder Beziehung muster-
giltige Monographie über den sogenannten „ alten Thurm"
zu Mettlach bewiesen, daß er auch das Gebiet der Kirchen-
Architektur des Mittelalters mit voller Meisterschaft be-
herrscht.

Das bezeichnete Gebäude, jetzt eine malerische Ruine
inmitten eines schönen Parks, hat wegen seiner sehr eigen-
thümlichen Formen schon vielfach die Aufmerksamkeit der
Forscher auf sich gezogen. De Lassaulx (1837), Kugler
(1841), Chr. Schmid'(1841) und endlich Otte (1862)
haben darüber gesprochen, die beiden Letztern das Gebäude
auch in Abbildungen publicirt, konnten aber in Betreff
Alter, ursprünglicher Form und Bestimmung desselben zu
keinem sicheren Resultate gelangen, weil der alte Bau später
vielfach und sehr wesentlich veränvert worden ist. Schnaase
hat daher iu der zweiten Auflage (1869) seiner Geschichte
der bildenden Künste denselben an der geeigneten Stelle,
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