Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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halbe Stunde von Vill, liegt das Dorf Pinzon oder
Pinzan mit einer gothischen Kirche, welche einen Altar
birgt, den jeder Freund mittelalterlicher Kunst besuchen
sollte. Die Kirche ist durch keine Renovation verunstaltet,
weil der Gemeinde glücklicherweise das Geld dafür gefehlt
zu haben scheint. Erst 1862 strich man die Gewölbkappen
blan an, setzte Sterne hinein und bemalte die Rippen
in der Farbe des Sandsteins, der in der Gegend bricht.
Die Kirche ist einschifsig, an der Fayade eine Rose mit
radförmigem Maßwerk. Der Chor schließt mit einem
Polygon von fünf Flächen; er hat vier Fenster, das
mittelste, dessen untere Hälfte leider verändert ist, schmückcn
alte Glasgemälde, daran reihen sich an der Epistelseite zwei
Fenster, während rechts die vorderste Fläche des Polygons
blind blieb. Die Stäbe der Fenster und das Maßwerk
sowie die Fenster des schlanken Thurmes sind sehr zierlich
genieißelt, Manches freilich zerstört. Das Schiff der
Kirche besitzt nur an der Epistelseite Fenster, an der
Evangelienseite ist die Sakristei wie eine zopfige Todten-
kapelle angemauert. Besondere Aufmerksamkeit erregen
die Kapitäle der beiden Pfeiler am Eingang des Chores.
Statt der Lanbornamente erblicken wir phantastische Thier-
gestalten, die um sie herumkriechen und an dem linken
eine Maske, welche an die der alten Tragöden erinnert.
Ob diese Kapitäle, die ebenfalls aus Sandstein sind, nicht
viclleicht aus einer alten romanischen Kapelle stammen?
Erwähnung verdient auch die steinerne gothische Kanzel.

Ueber die Zeit des Baues und den Meister fehlt bis jetzt
jede Kunde. Die Kirche ist gewiß älter als der Flügelaltar,
der unsere Beachtung im hohen Maße verdient. Die Predelle
ist in der Mitte nischenartig vertieft, wohl zum Aufbewahren
der Hostien, Kelche und Monstranzen. An der Stütze
rechts erblicken wir im Flachrelief vorn die heilige
Margaretha, seitlich den heiligen Florian, an der links
vorn die heilige Martha, seitlich den heiligen Georg.
Der prachtvolle Mittelschrein zerfällt architektonisch in drei
Felder, die beiden seitlichen etwa halb so breit wie das
mittlere, alle drei von vorspringenden Baldachinen über-
ragt. Das rcchte Seitenfeld nimmt der heilige Stephan,
das linke der heilige Laurentius ein, im mittlercn thront
die Madonna und reicht dem Kinde, das segnend die
Finger erhebt, einen Apfel, über ihr schweben Engel mit
der Krone, hinter ihr drängen sich Engel. Das nackte,
etwas fette Kind ist nach Form und Haltung sehr natür-
lich, die Madonna anmuthig. Diese Gestalten, welche
beiläufig eine Höhe von drei Fuß haben, sind ganz; die
die der Seitenflügel, um ein Drittel kleiner, sind Hautreliefs.
Jeder Seitenflügel zerfällt durch Stäbe in vier Flächen,
vor jeder Fläche steht ein Heiliger: rechts Augustinns,
Nikolaus, Leonhard, Martinus, während ich für die vier
links die Namen wegen mangelhafter Kenntniß der
katholischen Jkonologie nicht angeben kann. Die Rück-
seite der Flügel ist bemalt, jeder in ein oberes und unteres

Feld getheilt. Der rechte zeigt uns oben den heiligen
Stephan vor dem hohen Rathe, unten Lucianus im Bett,
vor ihm steht Gamaliel und weiter abwärts vier offene
Särge mit Todten im Leichengewand: Nicodemus,
Abdias, Gamaliel, Stephan. Die Personen sind auf den
Gemälden mit Namen bezeichnet. Anf dem linken Flügel
sehen wir oben die Steinigung des Stephan, wobei sich
ein Henker gewaltsam rückwärts beugt, unten die Leichen
des heiligen Stephan und Laurentius; Kardinäle und
Bischöfe stehen zu ihren Füßen, zu Häupten der Kaiser
Theodosius und Eudoxia, aus deren Munde ein ge-
schwänztes Teufelchen fährt. Die Köpfe sind durchaus
charakteristisch, die Gewänder gut angelegt, die Malerei
steht jedoch an Werth hinter dem Schnitzwerk zurück. Jm
Allgemeinen sind diese Bilder leidlich erhalten, besonders
die fleißig ausgeführten Köpfe, von den Kleidern ist an
einigen Stellen die Farbe abgefallen. Ueber dem Mittel-
schrein erheben sich schlanke Baldachine mit Spitzgiebeln
und Fialen, in der Mitte der gekreuzigte Christus mit
Johannes und Maria darüber, und dazwischen Engel.
An den Seiten des Schreines steht rechts in ganzer Gestalt
St. Peter und St. Paulus. Die Fassung der Bildwerke
ist im Ganzen wohl erhalten, besonders die Bemalung der
Köpfe; Mäntel und Baldachine sind mit Gold überzogen,
die Untergewänder hat man — wohl weil die ursprüng-
lichen Farben nachdunkelten, — neu angestrichen, leider
nach dem niodernen Hosenmuster ü ln Pfeffer und Salz.
Da ließe sich jedoch leicht helfen. Die Scknitzwerke sind
bis in's kleinste Detail fleißig ausgeführt, die Köpfe voll
Kraft und Ausdruck, die Draperie reich und wohl ver-
standen. Die Form der Trachten nnd Rüstnngen berechtigt
dazu, den Altar in das letzte Drittel des fünfzehnten Jahr-
hunderts zu verlegen. Wer mag der Meister sein? Man
nennt Michael Pacher aus Brunecken. Als ich vor den
Altar trat, fiel mir sogleich dieser berühmte Meister ein,
Manches erinnerte mich an seine Manier, soweit ich sie in
der Erinnerung habe. Der Altar ist jedenfalls gut genug,
ihm zugeschrieben zu werden, es fehlt uns aber jeder
urkundliche Beleg, jeder thatsächliche Anhalt, um
dieses unangefochteuthunzudürfen. VonMonogramm
oder Jnschrift an der mit grünen Arabesken auf grünem
Grund geschmückten Nückseite oder soust an einer Stelle
war nichts zu entdecken. Als Künstler jener Zeit sind
nebenPacher noch Meister Hans Meler von Judenburg
und Hans Klocher von Brixen beglaubigt, von jenem
liegt eine Urkunde aus dem Jahre 1421, von diesem aus
dem Jahre 1486 vor. Beide wirkten in Südtirol. Es
ist hohe Zeit, diesen prächtigen Altar unter verständige
Aufsicht zu nehiuen, eh' ihn die Unkenntniß der Bauern
oder die Roheit eines Curaten durch eine Verrenovirung
zu Grunde richtet.
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