Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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VI. Jahrgang.
Seilrägr

sind an vr. C.V. LUtzow
(Wien, Theresianumg.
25)od.an dieBerlagsh.
(Leip)iy. Kö'nigsftr. 3)
zu richten.

21. 3uli

Nr. 19.

Änftrate

k 2 Sgr. für die drei
Mal gespaltene Petit-
zeile werden vonjeder
Buch- und Kunsthand-
lung angenommen.

1871.

Beiblatt zur Zeitschrist für bildende Kunst.

Verlsg von L. A. Leemann tn A^etpzig.

Am 1. und 3. Freitage jedes Monats erscheint eine Nuuuner von in derRegel einem Quartbogen. Die Abonnenten der „Zeitschrift für bildende Kunst" er-
halten diesBlatt xrali^. Apart bezogen koftet dasselbell/ZTHlr.ganzjährlich. Alle Buch-undKunsthandlungenwieallePoftämternehmenBeftellungenan.

Jnhalt: Zur Erinnerung an Eugen Eduard Schäffer. — Korrespondenz !
(New-Iork). — Nekrologe (Petrus van Schendel). — Kunstliteratur
und Kunfthandel. — Kunstvereine, Sammlungen und Ausstellungen. !
— Vermischte Kunstnachrichten. — Neuigkeiten des Kunsthandels und
der Kunstliteratur. — Zeitschriften. — Briefkasten. — Jnserate.

Zur Crinnerung an Eugen Eduard Schäffer.

i.

N. Die ersten Decennien dieses Jahrhunderts waren
für unsere deutsche Kunst eine schöne Zeit. Da keimte
und sproßte es überall; auf allen ihren Gebieten offen-
barte'sich frisches, treibendes Leben. Der Wiedergeburt
der Malerei durch jenen Künstlerbund in Rom ging eine
ähnliche Umwandlung im Bereiche der Kupferstecherkunst
zur Seite. Wie die Maler in ihren Bestrebungen sich an
die Praerafaeliten und die alten dentschen Meister an-
lehnten, so die Stecher an Marc-Anton und Dürer; und
es war dieses nicht Laune oder Zufall, sondern Verwandt-
schaft der eigenen Natur und Sinnesart lenkte sie in diese
Bahuen. Wir erinnern an Ruschweih, Amsler, Barth
und den unlängst verstorbenen Thäter, um nur von solchen
zu sprechen, die bereits vom Leben abgeschieden. Auch
Rahl mit manchen Blättern, die er nach Kompositionen
Wächter's radirte, wäre hier vielleicht zu nennen. Unter
allen aber, welche denselben Weg betraten, nimmt der
Künstler, dem diese Erinnerungen gewidmet sind, eine
sehr hervorragende, wohl die bedeutendste Stelle ein.

Eugen Eduard Schäfferwar am 30. März 1802
zu Frankfurt a/M. geboren. Jn jenen Tagen hatte die
Stadt noch ziemlich das Gepräge, wie wir es aus Goethe's
Jugendleben kennen. Noch waren die Wälle nicht gefallen
mit ihren Thürmen und Basteien. Die Juden wohnten
in ihrem abgegrenzten Quartier, aus dem sie erst die Re-
gierung des Fürst Primas befreite. Statt der reizenden
Anlagen, die heute die ganze Stadt umgeben, liefen nur
einzelne schmale Alleen längs dem versumpften Graben

j außerhalb der Mauern hiu, und von den vielen und schönen
Häusern vor der Stadt war fast keines gebaut. Allabend-
lich wurden die Thore geschlossen; wer später eintreten
wollte, mußte die Thorsperre bezahlen. Beschränkt und
fest geschlossen wie der Kreis ihrer Stadt, kann man sagen,
war auch das Leben der Bürger, die strenger Zunftzwang,
Erschwerung der Ansässigmachung und Erlangung des
Bürgerrechtes gegen das Einströmen fremder Elemente
genugsam schützte. Es bildeten die Bewohner gegen die
Außenwelt gleichsam eine große Familie.

Dem Bruder des Verstorbenen, Herrn Oberlehrer
Schäffer, verdanken wir verschiedene Angaben über dessen
Jugend. Er sagt: „Der früh erfolgte Tod des Vaters
legte der gebeugten Wittwe die zweifach schwere Sorge
auf, der Fortführung des Geschäftes (der Gastwirthschaft)
und der Erziehung dreier Kinder im Alter von 7, 4 und 2
Iahren. Aber die Mutter hat diese doppelt schwere Auf-
gabe redlich gelöst. Jn letzterer Beziehung, die Erziehung
ihrer Kinder betreffend, stand ihr ein treuer Hausfreund
rathend und helfend zur Seite. Es war der am 10. Mai
1821 in Frankfurt verstorbene Ghmnasial - Professor
Oswald Brassart. Jch muß dieses trefflichen Mannes
hier besonders gedenken, denn ihm verdankte mein Bruder
vorzugsweise die Realisirung seines innigsten Lebens-
wunsches, sich der Kunst widmen zu dürfen, davon Seiten
der ängstlich besorgten Muttersich große Bedenken erhoben.
ob sie im Stande sein würde, die zu einem solchen Berufe
erforderlichen Mitel aufbringen zu köunen; der väterliche
Freund beseitigte diese Bedenken und half freundlich mit
Rath und That.

Die Jahre der Kindheit verlebte mein Bruder in
fast zu enger Abgeschlossenheit. Die Mutter war be-
strebt, ihre Kinder so viel wie möglich unter Augen
zu haben, und obwohl ihr Berufsgeschäft sie sehr in
Anspruch nahm, wußte sie doch immer noch Stunden für
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