Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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Begas hatte ausgesprochenermaßen auf die dekorative
Masienwirkung hingearbeitet, und diese im Ensemble
und für sehr beträcktlichen Abstand auch erreicht.
Der Platz selbst aber ist keineswegs groß (nur die beiden
schräg einmündenden Straßen gaben für den Suchen-
den gute Augenpunkte), und die Siegesstraße führte hart
am Fuße der Statuen vorbei. Dazu kam noch, daß
Begas uach seiner spezifisch malerischen Begabung wieder
einmal nur auf einen Gesichtspunkt, die Ansicht von vorn,
gearbeitet hatte, während sich dem auf der Siegesstraße
Nahenden die Gruppe zuerst und am längsten von der
Seite präsentirte, und diese Ansicht der Begas'schen Fi-
guren war geradezu eine purtis Iwnteuse. Hier stellten
sich die falschen Verhältnisse der Gliedmaßen und Körper-
theile, die ganz unnatürlichen Formen und die über alles
schlechte und unedle Haltung so ausdringlich im Border-
grunde dar, daß jeder Mensch sie bemerken mußte, und
kaum der Hundertste noch Lust behielt, sich weiter nach
etwaigen Vorzügen mnzuthun.

Der plumpe Naturalismus und die esiektgewandte
Routine hat hier einmal an entscheidender Stelle ein
schmähliches und aller Welt augenfälliges Fiasco ge-
macht. Was bedeutet es in der That, „gewaltige" Massen
und „große" Linien zu schaffen, wenn als Mittel dazu
erlaubt sein soll, Knie und Schenkel von dem Vier- bis
Sechsfachen ihrer richtigen Dicke zu bilden, Gewänder !
zu bauschen, daß zwischen Stosi und Körper die Tages-
rationen für ein Regiment Platz hätten, und in einem !
unsagbaren Wust von Zeughaufen und Gewandfalten die !
Endigung des Körpers zu verbergen.

Eben so rücksichtslos wie mit der Form war mit
dem Sinne verfahren. Statt durch irgend ein verständ-
liches Attribut, wie es im Plaue des Architekten lag, und
durch einen bezeichnenden Gesichtsausdruck und eine spre-
chende Geberde die beiden Personifikationen der theilneh-
menden Empfindung nahe zu rücken, war die attributäre
Charakteristik gesucht und schief, also ganz absolut unent-
zifferbar: Straßburg löscht eine gesenkte Fackel aus, und .
wer das Gras wachsen hört, der merkt, daß dies den ge-
löschten Brand der Stadt (!!) bedeuten soll; Metz hat
einen wild geworfenen Lappen um's Haupt fliegen, von
dem der Künstler wünscht, daß man ihn für einen Braut- !
schleier halten soll: an sich eine starke Zumuthung an das
Divinationsvermögen und eine wunderbare Begriffs-
verwirrung als Bezeichnung für die Borstellung von der
„enljungferten" Festung! Jn Gesichtsausdruck und Ge- j
berde war die Straßburg — abgesehen von einer wider-
wärtigen Erschlaffung — durchaus „pointefrei", Metz
aber schaute grimmig drein und stemmte den Arm mit
geknicktem (sle!) Handgelenk so energisch gegen die Hüste,
daß sie die leibhaftige Verkörperung der Hökerin in einem
bekannten Berliner Gedichte schien: „sie, den Arm in die
Seite setzend, keift ihm entgegen rc."

Ein absoluteres Mißlingen war unmöglich. Das
Publikum war im Durchschnitt gebildet genug, die un-
würdige Lösung der Aufgabe von dem Verdienst der (ar-
chilektonischen) Idee zu sondern, die Großartigkeit der
Gesammtkonception bereitwilligst anzuerkennen und be-
wundernd auf sich wirken zu lasien, und mit dem Ueber-
schuß an richtiger Empfindung und genialer Vollendung,
den die Mittelgruppe darbot, den Abgrund dieses Deficits
einigermaßen auszugleichen. Bedauerlich im höchsten
Grade war der Ausfall, um so mehr als er der eiuzige
in der Gesammtheit derFestausschmückung war; und so lehr-
reich auch das Ergebniß ist, so habe ich nicht einmal den
Muth, es nach diesem Gesichtspunkt erträglich zu finden,
da ich fürchte, daß die Belehrung bei denen, die ihrer
bedürfen — geschicktem Vergessen begegnen wird.

Die Dekoration des Potsdamer Platzes zu vollenden,
waren noch zu beiden Seiten der beschriebenen momumen-
talen Gruppen je zwei gewaltige Bannerträger in Form
von Lanzenschäften aufgerichtet, von denen riesige rothe
Banner herniederrauschten. Auf ihnen strahlten in Gold
die Namen der Schlachten um Metz und des Gefechtes
bei Beaumont. Das Ganze war in der That das, als
was ich es schon bezeichnet habe: ein noo plus ultra.

(Schluß folgt.)

I. Keller's Ztich der Zirtinischen Madsnna.

Alle Freunde der Kunst werden die Nachricht fröh-
lich begrüßen, daß Joseph Keller's Kupferstich der
Sixtinischen Madonna, das Werk langjähriger Arbeit
voll begeisterter Hingabe und emsigsten Fleißes, vollendet
ist. Zu so hohen Erwartungen auch die bewährte Meister-
schaft des Künstlers berechtigte, im Angesichte des fertigen
Blattes muß man bekennen: sie sind nicht allein erreicht,
sondern sogar übertroffen worden. Die technische Voll-
endung des Stiches tritt beinahe zurück gegen die reine
Wahrheit in der Wiedergabe des Originals, gegen die
innige Annäherung an die einzige Schönheit des Vor-
bildes, welche in diesem Falle unsere besondere Bewun-
derung erregt. Denn ber Hauptreiz des Raffael'schen
Gemäldes beruht auf Eigenschaften, die sich scheinbar
jeder Reprodüktion entziehen. Es gilt dasselbe mit Recht
als ein Werk unmittelbarer Jnspiration, wie sie uns so
glänzend und groß kaum wieder in der gesammten
Kunstgeschichte entgegentritt. Die Hände des h. Sixtus
hat Raffael nach der Natur gemalt, die'Züge der Madonna
wecken eine leise Erinnerung an den Typus der Fornarina.
Das ganze Bild selbst aber war in Raffael's Phantasie
so lebendig, so klar und anschaulich gestaltet, daß er keiner
weiteren Vorbereitung bedurfte, um die mit glühender
Empsindung und reichstem Schönheitssinn gedachte Gruppe
sogleich auf die Leinwand zu übertragen. Dafür spricht
die merkwürdige Thatsache, daß keine Studien, Skizzen
und Entwürfs zu diesem Gemälde gefunden wurden,
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