Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

Page: 22_177
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1871/0180
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
VI. Jahrgang.

Nr. 22.

Äriträgr

NNd an vr. L.N. Liitzow
(Mien, Theresiannmg.
2S)od.andieBerlagSH.
lkeipsig. Könlgostr. s>
zu rlchten.

I. Srptcmbcr

Änsrrate

L 2 Sgr. für die drei
Mal gespaltene Petit-
zeile werden von jeder
Buch- und Kunsthand-
lung angenommen.

1871.

Beiblatt zur Zeitschrist snr bildende Kunst.

Verlag von L. A. Leemann tn Tetvztg.

Aml. und S. Frettage jedes Monats erscheint eine Nummer vou iu derRegel einemQuartbogen. Dte Abonnenten der „Zeitschrift für bildende Kunst" err
halten diesBlatt xrntl,. Apart bezogen kostet dasselbel'/zTblr.ganzjährlich. Alle Buch-undKunstbandlungenwieallePosiämternebmenBestellungenan.

Jnbalt: Der lünstlerische Tbeil der Berliner Siegesfeier sFortsetzung). -
Zur Erinnerung an Eugen Eduard Schäffer II. — Kunftliteramr und
Kunsthandel. -- Kunftvereine, Sammlungen und Ausftellungen. —
Vermischte Kunstnachrichten.

Der künstlerische Theil -er OerlinerSiegesfeier.

16. Juni 1871.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Wie schon bemerkt, endigte die eigentliche vin trium-
pknlis bei dem Denkmal des alten Fritz. Denn der
Opernplatz dicnte für den Borbeimarsch der Truppen,
hatte also in seiner ganzen Breite frei bleiben müssen;
die Schloßbrücke war auch nur durch herangefahrene
Schiffe mit aufgerichteten Masten und zwischen letzteren
über den Weg gespannten riesigen Laubgewinden dekorirt/
auf dem Lustgarten aber bereitete stch ein Schauspiel sonder
Gleichen als Schluß der Einzugsfeierlichkeit vor, die
Niedersenkung eines Waldes von eroberten französischen
Fahnen vor dem neuenthüllten Denkmal Friedrich Wil-
helms III. sauf das ich gclegentlich zurückkomme). Die
Feier hatte einen durchaus militärischen Charakter und
ihr Hauptglanz bestand demzusolge — außer jenem durch
die Ereignisse gegebenen Moment — in der Betheiligung
möglichst zahlreicher Truppenmassen als Deputationen
dcr sieggekrönten Heimkehrenden. So war auch auf diesem
weiten Platz außer einigen Fahnenstangen nur ein un-
gemein bescheidener Pavillon, richtiger Zelt für die
Damen des Hofes vorbereitet, sonst der Platz in seincm
wüsten unfertigenZustande ganz frei gelassen. Doch hatte
sich wenigstens noch ein Platz gefunden, an dem ohne
Behinderung für die Feier ein großartig zusammenfassen-
der Abschluß der Triumphdekoration gewonnen und zu-
gleich durch denselben die eigentlicheHauptfeiermit diesem
Anhängsel von officieller Ceremonie in Beziehung gesetzt
werden konnte.

Die Axe der Linden führt gerade auf das Schloß-
portal zu, vor dem die berühmten Clodt'schen Rossebän-
diger stehen. Hier also, wo die Perspective der Sieges-
straße durch die imposante Masse des Schlosses begränzt
wurde, in gerader Linie dem Museum und dem neuen
Königsdenkmal gegenüber, hier wurde noch einmal in
einem mächtigen plastischen Werke der ganze Jnhalt der
Ereignisse zusammengefaßt: das deutsche Bolk in Waffen
begründet die Machtstellung des neuen Reiches und führt
ihm zwei vormals geraubte Provinzen zurück.

Auf einem wenig verjüngten runden Postamente
von im Mittel etwa 20 Fuß Durchmesser und etwas mehr
Höhe ist der Kaiserstuhl der Germania errichtet, auf dem
sie mcijestätisch thront, im Ganzen bis zu 40 Fuß Höhe
aufragend. Im Krönungsmantel mit der Krone, die
Rechte hoch auf den Herrscherstab gestützt, der oben in
dem Adler endet, blickt die edle schöne Gestalt ernst
und würdevoll auf das ihr gebotene Schauspiel herab.
Die beiden wiedergewonnenen Töchter umgeben sie hüben
und drüben. Elsaß, mit der deutschen Dichtung vielfach
eng verbunden, ist durch eine Harfe charakterisirt. Schüch-
tern noch und zvgernd, aber nicht widerwillig neigt sich
die Entfremdete der hehren Mutter zu, und lehnt sich
leise an sie. Aber schroff und verschlossen steht Lothringen
zu ihrer Rechten abgewandt da, die wehrhafte, kriegs-
berühmte, daher mit dem Schwert in der Hand; man sieht
ihr an, es wird Mühe kosten, sie der französischen Pension
zu entwöhnen. Doch die mütterliche Hand, die sie leicht
umfängt, ist eben so stark, wie sie milde ist. Die Gruppe
ist von Gropius angegeben, von Albert Wolff klein
modellirt und von Dankberg im Großen ausgeführt.
Jn der Komposition mag sie sehr wohl genügen, auch
herrscht in Bewegung und Formen eine edle Schönheit,
die der Größe des Gedankens entspricht. Nur ist das
Jdeal zu wenig national, die Germania sieht einer olpm-
loading ...