Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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bisher für derartige Kartons nur 1000 Gulden Honorar
verlangt.

Unter solchen Umständen blieb der Kunstkritik, wenn
sie sich nicht selber untreu werden oder die Sache schädigen
wollte, kaum etwas anderes übrig als entweder gauz zu
schweigen, oder durch ausschließliche Betonung des statisti-
schen Momentes sich aus der heiklen Lage herauszuhelfen.
Jetzt, nachdem der Zeitpunkt der Verloosung so nahe ge-
rückt ist, daß die Besprechung keinerlei Einfluß mehr auf
den Absatz der noch vorhandenen Loose äußern kann,
besteht auch für den vom wärmsten PatriotiSmus
erfüllten Kritiker kein Grund mehr, sein Urtheil zurück-
zuhalten.

Jch habe oben meine volle Ueberzeugung dahin aus-
gesprochen, daß die Münchener den Bewohnern keiner
anderen Stadt an stiebe zur Kunst und an Berständniß
derselben nachstehen. Gleichwohl finden die Künstler nur
an hiesige Kunsthändler und an Fremde Absatz für ihre
Schöpfungen und jährlich gehen Millioneu aus dem Aus-
landehierher, während, denHofausgenommen,Einheimische
für Kunstzwecke kaum ein paar tausend Wulden ausgeben.
Der Grund liegt in deu nationalökouomischen Verhält
nissen unserer Stadt. München ist eine wohlhabende,
aber keine reiche Stadt. Zu ihrem Glücke besitzt sie kaum
ein paar Millionäre, aber auch kein Proletariat. - Mün-
chen hat keine Geldaristokratie, wie Wien, Berlin, Ham-
burg und Bremen sie besitzen. Hat irgend ein Salon
ein paar Oelbilder aufzuweisen, so sind es in der Regel
Kunstvereinsgewinnste oder bloße Dekorationsstücke ohne
inneren Werlh. Plastische Arbeiten sind höchstens in
wohlfeilen Gypsabgüssen vertreten.

Darum war, vom Fremdenverkehr abgesehen, in
Müncheu auch kein Absatz der Loose für den bezeichneten
Zweck zu hoffen, während er in einer oder der anderen
von den eben genannten Städten ohne Zweifel ein weit
befriedigenderes Ergebniß gehabt haben würde.

Was die Betheiligung der einzelnen Kunststädte
betrifft, so steht München mit 289 Nummern oben an.
Jhm folgen Dresden mit 74, Wien mit 71, Düsseldorf
niit 63, Berlin mit 59, Hamburg mit 39, Darmstadt mit
38, Frankfurt a. M. mit 30, Karlsruhe mit 29, Nürn-
berg mit 21, Stuttgart mit 14, Hannover mit I I, Braun-
schweig und Hanau mit je 3, Leipzig und Eisenach mit je
1 Nummer. Dazu kommen noch verschiedeue andere
Städte mit im Ganzen 23 Nummern, darunter Lübeck,
Kiel, Heidelberg, Baden-Baden. Dagegen vermißt man
Köln, Magdeburg, Königsberg, Breslau rc., während
Brüssel und London sowie Basel vertreten sind.

Uebrigens haben nicht blos Küustler, sondern auch
Kunstfreunde und Kunst-Anstalten zum Theil höchst werth-
volle Beiträge geleistet. Auf diese Weise erhielt die
Sammlung eiuen erwünschten Zuwachs an Werthen ver-
storbener Künstler, wie Karl Rottmann, Ludwig

Schwanthaler, TheodorHorschelt,J.Petzl. Gauer-

mann u. A.

Unter deu Oelgemälden der Ausstellung steht natür-
lich wie überall die Historienmalerei entschieden zurück,
dagegen finden sich an hundert Genrebilder, welche das
Leben von seiner ernsten wie von seiner heiteren Seite
nehmen. Das landschaftliche Element zeigt alle möglichen
Auffassungen, von der einfachen mehr oder minder poe-
tischen Stimmung bis zum Effekt, zur Bedute und zur
stylisirten Landschaft hinauf. Auch an Marinen, an
Thiergenrs, der Architektur-Malerei und dem Still-Leben
fehlt es nicht. Die Plastik ist reicher vertreten, als man
hoffen durfte, so wie die reproduzirende Kunst in ihren
verschiedenen Zweigen.

Die Thatsache, daß Künstler aus allen Theilen um
sers großeu Vaterlandes sich in hochherzigster Weise an
der Ausstellung betheiligten, giebt dem Besucher derselben
erwünschte Gelegenheit zu einem umfassenden Ueberblick
über die verschiedensten Richtungen und Leistungen der
heimischen Kunst und reichen Stoff zu interessanten Ver-
gleichen und Folgerungen, welchen Ausdruck zu geben
indeß hier nicht der Platz ist.

Zum Schlusse aber drängt es uns, allen Künstlern,
welche zu dem edlen Zwecke beisteuerten, im Namen derer
zu danken, deren Leben durch die Ergebnisse der Ausstellung
künftig erleichtert werden soll. Bon diesem Standpunkte
aus mußte jedes Opfer ohne Unterschied mit gleicher Freude
begrüßt werden.

Der kiinstlerische TheU der OerünerZiegesfeier.

16. Juni 1871.

(Schluß.)

Indem ich diesem Festbericht noch einen Anhang über
die Jllumination hinzufüge, verzichte ich selbstredend auf
Vollständigkeit der Aufzählung auch nur des —unter
dem künstlerischen Gesichtspunkte — Bemerkenswerthesten
und auf genaue Schilderung des etwa zu Erwähnenden.
Es liegt mir nur daran und ziemt sich für diese Stelle
wohl am meisten, einige allgemeine Gesichtspunkte zu er-
örtern und einige Rügen auszusprechen, für die sich in der
Tagespresse während des Freudenrausches der Festtage
und des Katzenjammers, der ihm folgte, nur schüchterne
Stimmen hervorgewagt haben.

Man sagt nicht zuviel, wenn man von den drei
Berliner Hauptilluminatiouen: zum offiziellen Friedens-
schluß, zur Einholung des Kaisers und am Einzugstage
der Truppen berichtet, daß sie einander übertroffen haben,
daß sie allgemem und glänzend waren, und daß im er-
freulichsten Maße das Bestreben hervortrat, der Erleuch-
tung eine Jdee zu Grunde zu legen und ihr einen künst-
lerischen Charakter zu geben.

Man mag noch so wenig wünfchen, daß auch bei
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