Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

Page: 24_195
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1871/0198
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
195

an. Wenn dagegen der Unterzeichnete sich in seinem Ge-
wissen verpflichtet fühlt, die Ueberzeugung, welche sich ihm
kürzlich bei Besichtigung der Bamberger Blätter aufge-
drängt hat, öffentlich auszusprechen, so wird man ihm
wenigstens die völlige Unbefangenheit zugestehen müssen.
Ein mathematischerBeweis ist in solchenDingen bekannt-
lich nicht zu führen; wer aber einen nichtvoreingenommenen,
mit künstlerischen Werken vertrauten Blick mitbringt, den
darf ich wohl noch auf einige Punkte aufmerksam machen.

Zunächst ist zu beachten, wie selbst die in den hinge-
worfenen Skizzen mit äußerster Flüchtigkeit behandelten
Theile niemals konventionell nach einer Schablone ge-
zeichnet sind. Die Ohren z. B. hat der Künstler manch-
mal nur leicht angedeutet, aber jedes derselben ist indivi-
duell aufgefaßt, so daß die verschiedensten Variationen
desselben mit treffender Charakteristik wiedergegeben sind.
Daß allen diesen Feinheiten der Auffassung gegenüber an
einen plumpen geistlosen Fälscher nicht zu denken ist, wird
ein unbefangenes Studium der Blätter bald erkennen.
Wer so wie es hier geschehen, die außerordentliche Man-
nigfaltigkeit des Lebens geistvoll zu erfassen, mit größter
Sicherheit und Leichtigkeit in freiem Linienzug hinzustellen
und bei dieser fast stenographischen Art der Aufzeichnung
überall das Wesentliche der Charaktere mit den sparsamsten
Mitteln wiederzugeben weiß, der verdient sicher den
Namen eines tüchigen Künstlers. Gerade die Leichtigkeit
der Handschrift, dic nichts konventionell Berflachendes hat,
sondern in unmittelbarer Treue die leisesten Bariationen
der Natur zn fixiren weiß, liefert jedem Unbefangenen den
Beweis, daß wir es hier mit Arbeiten aus den ersten De-
zennien des 16. Jahrhunderts zu thun haben. Für Dürer
selbst ist nichts in diesen Arbeiten zu gering, denn die
Flüchtigkeiten der Zeichnung sind von jener Art, wie sie
überall ein genialer Künstler, wenn er das Leben im Fluge
aufzufassen hat, sich erlauben wird und muß. Wer sich
erinnert, in welcher Weise auch jetzt noch unsre tüchtigsten
Meister skizziren, der wird hier nichts Befremdliches finden.
Jch darf hier wohl das Zeugniß eines befreundetenMalers
anführen. August von Heydcn, mit welchem ich, ehe
mir die Blätter wieder zu sehen vergönnt war, den An-
griff Thausing's besprach, wollte von der Unächtheit der-
selben nichts wissen: ein Botum, welches durch seine eigenen
künstlerischen Leistungen, durch sein großes Jnteresse an
den Schöpfungen alter Meister, vor Allem aber durch sein
eindringendes Studium grade jener Epoche von Gewicht
wird. Noch Eins kommt dazu. Hefner von Alteneck
hat die Bamberger Köpfe vor einigen Iahren genau durch-
genommen und beim Ablösen derselben auf der Rückseite
von mehreren ebenfalls wohl erhaltene Köpfe der gleichen
Hand- und Reihenfolge gefunden. Daß sie also wirklich
aus einem Skizzenbuch herausgeschnitten und aufgeklebt
worden sind, kann keinem Zweifel unterliegen. Auf einem
dieser Köpfe sindet sich noch die ursprüngliche Bezeichnung

zum Theil erhalten. Atan liest in Schriftzügen, die nnn-
destens gesagt den wohlbekannten Dürer'schen zum Ver-
wechseln gleichen, die Worte: „Künig von." Das Weitere
ist der Scheere zum Opfer gefallen.

Nach alledem halte ich diese Zeichnungen nicht blos
für ächte, sondern auch für ganz treffliche Arbeiten Dürer's,
schon deshalb von hohem Jnteresse, weil sie nns eine
Galerie seiner Zeitgenossen in der prägnanten Auffassung
eines der ersten nnserer Meister, wenn auch in flüchtigen
Skizzen vorführen. Ja grade das rasch Hingeworfene
dieser Risse giebt ihnen einen besondern Werth, da wir
Dürer in ähnlicher Art der Darstellung sonst kaum kennen.
Die Publikation der Soldan'schen Buchhandlung ist daher
um so dankbarer aufzunehmen, als derartige Ver-
öffentlichungen vom Verleger stets ohne Aussicht auf ma-
teriellen Erfolg, nur im Jnteresse für die Sache nnd aus
Begeisterung für die Kunst unternommen werden. Jm
vorliegenden Falle hat die Herausgabe noch das besondere
Berdienst, daß sie Jeden in Stand setzt, zu beurtheilen, ob
dicse Arbeiten nach Thausing's Behauptung das Werk
eines stümperhaften Fälschers, oder nach der bis jetzt all-
gemein angenommenen Ueberlieferung Schöpfungen eines
Dürer sind. — Znm Schluß nur noch eine Bemerkung.
Wer die jüngsten Wandlungen kunstgeschichtlicher Auffas-
suugen aufmerksam verfolgt hat, wird sich der Wahrneh-
mung nicht haben verschließen können, daß wir in die
unsrer Wissenschaft so hochnothwendige Periode scharfer
Einzelkritik des vorhandenen Materials nicht ohne gewissc
tumultnarische Excesse eingetreten sind. Jn dem Streben
nach strenger Prnfung des Thatbestandes ist bisweilen ein
Eifer zu bemerken, der gelegentlich Miene macht, das Kind
mit dem Bade auszuschütten. Wer am einschneidendsten
das kritische Messer handhabt, wer am rücksichtslosesten
mit der Sonde operirt, hat in der Regel den Vortheil,
durch Kühnheit zu überraschen, zu blenden, zu bestechen.
Aber trotz solcher Uebertreibungen ist die Kritik heilsam,
denn erst an ihr hat sich als ächt zu erproben, was man
früher oft zu leichthin als beglaubigt anzunehmen gewohnt
war. In diesem Sinne kann auch der Angriff Thausing's
auf die Dürerzeichnungen nur crwünscht sein, weil er die
Veranlassung bietet, dieselben von allen Seiten einer
schärferen Prüfung zu unterwerfen. W. Lübke.

Ne Kunst beim ZiegeseiMge der bayerischen
Truppen in München.

München, im August isn.

^ Es gab eine Zeit, in welcher die Künstler im
öffentlichen Leben Münchens den Ton angaben. Das
war, als ein großherziger Fürst die Priester der Kunst auS
allen Theilen Deutschlands herbeirief, um seinen genialen
Gedanken bleibenden Ausdruck zu geben. Die Künstler-
feste in der Menterschwaige, bei Schwaneck und in den
loading ...