Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 6.1871

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dahier, bei der Dekoration des Akademie-Gebäudes unter
Benutzung einer modifizirteu Antike, des alten Löwen von
der Treppe, und der Teppiche Raffael's hergestellt. An
malerischer Wirkung kam keine andere Dekoration der
letzteren gleich.

Zur Erinncrung nn Eugcn Gdnnrd Schäffer.

(Schluß.)

III.

Eine gewisse Wandelbarkeit in Schäffer's Neigungen,
die ihn weniger dauernd an ein bestimmtes Werk sich fes-
seln ließ, ist in seinen späteren Jahren an ihni unverkenn-
bar. Es begegnete ihm zwar auch wohl in früherer Zeit,
daß ein erster freudiger Anblick und der Reiz der Ueber-
raschung bei einer neuen Erscheinnng ihn in Anerkennung,
ja Bewunderung weiter führte, als ihm später lieb war.
Wir wissen nicht genau, zu welcher Zeit es war, da kam
ein fremder Kunsthändler mit einem angeblichen Raffael
nach Frankfurt. Das Bild ward viel betrachtet, auch
Schäffer sah es und es gewann ihn ganz. Er hatte nichts
Eiligeres zu thun, als den Eigenthümer zu bitten, daß er
ihm erlaubte, eine Zeichnung davon zu nehmen zum Be-
huf eines späteren Stiches. Mit dem ganzen frischen
Enthusiasmus für die Sache ging Schäffer an die Zeich-
nung; während der kleinen Pause zur Mittagszeit mußte
ein geschickter Schüler die Arbeit weiter fördern, die fertig
zu sehen, ihm so sehr am Herzen lag. Kaum vollendet,
ward die Kupferplatte zubereitet, die Arbeit des Grab-
stichels begann nnd rückte rüstig vorwärts. Da tritt eines
Tages ein Bekannter in's Atelier und wie er die Platte
und Zeichnung erblickt, sagter scherzend: „Ach. Siestechen
die Madonna mit den Schweinsaugen!" Die etwas schiefe
Stellung der Augen mochte ihn zu diesem Ausruf be-
wogen haben und — das begonnene Werk ward bei Seite
gerückt und nicht weiter berührt.

Ein Lhnliches, schnelles Umspringen zeigte er gegen-
über den großen politischen Ereignissen der Zeit. Er
stand, wie Viele in Frankfurt, bei Beginn des Krieges
im Sommer 1866 auf Seiten Oesterreichs. Doch war
er, nachdem die Geschicke ihren Gang vollbracht, ein
warmer Anhänger der neuen Entwicklung Deutsch-
lands.

Mochte sein warmes Empfinden ihn dann und wann
etwas zu leicht und schnell hinreißen, er hatte ein feines,
scharfes Auge und stellte manchmal das Urtheil Anderer
richtig.

Passavant hat bekanntlich den früher für Kopie an-
gesehenen, unter dem Namen „Degenknopf" bekannten,
kleinen Kupferstich Dürer's für das Original erklärt und
nmgekehrt das bis dahin als Original geltende Blatt für
spätere Kopie. Aber Schäfser ist es eigentlich, dem die

I Ehre der Entdeckung gebührt. Denn als Passavant eines
^ Tages dies vermeintliche Original zum Ankauf für die
Sammlung angeboten ward, kam er mit beiden Abdrücken
! zu Schäffer. Dieser vergleicht und vergleicht wieder und
sagt alsdann: „Ja, diese Bartsch'sche Kopie ist ja viel
vollkommener als das andere Blatt und ich halte unter
beiden Blättern sie entschieden für das Original."

Von kleiner, aber wohlproportionirter Gestalt und
leichtem, elastischem Gang war Schäffer nicht ganz frei
von Selbstgefälligkeit an seiner äußeren Erscheinung.

Ein Mal bei einer Künstler-Maskerade in Frank-
furt hatte er den Einfall, als der Geist von Hamlet's
Vater zu erscheinen — in weißem Gewande, eine hoch-
ragende Gestalt. Da ruft ein Kollege: „Jch kenne den
Geist, er ist nicht so groß, wie er aussieht, sonst brauchte
er die hohen Absätze an seinen Stiefeln nicht!" Damals
waren diese noch nicht so verbreitete Mode wie heutzutage
und mochten ihn leicht kenntlich machen und — Geist und
Absätze verschwanden alsbald aus dem Saal und erschie-
nen für den ganzen Abend nicht wieder. Die Anspielung
auf seine Größe hatte ihn verdrossen und er trug dem
Kollegen die Bemerkung noch lange nach.

Ueberans fleißig und thätig, gönnte ersich nurselten
einen größeren Spaziergang, doch war er voll war-
men Gefühls für die Schönheit der Natur. Und mit
gleicher Wärme des Gefühls ergriff er eine gute Theater-
aufführung, ein schönes Buch, das er las, eine reizende
oder erhabene Musik. Mäßig in Trank und Speise, aß
er langsam und mit wahrem Behagen, wenn ein schmack-
hafter Braten vor ihm auf der Schüssel dampfte, nnd
mundete ihni das schänmende Bier im hohen Glase, sagte
er wohl einmal: „Ein kostbarer Trank!"

Nach vollbrachtem Tagewerk besuchte er gewöhnlich
den Bürgerverein, durchblätterte mehrere Zeitungen oder
die neu aufliegenden literarischen Erscheinungen und setzte
sich später zu einer Parthie Schach nieder, das er gut und
gerne spielte. Für einen Dritten wahrhaft komisch wirk-
ten alsdann, während er seincn Zug ausklügelte, die leisen
Gespräche, die er bald mit dem Gegner über seine Ab-
sichten, bald mit den Figuren des Brettes anknüpfte, als
ob denen selbständiges Wollen und Handeln innewohnte.
Die Antwort blieben sie ihm freilich schuldig, aber die
lustige Hin- und Wiederrede verdeckte klüglich die Pause
des Besinnens und kürzte sie dem Gegenpart.

So blieb stch seine äußere Erscheinung fast stets
gleich, kaum daß die Zeit einige Falten tiefer in seine
Stirne zog und sein volles starkes Haar etwas zu bleichen
begann. Er sah jünger aus, als er war und wollte auch
dafür gelten. Nie sprach er von seinem Alter, und als in
München bei fröhlichem Beisaimnensitzen einmal Genelli
ihn frug: „Nun, Professor Schäffer, wie alt sind Sie
denn eigentlich?" sah er diesen erstaunt an, stand anf,
ergriff sein Glas und sprach: „Hätte ich doch nie gedacht,
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