Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Nekrologe. — Sammlungen und Ausstellungen.

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ü I^ouis clue ä' Orleuns, ük äe OkurleZ V. (vireri, 1400)
pur Oliristins äs kisun". Es ist eiu kleines Bändchen
mit Pergamentblattern, 98 Miniaturen enthaltend, deren
Charakter dem letzten Viertel des 15. Iahrhunderts und
der französischen Schule entspricht. Auf die Eiuleitung
folgt das erste Bild, darstellend, wie die Göttin einen,
Boten ihren Brief übergiebt. Der Znhalt desselben zer-
fällt dann stets in „Dexts", eine Sentenz; „6Io88s", eine
Erlänterung desselbeu durch eiu Beispiel aus Geschichte
oder Mythe des Alterthums, und „t4IIäAoris" die schließ-
liche Nutzanwendung. Zu jeder Glosse ist eine bildliche
Darstellung des betreffenden Beispiels, stets im Zeilkostüm
gegeben. Das Urtheil des Paris ist auf Nr. 108 (OVIII.)
dargestellt. An einem Baume stehen die drei nackten
Göttinnen mit Kronen, vorn Paris in voller Rüstung
mit einer Fahne, in steifer Haltung; Merkur, in langem
rothem Gewande, wie ein Fürst oder Rathsherr gekleibet,
tritt auf ihn zu. Der „Dsxts" dazu lautet:

Hs koiiäes sur näuision
Hs äessus lolls IIlu>8ion
Orunt swprms soit äroit ou tort
Ilt äs xmuri8 a^s8 Rsoorä.

Zu der erwähnten Darstellung des Gegenstandes
von Holbein ist noch eine zweite ;u fügen, auf jener
Dolchscheide mit mythologischen Scenen, von der sich
Entwürfe in Basel und Bernburg befinden, und die in
meinem Buche „Holbein und seine Zeit" in Holzschnitt
mitgetheilt ist. Alfrcd Woltmann.

Nckrologe.

Gustav PlanerP. Die Ungunst der Zeit lastet
schwer auf der Äupferstecherkunst. Ein Opfer dieser Ver-
hältnisse ist der Kupferstecher Gustav Planer gewordeu,
der, in Dresden einer der bedeutendsten Künstler seines
Faches, am 2. April freiwillig aus dem Leben schied.
Planer war am 22. November 1818.zu Leipzig geboren,
besuchte vom Jahre 1832 an die Kunstakabemie und
bildete sich später unter Kretzschmar zum Lithographen
aus. Eine Reise nach Oberitalien im Jahre 1840 brachte
in ihm den Entschluß zur Reife, sich der Küpferstecherei
zu widmeu. Er ging zu diesem Zwecke nach Dresden und
trat in das Atelier Steinla's ein, zu dessen tüchtigsten
Schülern er, neben A. Semmler, bald gehörte. Unter
ber Leitung des genannten Meisters stach er zwei Gemälde
der Dresdener Galerie, den „Christus" von Cima da
Conegliano (der Stich ist, einer früheren Angabe des
Galerie - Katalogs folgend, irrthümlich mit Giovanni
Bellini bezeichnet) und die „Büßende Magdalena" von
Correggio; Leistungen, die ihm von Seiten der Dresdener
Kunstakademie ein Reisestipendium eintrugen, mit welchem
er einige Jahre in Rom, Bologna und Mailand seinen
Studien lebte. Nach Dresden zurückgekehrt, lieferte er
im Laufe der Jahre noch folgende größere Stiche nach
Bildern der dortigen Galerie: „Die Söhne des Rubens"
von Rubens, „Maria von Egypten" von Ribera, „Die
Kreuzabnahme" von Rvtermund, „Rembrandt und seine
Frau" von Rembrandt und „Den lesenden Eremiten"von

Konincks. Außerdem stach er das Bildniß des Grafen
Hoym nach Hyacinth Rigaud, über welches Blatt seiner
Zeit Henriquel Dupont sich sehr günstig aussprach. Mit
gewandtem Grabstichel sind in allen diesen Arbeiten die
Originale wahr und lebendig und nicht ohne malerischen
Reiz wiedergegeben. Jn anerkennender Weise ernannte
die Dresdener Akademie den Künstler im Jahre 1865 zu
ihrem Ehrenmitgliede. Noch ging Planer damit um,
das „Abendmahl" Lionardo da Vinci's zu stechen. Er
reiste in dieser Angelegenheit mit einer Unterstützung der
sächsischen Regierung nach Mailand und fertigte mit *
großer Sorgfalt eine Zeichnung von dem berühmten
Werke, die, nachdem er das schwierige Borhaben ber
ungünstigen Zeitverhältnisse wegen hatte aufgeben müssen.
in den Besitz des photographischen Jnstituts von Brock-
mann übergegangen ist. Ohne Aufträge, ohne den Muth
und die Mittel, auf eigene Rechnung einen Stich zu
unternehmen, sah er der Zukunft nüt banger Sorge ent-
gegen. Er dachte daran, sich der Bildhauerkunst zuzu-
wenden, und begann zu modelliren, aber die Energie
seiner Jugend fehlte zur Durchführung eines solchen Ent-
schlusses. Ein starker Ehrgeiz ließ ihn die Täuschungen,
welche das Leben brachte, nur um so schmerzlicher em-
pfinden; da er in Folge der Verbitterung seines Gemüthes
etwas vereinsamt und ohne einen ermuthigenben Zuspruch
war, erklärt es sich einigermaßen, wie er in einer schwarzen
Stunde sich eine Kugel durch den Kopf jagen konnte.
Freunde und Kunstgenossen folgten theiluehmend seinem
Sarge, das traurige Ende des Künstlers beklagend.

0. 6188.

Sammlungen nnd Äusstellungrn.

/X Miinchener Kunstvcrein. Wiederbolt haben wir
Böcklin's ungewöhnliche Begabung anerkannt, zugleich aber
seinen Gang zum Bizarren bedauert. Eine Verirrung ist
leider auch wieder seine „Pietas", in der sich eine Anzahl
wagerechier Farbenschichten übereinanderlcgen. eine grüne (der
Grasboden,) eine weiße (der Sarkophag.) eine bläulich bell-
grüne (der Leichnam Christi,) die von einer dnnkelgrünblauen
(der Mutier des Herrn,) unterbrochen wird; eine pflaumen-
blaue (Wolkenschichie,) aus der ein Engel in purpurnem
Rocke herablangi. sodann eine rothbraune und ultramarinblane.
(wiederum Wolkenschichten.) Der Leichuam. die heilige Maria
oder vielmehr ihr Mantel, denn sonst siebt man nichis davon,
und der Engel stnd eigenilich, trotz ihrer natürlichen Grötze,
blosie Nebensachen, die Wolken mit ihrem wahrhafi unver-
schämten Kolorit aber die Hauptsache. Jede Linie der Kom-
posiiion, jeder Pinselstrich zeigt, daß der Maler kein böheres
Streben kennt, als es um jeden Preis anders zu machen als
Andere es vor ihm geihan und hoffenilich nach ihm thun
werden. — A. Gabel brachte eine „Rekrutenaushebung in
Tirol", in welcher einzelne Figuren z. B. der dieselbe leiiende
Ofsizier unnöthig karikiut sind. Auch die Durchbildung könnie
solider sein. Gabel könnte sich an Defregger ein Muster nehmen,
der, so flott seine Technik ist, sich nirgends dem Vorwurf der
Nachlässigkeii aussetzt. Dagegen erinnert K. Kronberger's
„Gerichtsverhandlung" in gewisser Hinsicht an die alte Schule:
ueben lebhafter Bctouung der Komposition zeigt sich eine in
unseren Tagen nur zu selten gewordene Vorliebe für gewissen-
hgfte Ausführung des Figürlichen, namentlich der Fleischtbeile.
eine tresfliche Charakteristik der Personen und eine sorgfältige
Zeichnung. Nur in Bezug auf das Kolorit wäre dem Bilde
etwas mehr Weichheit und Harmonie zu wünschen, doch findet
sich auch hier nichts eigentlich Störendes. — Vor P. v.
Szinyeh's „Landpartie" steht die Kritik, die keine Satire
schreiben will, vvllkommen rathlos. Bildete das Bild nicht
ein Glied in der Kette des modernen Naturalismus. so wäre
es einfach mit Stillschweigen zu übergehen. Aber wo es sich
um ein Princip bandelt, muß sie ihr Urtheil sprechen und
käme daffelbe auch einer Verurtheilung gleich. Es ist nicht
möglich, das Bild des ungarischen Künstlers so zu beschreiben,
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