Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 8.1873

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Aus dem Oesterreichischm Kunstverein.

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Lage, in der er sich befand, in dieser Frage mit Koryphäen
der Kunstwiffenschaft älterer Generation in Uebereinstim-
mung zusein, dagegen einige der hervorragendsten KUnstler
unserer Zeit, namentlich die Architekten Hittorf und
Semper, zu seinen Gegnern zählen zu müfferr, warf er
diesen vor, ste hätten den von ihnen bcobachteten Dingen
eine zu große Tragweite beigemeffen und sich den Konse-
quenzen ihrer Beobachtungen bestnnungslos überlassen,
statt daß er sich hätte sagen sollen, daß diese Künstler eben
zu sehr von dem Ernste der wissenschaftlichen Forschung
durchdrungen und der Methode kritischer Deduktion zu
mächtig waren, als daß sie sich durch vorgefaßte Meinungen
hätten den Thatsachen gegenüber die Augen verschließen
laffeu können.

Das eigenthünilichste Malheur und die schlagendste
Widerlegung dieser Arbeit lag in dem wunderbaren Ana-
chronismus ihres Hervortretens. Will man nämlich' die
glänzendsten Bestrebungen innerhalb der Berliner Archi-
tektur der letzten Jahre zusammenfassen, so muß man
sagen: die Berliner Architektur strebt wieder zur Farbe
zu kommen. Was Leute wie Gropius, Lucae, Spiek-
berg u. s. w. an Hervorragendstem gemacht haben, das
sind ihre farbigen Dekorationen, die sich nicht bloß auf
das Jnnere beschränke'N, sondern die auch das Aeußere
der Baulichkeiten durch Hinzuziehung der verschiedensten
Materialien, selbst der farbigsten, wie z. B. wirklicher
Gemälde auf Schiefer- oder Marmorplatten, farbig
glasirter Majoliken und dgl., koloristisch zu beleben mit
Glück versuchen; und, wo der Architektur ganz freies
Spiel gelassen ist, sich nach der Neigung ihrer Phantasie
ohne jede Rücksicht auf Bestellerlaunen, Preise und dgl.
gehen zu laffen, da treten solche Sachen auf, wie z. B.
die Weihnachtsdekoration des Kroll'schen Theaters vor
einem Jahre (von dem jüngeren Tietz entworfen), welche
in Farben wahrhaft schwelgte. — Und gerade als der
Vortrag von Magnus erschienen war, da machten zwei
hervorragende deutsche Bildhauer, Ernst Hähnel in
Dresden im Vereine mit Robert Henze, den Versuch,
eine monumentale plastische Gestalt^ mit dem vollen
Schmucke der Farben auszustatten. Wer den Holbein-
Kongreß in Dresden besuchte, sah noch auf dem Altmarkte
daselbst die köstliche polychrome riesengroße Germania
stehen, welche die sächsischen Truppen bei ihrem Einzuge
begrüßt hatte.

Und diesen unleugbaren Strömungen und Bestre-
bungen in der modernsten Architektur und Plastik gegen-
über unternahm Magnus, die wissenschaftlichen Beweise
für das Vorhandensein der Polychromie bei den Alten
anzutasten und als lächerlich hinzustellen, während es
doch sehr einfach war, sich zu sagen, daß alle diese Be-
weise für die hellenische Kunst richtig sein konnten, ohne
daß deswegen das von den GriechenGeübte für uns muster-
giltig zu sein brauchte, was ja auch von Niemandem in

dieser Uneingeschränktheit behauptet worden ist, daß aber
dock die Umkehr der neueren Kunst von der Farblosigkeit
zur Farbigkeit jedenfalls dafür spricht, daß das Polh-
chromie-System der Alten weder ein Unsinn, noch eine
Barbarei, noch eine Unwahrheit gewesen ist. —

Jch glaube nicht, daß ich mit dieser Darstellung und
Beurtheilung von Magnus' Thätigkeit außerhalb seiner
Kunst ihm Unrecht angethan habe. Viel Dank ist ihm
für dieselbe Niemand schuldig; indeffen die Spuren und
das Andenken dieser seiner Thätigkeit werden vergehen
und hoffentlich unter dem neuen Geiste, der in unsere
Kunstverwaltung eingezogen zu sein scheint, recht bald.
Nicht vergehen aber wird das, was er in seiner Kunst,
wenn auch nur vereinzelt, wirklich Hervorragendes ge-
schaffen hat.

Ius dem Oesterreichischen Kunstverein.

Wien, Mitte Mai 187S.

chch Wohl selten noch haben sich auffallendere Extreme
auf Kunstausstellungen begegnet, als es gegenwärtig in
den Sälen des Oesterreichischen Kunstvereins der Fall
ist, wo Kaulbach mit Courbet zu einem unfreiwilligen
Rendezvous zusammen gesührt wurden. Des Ersteren
„Nero" ist desLetzteren großem Bilde: „Der Künstler in
seinem Atelier" unmittelbar gegenübergestellt. Einen
Kampf gilt es wohl zwischen diesen beiden Künstlern
nicht auszusechten; sie haben sich durch Zufall begegnet,
und jeder spricht in seinem ihm angeborenen Dialekt der
Kunst so entschieden eigenthümlich und so grundverschieden
vom andern, daß sie sich gegenseitig gar nicht verstehen
können, und der Versuch, in Parallelen oder Vergleichen
sie aufeinander zu hetzen, bei jedem Anlauf mißlingen
muß. Auf der einen Seite die Super-Eleganz der Form,
die Super-Harmonie in der Anordnung und dem Aufbaue
der Komposition — auf der andern das derbste, ja oft
gemeinste Handhaben der technischen Mittel, eine räthsel-
hafte Willkür im Arrangement, ein absichtliches Bloßlegen
alles Unschönen, welches sich bis zum Unnatürlichen
steigert. Kaulbach und Courbet haben auch nicht einen
Funken Verwandtes; sie erscheinen neben einander nur
übertriebener in ihren Eigenthümlichkeiten.

Der berühmte deutsche Meister hat mit dem „Nero"
die Reihe seiner welthistorischen Bilder wieder um eines
vermehrt. Das Werk ist schon genugsam beschrieben
worden und durch die photographische Bervielfältigung
überdicß allenthalben bekannt, so daß wir uns auf ein
detaillirtes Nacherzählen der großen Komposition nicht
einzulaffen brauchen. Kaulbach ist auch diesmal wieder
Kaulbach geblieben: der scharfe, geistvolle Charakteristiker,
der Virtuos in der Zeichnung und der Licht-und Schatten-
vertheilung, der Jdealist überall dort, wo es sich darum
handelt, das Gemeine zu maskiren, und der feffelnde
Dramatiker, wo der Affekt der Leidenschaft hervorquillt;
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