Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 9.1874

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Aesthetische Ketzerei. — Korrespondenz.

ihm ausgeheiiden bleibenden und auch auf verschieden I
Gearleic gleichen Wirtung; das Kriterium des „wahrcn"
und „echten" Kuuslwerkes liegt dagegen nur gar zu
oft in rcr subjektiven Anschauungswcise des cinzelnen
Kunsttritikers. Es ist dahcr gewiß nur im Sinne dcs
Bcrfasscis der Briefe gesprochen, wcnn wir mit größter
Emschiedcnhcit dahin zu wirken suchcu, daß aus ciner
wissenschafllichen Aesthetik jeder Ausdruck verbannt wcrde,
dcr irgendwie als auf einer subjektiven Betrachtungs-
weise unb nicht als auf sachlichen Grnnden beruhend er-
scheinen könnte.

Sind die hie uud da eingestreuteu, im Laufe der
lebendigcn Darstellung sich naturgemäß als Bcgrün-
dung over als Folgcrung einschaltendcn allgcmeineren
Gedanken sö anrcgend, daß wir auf Einiges näher hin-
weisen zu müssen glaubten, so sind der verschwenderisch
ausgestrcuten Goldkörner spccicller Wahrhciten so viele,
daß wir verzichten müssen auch nur einen Ucberbkick zu
geben. Da kömmen trcffliche Bemerkungen über die
Gründung von Museen und Gaterien und den sich dabei
ossenbarenden „Vandalismus", übcr die Folgen des Zu-
sammenhängens dcr aus ihrem ursprünglichen Zusammeii-
hange herausgerissenen Bilber, übcr das „spielcnd" Ler-
nen und „spielcnd" Machen, über die positive Unwissen-
hcit der Künstler und dcr „Kunsttemicr", über dic Vir-
tuosität, über Stiche und Photographien, übcr Zicduc-
tionen u. s. w- u. s. w. Zu den Grundanschauungen
des anregenden Buches gehört sodanu namentlich die
Hervorhebung des Einflusses der großen Revvlulion d. h.
der seit Ausgang dcs Mittelalters sich vollziehenden Um-
wälzungen in alleu Lebens- und Kuklurverhältnisseu
auf die Jndividualität: „dem materiellen persönlichen
Jnteresse des Jndividuums hat sie sreicn Spielraum
gegebcn; der idealcn Thätigkeit der Jndividualität hat
sie, wo sie nur konnte, Hemmnisse in ben Weg gelegt."
(S. 48.)

Abcr nichts destowenigcr hofft der „Ketzer" auf eine
Regeneralion der bildeudeu Kunst, wie sie in dcr Pocsie
im vvrigen Jahrhundcrt durch die großen Dichter ein-
getreten sei: „Jeder Uubefangene wird doch immer zu-
gcben, daß wir Alle noch erwarlend dastehcn wie unsre
Großväter in den Siebziger-Jahrcn, nicht zurückschauend
wie unsre Väter im zweiten Jahrzehnt diescs Säculums."
(S. 88). Unb zwar erhofft er sie durch große Jndi-
viduen, wie svlche iu cinem iudividualistisch und spccu-
laliv angelegten Volke, wie es das deutsche ist, die größten
Schöpfungen — Reformativn, deutschePhilosophie, deutsche
Dichtung, beutscheu Staat, — aber freilich im Kampf
mit der Nation nnd erst allmählich erkannt ünd aner-
kannt, durchgesetzt haben. Der Kunst aber werden deutsche
Charakter- und Geisteseigenschaften zu Hülfe kömmen,
die zunächst mit der Kunst gar nichts zu thun haben: —
der dem Deutschen eigenthümliche Ernst, seine Liebe





zur Sache, scin Fleiß, seine Wahrheitsliebe, seine Neid-
losigkeit. Aber der „Künstler der Zukunft", wie soll er
werden? Seine Aufgabe ist, „durch volltömmene Durch-
bildung, seelische wie tcchnische, der Mittel der Kunst
so Meister, der Grenzen der Kunst so sicher zu werdeu,
baß cr, dadurch wicder zur Freiheit gelaugt, die Natur
unbefangen schauen und wicdergeben könne." (S. 96).
Aber arbeiteu muß der Künstler, sich nicht damit be-
gnügen, die Formen kcnnen zu lernen; er muß auf der
Höhe seiner Zeit stcheu, mittcn in der geistigcn Strö-
mung, deren vornehmste Vertreler in ihm lebcndig scin
müssen. „Nur eiu Mensch, der Goethe uud Shakespcare,
Kant und Schopenhaner nicht nur geleseu, sondern in
sich aufgenommen, steht heute auf der Höhe der Mensch-
heit" (S. 114).

So giebt das in so Vielem negirende Buch doch
noch cincn hoffnungsreichen Ausblick, und wcr möchle
nicht wünschen, daß er bald in dieser gcwaltig bcweg-
ten und nach neuen Gcstaltnngen drängendcu Zeit sich
vcrwirklichcn möge? Da ist es aber an Allcn, Künst-
lern und Nichtkünstlern, durch die That und durch das
richtige Verständniß milzuarbeiten und mitzustreben. Nnd
daß unsre Zeit doch nicht so unempfänglich für derartige
Mahnrufe ist, zeigt die erfreuliche Thatsache daß bic
„Briefe" bereits in zwciter Anflage erschienen siud und
die „Ketzerei" svmil auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Veit Valentin.

Üoiitspoiidr»).

Stuttgart, den 1. April 1874.

LI1. Es ist eine erquickcnde Erscheinung, mitten
in dem Strudel flüchliger, fast nur auf koloristischen
Reiz ausgehender Arbcitcn noch Werke entstehen zu
sehen, welche mit den Mitteln hoher formaler Schön-
heit an unser Denken und unsre Empfindung sich wcn-
dcu. Wir meinen die vou B. v. Neher, Direklor der
hiesigen Kunstschule, geschaffeuen Eutwürfe zu deu Glas-
gemälden für die protestantische Hauptkirche Stuttgarts,
die, nebenbei gesagt, ein erfreulicher Beweis der zur
Zeit noch in Württemberg herrschendcn konfessioncllen
Eintracht sind, da der Künstler Katholik ist.

Fünf vvn diesen Entwürfen, welche für vier Fenster
des Chores und das Orgelfenster an der Vorderseite der
Kirche bestimmt sind, sind bereits zur Ausführung ge-
langt, vier davon als Stiftungcn dcs verstorbcneii
Königs Wilhelm von Württemberg, einer als Stiftung
eines Ungenannten. Der Kartou zum sechstcn Fenster,
welches ebenfalls die Stiftnng eines Ungenannteu, ist
nach langsamer, sorgfältigster Durchbildung seiner Voll-
endung nunmehr sehr nahe gekömmen. Er übertrifft
an Großartigkeit die Darstellungen der übrigeu Fenster,
welche immer je eine Anzahl kleinerer Bilder in reicher
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