Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 11.1876

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Die Jahres-Ausstellung im Wiener Künstlerhause.

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Jntention und für die Dimensionen des Bildes denn
doch zn dürftig. Große Auftnerksamkeit erregten unter
den Arbeiten von Emil I. Schindler zwei Veduten
ans Amsterdam dnrch die reizvolle ZusammeNstimmung
der Farben und die gelungene Verwerthung der architek-
tonischen Momente, dann zwei Ansichten der Jnsel
Lacroma, welche bekanntlich Kaiser Maz'imilian von
Mexico vor Jahren zn einem bezaubernd schönen, in
südlicher Vegetation prangenden Park umgcstaltet und
mit einem geschmackvollen Schlosse geschmückt hat. Die
eine derselben, mit dem Schloße und Blumen-Parterre
im Vordergrunde und dem weiten Ausblick auf die blaue
See, ist meisterhast ausgebaut nnd, bei aller Diskretion
in den aufgewendeten Mitteln, glänzend beleuchtet; weit
bunter, aber noch immer nicht unruhig, stellt sich die
andere Ausicht dar, aus welcher kräftige Pinien den
Vordergrund beleben, während das Meer im Hinter-
grund ein wenig zu schwer gerathen ist. Gottsried
Seelos hat eine Reihe seiner beliebten architektonischen
und landschaftlichen Veduten aus Südtirol ausgestellt,
die sich auch diesmal durch scharfe Ausfassung und treue,
liebevolle Wiedergabe der reizenden, italisch anmuthen-
den Natur auszeichnen. Ein „Winterabend in Salz-
burg" von Hansch zeigt uns diesen ehedem so bedeuten-
den Meister in vollem Niedergange; es' ist wirklich
betrübend, dieses Bild zu sehen, in welchem kein Farben-
ton wahr erscheint, keiner zum anderen stimmt und nur
noch die Komposition hin und wieder an die gute Zeit
des Künstlers erinnert. Auch Obermüllner ist dies-
mal nicht glücklich vertreten; sein „Weihnachtsabend des
Waldes" bringt es, trotz der Sinnigkeit des Motives
und der virtuosen Darstellung der bereiften und be-
schneiten Bäume, zu keiner Wirkung, weil ein versehlter
Sonnenuntergangs-Efsckt das Bild geradezu besleckt.
August Schässer, längst als meisterhafter Schilderer
des Waldes bekanut, zeigt sich in seiner „Meeresbucht"
auch als feiner Kenner des Wassers; die zwischen scharf
beleuchteten Kreidefelsen eingeschlossene, tiefblaue See ist
leicht und transparent, in der bestcn Manier wieder-
gegeben, und das ganze Bild hat überhaupt viel Kraft
und Stimmung. Wenn wir noch ein charakteristisches
Bild Josef Hosfmann's von der griechischen Küste und
zwei Landschaften von Robert Ruß anführen, die zwar
beide den Stempel der großen Begabung dieses Künst-
lers an sich tragen, aber wegen erheblicher Fehler in
der Anlage nicht zur beabsichtigten Wirkung gelangen,
so haben wir alle Leistungen der einheimischen Land-
schafter erschöpft, welche zu einer Besprechung Anlaß
geben. Denn die in dieser Zeitschrist bereits nach Ver-
dienst gewürdigten „Ansichten aus dem kaiserlichen Thier-
garten bei Wien" von August Schäsfer und Franz
von Pausinger sind ebenso wenig Novitäten als die
prächtigen, in der Komposition und im Kolorit gleich-

mäßig energischen Aquarelle Josef Hoffmann's aus
Helgoland.

Unter den neuen Landschaften auswärtiger Künstler
fiel uns zunächst eine Ansicht aus Rotterdam von Gustav
Schönleber in München angenehm auf. An der klaren
Disposition der Vedute und der scharfen Zeichnung der
Architektur bewährt sich der Nutzen der „Malerradirung",
wie ein Vergleich des besprochenen Bildes mit der im
Auftrage der Wiener „Gesellschaft für vervielsältigende
Kunst" von demselben Künstler früher ausgesührten
Original-Radirung der gleichen Anstcht darthut. Der
„Hintersee mit dem Steinberg" von A. Leu in Düssel-
dorf ist eine sehr fleißig und gewissenhast durchgeführte,
von richtiger Aussassung zeugende Naturaufnahme; das
gleiche Lob gebührt der „Harzlandschaft" von A. L.
Frische in Düsseldorf. Der „Winterabend im Walde"
von L. Douzette in Berlin ist ein tüchtig gemaltes
und hübsch beleuchtetes Wald-Jnterieur, welches der vor
einigen Monaten ausgestellten großen Waldlandschaft
desselben Künstlers in Nichts nachsteht. An der herbst-
lichen „Abendlandschaft" von K. Buchholz in Weimar
ist die glücklich empfundene und im ganzen Bilde fest-
gehaltene Stimmung zu loben; auch an der „Abend-
stimmung" des Weimarers K. Rettich ist der Grundton
gelungen, dagegen die Durchsührung mangelhast. Eine
kleine Landschaft von Karl Kubinzky in München
interessirt wegen der trefslichen Behandlung des land-
schaftlichen Terrains.

Den eben besprochenen neuesten Produkten der
Landschaftsmalerei sagt es weit weniger als dem Be-
schauer zu, daß so zahlreiche ältere Arbeiten hervor-
ragender Meister von feststehendem Ruse in die Aus-
stellung aufgenommen worden sind. Drei Landschaften
in Oel von Andreas Achenbach, darunter ein Küsten-
stück von geradezu heroischem Charakter in der Kompo-
sition und unübertrefflicher Energie und Wahrheit in
der Farbengebung, dann eine „Bewegte See" in Wasser-
sarben gehören zu den Glanznummern der Ausstellung;
auch die lebendige Skizze eines neapolitanischen Straßen-
bildes und die tresflich gestimmte, mit glücklichem Blick
in Bezug auf die Komposition aufgenommene Vedute
nach Vieco an der Sorrenter Straße von Oswald
Achenbach sind unangenehme Rivalen für jüngere
Landschafter. Ein Aquarell von Hildebrandt gehört
nicht zu den bedeutenden Leistungen des Meisters, trägt
aber doch die volle Signatur seines breiten, farben-
reichen Pinsels. Von Rousseau in Paris finden wir
eine geniale landschaftliche Farbenskizze von erstaunlicher
Wirkuug, namentlich in der großartigen Perspektive;
auch auf den „Moosjägern" von Decamps ist der
landschastliche Theil von besonderem Reize. Ein See-
stück von Fritz Sturm in Karlsruhe gehört zu den
besten Arbeiten dieses geschätzten Künstlers, mit der
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