Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

Seite: 141_142
DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1879/0072
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
141

Neus Erwerbungen der Londoner National-Gallery,

142

karte niit Süß und Sauer, nnt kräftiger und pikanter
Kyst. Weicheren, schwärmerischen Gemüthern werden
Beyschlag's übcrschlanke Frauengestalten oder F, A,
Kaulbach's an Stevens crinnernde Personificirungen
der Jahreszeiten besvnders zusagen; wer seine Freude
hat an sprechender Wahrheit des seelischen Ausdrucks,
an scharfer Beobachtung des realeu Lebens, der findet
an Menzel's „Siegelstecher", anVäutier's „Dorf-
politikern", an Passini's „Conversirendeu geistlicheu
Amtsbrüdern", an Hackl's „Kunstbeflissenen Damen"
und Jos, Brandt's „Vedette" vortreffliche, mitten
aus dem Leben Herausgegriffene Charakterfiguren,
Etwas schwach und verbraucht ist der „Bruder Keller-
meister" von Grützner und nicht recht passend zu
der übrigen Gesellschaft will Preller's Zeichnung des
todten Goethe erscheincn, — Jn demselbcn Verlage
hat Hugo Kauffmann in 25 Quart-Blättern einc
„Zwanglose Gesellschaft" nnter dem Titel „Spieß-
bürger nnd Vagabonden" Lcr lachlustigen Welt
vor Augen gestellt, Dieser fröhlichen Spende des
trefflichen Künstlers ist bereits bei einer früheren Ge-
legenheit gedacht, weshalb wir mit einem flüchtigen Com-
pliment daran vorbeigehen können, — Das Gleiche
ist der Fall bezüglich der „Handzeichnungen deut-
scher Meister, eine Sammlung von Bildern aus
Jtalien und der Schweiz", Verlag von I. Engelhorn,
die nunmehr in 14 Lieferungcn oder 28 Blättern ihren
Abschluß gefunden haben, — Aus dem Verlage von
Fr, Bruckmann in Mllnchen liegen uns drei photo-
graphische Sammelwerke vor, bei denen uns namentlich
das zuerst zu nemiende: „Bilder aus dem Kau-
kasus" von Theodor Horschclt bedauern läßt, daß
der Verleger nicht von dem photographischcn Copir-
verfahren zum Lichtdruck Ubergegangen ist, Der Licht-
druck giebt ungleicb treuer den Eindruck von Hand-
zeichnungen wicder, da er auf den bestechlichen Firniß-
glanz, der überdies die Schatten trübt, Verzicht leistet.
Der hohe Werth des früh zu Grabe gegangenen Talents
tritt uns von Neuem in diesen zu vollstündigen Bildern
abgerundeten Schilderungcn aus dem Kriegslcben des
kaukasischen Bergvolkes entgegen, Horschelt besaß die
seltene Gabe des Epikers, der, in voller Breite er-
zählend, doch für jede einzelne Jndividualität, die Theil
nimmt an der geschilderten Episode, das Jnteresse zu
erwecken und zu fesseln weiß, Es ist'nichts Gemachtes,
nichts Gekünsteltcs in der Art, wie seine Gestalten auf-
treten, sich bcwegen und sich gehaben, nichts, was eincn
audereu Zweck nnd eine andere Absicht verriethe, als
innerhalb der Grenzcn, die der Kunst gesteckt sind,
vollkommen wahr zu sein, — Aus dem Bereich des
selbsterlebteu SchicksalS, des erregten, die Nerven in
Spannung haltenden KriegslebenS heraustretend, ath-
men wir freier aus bei den freundlichen Bildern, die

Conrad Beckmann vor uns ausbreitet iu seiner
„Reuter-Galerie". Bon Allen, die sich bisher an
die Aufgabe gemacht, die Figuren der Reuter'schen
Dichtung in die sichtbare Erscheinung treten zu lassen,
verdient Bcckmann unstreitig den Preis, Es ist etwas
von dem Geiste des Dichters in der Naturanlage des
trefflichen Künstlers, eine volksthümliche Ader, die
heitere Laune und tiefen Ernst zu paaren weiß, ohue
durch Mißtöue das Gefühl zu verletzen, Beckmann
versteht es fein zu charakterisiren und den Beschauer
sür seine Leute zu interessiren, Weder in den niederen,
noch in den höheren Regionen der Gesellschaft läßt
ihn die Phantasie im Stiche, Sein „Durchläuchting"
ist ebenso überzeugend wie Möller Voß und der
Schassür, sein Onkel Bräsig nicht minder verstündlich
nnd synipathisch als der trcffliche Pfarrer bei Hannc
Nüte's Abschied. Der ganze Cyklus soll ZO Blätter
umfassen, von denen bis jetzt 15 ausgegeben sind, —
Das dritte Album, welches der Bruckmann'sche Ver-
lag gespendet, trägt den Namen Gisbert Flüggen's,
Es vereinigt zwölf Blütter bekannter Kompositionen
des Künstlers, dessen Phantasie sich gern mit novel-
listisch zugespitzten Situationen befaßt, die sich nicht
selten wie spannende Momente aus einem Rührstück
ausnehmen, Zum Glück mischt sich auch etwas un-
gesuchter Humor unter diese allzu absichtsvollen Theater-
scenen; namentlich sind die „ Sänger auf der Orgel"
in ihrem Eifer für die musikalische Erbanung der Dorf-
gemeinde von köstlicher Lebendigkeit des Ausdrucks,

8.

Neue Lrwerbungen der Londoncr National-
Gallery.

Jm Jahre 1876 hatte die National-Gallery durch
das Vermächtniß von Mr, Wynn Ellis eine sehr be-
deutende Bereicherung erfahren, wodurch die hollän-
dische Schule viel umfassender repräsentirt wurde.
Während die Sammlung im darauffolgenden Jahre
keinerlei Erwerbungen machte, sind dagegen im Sommer
des laufenden Jahres mehrere kunstgeschichtlich sehr
interessante Werke in dieselbe aufgenommen worden.
Sie stammen vorwiegend aus der Sammlung Vvn
Mr, Fuller Maitland, unter dessen Nameu sie bei
Waagen in den Irsasurss ok ^rt (III, S. 1—5) und
theilweise bei Crowe und Cavalcaselle beschrieben sind.
So das kleine anziehende Bildchen: Christus mit drei
Jüngern in Gethsemane, vom früheren Besitzer unter
Raffael's Namen gestellt, eine Bestimmung, welche
Passavant anerkennt, wie denn auch dasselbe von Hrn.
Prof. Gruner mit dieser Benennung gestochen worden
ist, während Waagen (ebenda) dieBeihilfe Lo Spagna's
behauptet, Nach Crowe und Cavalcaselle (Gesch. der
loading ...