Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Konkurrsnzen. — Vermischte Nachrichten.

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gänzlich verloren, und daß er bei den unaushörlichen
Besuchen noch Zeit fand, soviel zu arbeiten.

Belohnt wurde sein rastloser Fleiß durch ehren-
volle Anerkennnng und ausgebreitetste Bekanntschaften,
welche zur Verschönerung seines Lebens beitrugen.
Der König von Preußen verlieh ihm den rothen Adler-
orden, der persvnliche Adel wurde ihm durch den Kro-
nenorden des Kvnigs von Württemberg zu Theil. —
Die Zahl seiner dcntschcn Freunde in Venedig ver-
ringerte sich natürlich seit den Ereignissen des Jahres 1866,
in deren Folge Venedig zu Jtalien kam. Er verstand
es, die Uebriggebliebenen zn cinem deutschen Bereine zu-
sammenzuschmieden, dessen Vorstand er bis an sein
Ende blieb. Auch hier stiftete er nvchmals einen Orden,
den „Cappa-Santa-Orden", wie er denn unerschöpflich
an guten Einfällen, Heiterkeit und guter Laune lvar.

Trvtz seines langen Aufenthaltes iu der Fremde
bewahrte sich Nerly eiu echt deutsches Herz und warme
Batcrlandsliebe. Die Ercignisse Vvn 1870 rissen ihn
zu jugendlicher Begeistcrung hin. llnermüdlich thätig
bis an sein Lebensende, schuf er nvch manch schönes
Werk, besonders nach einem letzteu Besuche in Nvm
zwei prächtige Ansichten: „Vvr dem Batican" nnd
eine Ansicht des Monte Cavallo im Mondschein, beide
im Besitze des Grafen Gourieff.

Zuletzt beschäftigte er sich mit Herausgabe eines
photographischen Albums seiner venezianischen Bilder
(Album Venezinno von Fr. v. Nerlp mit begleitendem
Text von Vr. Th. Elze*). Leider war es ihm nicht
mehr vergönnt, dieses schöne Werk abzuschließen und
dessen Erfvlg zu erleben. Nur wenige Exemplare des-
selben kamen in den Buchhandel.

Jm Sommer dieses Jahres erkrankte Nerly an
der Gelbsucht uud starb am 2l. Oktober 1878 in
Benedig. Er hinterläßt nach 38jähriger Ehe seine
Wittwe (einst durch ungemeine Schönheit berühmt)
und einen Sohn, Fr. Nerly, welcher sich als See-
und Landschaftsmaler in Rvm Erfolg errang. Fürst-
liche und Privatsammlungen in Deutschland, Rnßland,
Amerika und namentlich in England bewahrcn die Ge-
mälde des Verstorbenen. Doch ist in seinem Nachlasse
noch manches Schöne. So ganz besonders eine pracht-
volle Landschaft klassischen Stils: „Das Vorgebirge
der Circe (Monte Circello) mit dem fröhlichen Zuge
von der Weinlese heimkehrender Winzer und Winze-
rinnen". Ganz besonderen Werth jedoch beansprucht
nach kiinstlerischer nnd historischer Richtung hin sein
Aquarell-Album von Venedig.

Die Fremden suchen stets in Benedig vergeblich,
was die Jahrhunderte spurlos verlvischt haben: die
alte Pracht und Herrlichkeit. Sie finden statt deffen Elend,
Jammer und Schmutz und haben selten ein vffenes
Auge für das, was in Hülle und Fülle noch Hcrr-
liches Vvrhanden. Das, was sie nicht zu sehen im
Stande sind, finden sie in den Gemälden Nerly's,
der es verstand,' vhne »nwahr zu werden, den Zauber
vergangener Jahrhunderte über seine Gebilde zu ver-
breiten. Es konnte uicht fehten, daß Kritiker, die den
Tendenzcn des strengsten Realismns huldigen, Nerly's
Auffaffung für einen überwundenen Standpunkt er-

") Die hier mitgetheilten biographischen Notizen ver-
danke ich der Güts dieses langjährigen Freundes des Vsr-
storbenen.

klärten. Doch wird Nerly und das, was er geleistet,
bei leidenschaftsloser Beurtheilung innerhalb seiner
Zeit betrachtet, immer mit Ehren genannt werden und
sein Tod seinen vielen Freunden und Gönnern in der
Ferne eine schmerzliche Kunde gewesen sein.

Venedig, im November 1878. August Wolf.

H. Carl Bcisbarth, Architekt, starb iu Stuttgart nach
kurzem, aber schwerem Leiden dsn 25. November >878. Er
wnr 1809 in Stuttgart geborsn, bildets sich von 1829 bis
>83! unter Jsabelle in Paris und dann bis >833 unter
Gärtner in München aus, worauf er eine mehrjährige Reise
durch Jtalien, Sicilien und Calabrien machte, von welcher
er die werthvollsten Studien heimbrachte. Jn den Jahren
>840 bis 4! war er bei der Errichtung des Museums der
bildenden Künste in Stuttgart beschäftigt. Ebenso später
bei dem Umbau des alten Lusthauses in das jetzige Hof-
theater, und hisr war es namentlich sein unschätzbares Ver-
Lienst, daß er jene Perle der Renaissance, deren Zerstörung
heute noch unbegreiflich erscheint, aus eigsnem Antriebe,
mit Mühen uno Hindernissen ringend, ganz genau ausmaß
und in nllen Theilen zeichnete, so daß wenigstens noch diess
getreucn Nachbildungen erhalten geblieben sind. Diese
prächtigen Zeichnungen, mehrere hundert Blätter, sind von
dem Königl. Polytechnikum angekauft ivorden, wo sie eine
reiche Quelle des Studiums bilden. Beisbarth wnr ferner
bei der Erbauung des Königbaues seinem Freunds Leins ein
eifriger Helfer und führte auch mehrere schöne Privatbauten
selbständig nus, wie z. B. die Häuser des Verlagshändlers
Ebner, des Rentners Bohnenbsrger u. s. w., dis zu den ge-
schmackvollsten der Württembergischen Hauptstadt gehören.
Dieselbe verdankt ihm auch die prächtige architektonische Um-
rahmung der nach Neher's Entwürfen'gemnltsn Chorfenster,
sowie die Thürsn am Süd- und Westportale der Stifts-
kirche, ferner den Altar und die schöne Kanzel in der Leon-
hardkirche u. A. Beisbarth hat sich überhaupt sehr ver-
dient gemacht um die stilvolle Ergänzung und Erhaltung
alter Bauwerke in ganz Württemberg und ließ in dieser
Beziehung dem „Verein für christliche Kunst" oft seinen
einfluhreichen Rath zu Guts kommen. Mit rastlosem Fleiß
war er fortwährend schüpferisch und nachbildend thätig und
die Zahl der von ihm hinterlassenen Handzeichnungen, die
von seinstem Geschmack und sorgsamer Pünktlichkeit zeugen,
ist außerordentlich groß.

»r. Wilhelm Engelmann, Besitzsr der Verlagshandlung
gleichen Namens, als Kunstschriftsteller bekannt durch seine
Monographis über Daniel Chodowiecki und durch seine Mit-
arbsiterschaft an demvonihmverlegtenKünstlerlexikonsheraus-
gegeben von Jul. Meyer), zugleich einer der seinsinnigsten
Kupferstichsammler und Kunstkenner, ist am 23. December in
Leipzig einem längeren Leiden erlegen.

Aonkurrenzen.

Bicl-Kalkhorst'sche Stiftung. Die diesjährige Preis-
aufgabe der bekanntlich zur Förderung der Frescomalerei
bestrmmtsn Stiftung galt der Ausschmückung des Fesrsaals
in dem Architektenversins-Hause in Berlin. Jn elf Feldern
sollte die Entwickelung der Architsktur dargestellt werden
Zur Betheiligung an der Konkurrenz waren fünfzehn jüngere
Maler aufgefordert, von denen jedoch nnr sieben der Äuf-
forderung entsprachen. Der akademische Senat erkannte dein
Entwurfe von Hermann Prell aus Leipzig den Preis zu
und empfahl densslben einstimmig zur Ausführung.

Vermischte Nachrichten.

A. 8. Die Renovation des Ulmer Miinster schreitet
rüstig vorwärts. Schon ist der nördliche Seitenthurm bei-
nahe bis auf die Dachhöhe des Mittslschiffes gewachsen, man
darf somit dessen Vollendung im nächsten Jahre erwarten.
Die Kreuzblums des südlicheii Chorthurmes ist bereits am
13. Okt. 1877 aufgesetzt worden. Die bis jetzt noch un-
vollendeten Baldachinkrönungen, welche die Vermittelung
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