Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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s^.Zahrgang.

Beiträge

sind an ssrof. Dr. L. von
Lützow (wien, There-

s. Mai

Nr. 2y.

Inserate

?l 25 j)f. für die drei
Mal gesxaltene j?etit-
zeile werden von jeder
Buch- u.Aunsthandlung
angenommen.

s879.

Beiblatt zur Zeitschrift für bilbende Kunft.

Lrscheint oon September bis Iuli jede woche am Donnerstag, von Iuli bis September alle Tage, für die Abonnenten der „Zeitschrift für
bildende Runst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 Mark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen s)ostanstalten.

^nhalt: Neue Ausgrabungen und Museen in Griechenland. — Das Bismarck-Denkmal in Köln. — Technische hoch,chule in Berlin. — Lokal-
- ' kunstausftellung in München. — Die vorarbeiten für die große internationale Aunstausftellung in München; Direktor Tarl v. piloty;

Berliner Runstindustrie; Arbeiten am Berliner Goethe-Denkmal; Der pariser Gemeinderath; Lin neues Museum in Llorenz. — Rupfer-
stich-Ratalog von Fred. Muller in Amsterdam; Auktion Hausmann. — Neuigkeiten des Buch- und Runsthandels. — Zeitschriften. -

Ncue Ausgrabungen und Museen in
- Griechenland.

Athen. 5. März 1879.

Nach den inannigfachen Entdecknngcn nnd Fnnden
der letzten Jahre scheint die Frage gerechtfcrtigt, ob
wir in der Erkenntniß des heklenischen Knnstlebens nicht
immcr noch Anfänger sind. Wie diel neue Aufschlüsse
sind nns nicht erst ganz kürzlich noch gegcben Worden,
wie diele alte Ansichten mußten wir revidiren nnd
korrigiren! Die Entdeckungen Wood's in Ephesns
setzten uns nicht nur in den Stand, unS eine An-
schauung von dem großartigsten ivnischen Tempelbau
der entwickeltsten Zeit zu bilden, sondern gaben auch
in den köstlichen Fragmenten der „ooiuinnus ou6ig.tg.s"
cinen Beleg für die Plastik der Skopasischen Schule.
Vielleicht blüht der Archäologie ein ähnliches Glück,
wenn erst einmal die Ränme des andern großen
Tempels desselben Meisters in Tegea nntersucht werden.
Gleichzeitig wird uns für den Kunstcharakter seines
großen Zeitgenossen, des Praxiteles, in dcm Hermes
zum ersten Male eine feste, unverrückbare Grundlage
geboten, von der aus nun erst die verschiedenen jugend-
lichen, auf einem Beine ruhenden, mit dem Ober-
körper sich auflehnenden antiken Männergestalten ver-
ständlicher werden, indem wir im Stande sind, aus
der Kopie heraus oder dnrch die verallgemeinernde
Nachbildung hindnrch das göttliche Urbild des nn-
muthigsten Meisters zu ahnen. Die Entdeckungen in
Ephesus, Olympia und Mpkenä nebst Spata sind
ebenso viel neue Kapitel der griechischen Kunstgeschichte.
Von ähnlicher Wichtigkeit sind die in den letzten Jahren

südlich von der Akropolis, gelegentlich der Bloßlegung
des Asklepieions, gefundenen Skulpturfragmente ver-
schiedener Art, zumeist Weihgeschenke an den dort ver-
ehrten Heilgott.

Neben den Arbeiten der großen attischen Meister
erkennen wir immer deutlichcr die Thätigkeit namen-
loser Künstler aus der Zeit von Myron an bis über
Praxiteles hinaus, dic, getragen von der gewaltigen
Strömung jener unvergleichlichen Zeit, aus ihren
Werkstätten Prodnkte hervorgehen ließen, dencn wir
vielleicht den ersten Platz in der gesammten Skulptur
einräumen würden, wenn die Erinnerung an jene
Allergrößten sich nicht erhalten hätte. Wenn etwas
einen Begriff von der Unverwüstlichkeit und inneren
Lebenskraft des attischen Kunstlebens geben kann, so
ist es die Thatsache, daß viele Werke, die offenbar
von geringeren Meistern, in kleineren Werkstätten, zu
untergeordneteren Zwecken gearbeitet waren, uns heute
noch in ihren Trümmern und ohne die bezaubernde
Kraft des nrsprünglichen Kolorits einfach durch die
unbeschreibliche Einfalt in der Auffassnng des Gegen-
standes und die stupende Technik fast niederschmettern.
Jch mnß bekennen, daß ich bei vielcn dieser Wcrke
eine Art Scham cmpfunden habe, daß eine solche Jn-
genuität überhaupt möglich ist. Natürlich denke ich
hier in erster Linie an die attischen Grabreliefs, deren
schönste noch in sitn an der „Hagia Triada" zu
schauen sind, und einen Genuß, eine Erkenntniß der
antiken Kunst bieten, womit verglichen alle unsere
Mnseen arm erscheinen. Neben der Schönheit dcr
einzelnen Werke ist es die Masse der Funde nnd die
Mannigfaltigkeit der Motive sselbstverständlich fehlt
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