Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 14.1879

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Die Kunstschulbaufrage in Stuttgart.

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Zustände immer unerträglicher geworden, so daß man
zuletzt den jungen Bildhauern auf dem Hofe stall-
artige Pferche anbaute, in welchen sie weder Licht noch
Raum zun: Arbeiten haben und nicht einmal ein Mo-
dell stellen kvnnem Ebenso ungenügend sind die Säle,
in welchen nach der Antike gezeichnet wird, denn kein
Mensch findet dort das richtige Licht und den nöthigen
Raum, um die Gypsabgüsse ordentlich zu sehen und
nachzubilden.

Nach vielen Jcchren vergeblrchen Klagens nnd
Plänemachens drang endlich, wie gesagt, vor drei
Jcchren die Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit dieser
Zustände so unwiderstehlich in alle Kreise, daß die
Stände einen von der Regierung vorgelsgten Bauplan
annahmen und zu dessen Ausführung die oben ge-
nannte ansehnliche Summe mit glänzender Majorität
bewilligten. Aber als man an die Ausführung des
Planes ging, zeigten sich Bedenken, die zuletzt zur
Sistirung der Arbeiten zwangen. Es war inzwischen
der Regierung gelungen, einige tüchtige neuere Lehr-
kräste, Donndorf, Ludwig und Grüncnwald, zu ge-
winnen, die nun bei der Feststellung und Ausarbeitung
eines neuen Bauplanes ihre reiche künstlerische Er-
fahrung mit in die Wagschale warfen. Sv entstand
ein neuer Plan, ungleich reifer und zweckmäßiger als
der erste, denn er beruhte auf dem Prinzip, den alten
Bau ausschließlich den Samnilungen einzuräumen nnd
durch einen Anbau zu erweitern, in der Nähe aber,
auf einem hochgelegenen, trefflich beleuchteten, dem
Staate gehörenden Grundstück eine neue Kunstschule
zu errichten. Da indeß dieser Platz von einer aller-
dings wenig freguenten Straße durchschnitten wird,
und die Stadt eine Ueberbauung derselben mittelst
einer Bogendurchfahrt zurückwies, so mußte man das
Gebäude in zwei getrennten Abtheilungen entwerfen,
wodurch indeß der große Vortheil gewonnen wurde,
die Bildhauerwerkstütten von dem Hauptgcbäude zu
trennen.

Mit diesem neuen Bauplan, der entschieden den
früheren an Brauchbarkeit übertraf und von sämmt-
lichen Professoren der Anstalt nach reiflicher Prüfung
gutgeheißen wurde, trat die Regierung kürzlich aber-
mals vor die zwsits Kammer. Man hätte nun denken
sollen, die Volksvertrster, die ja unmöglich allesammt
in die Einzelheiten eines solchen Planes vollständig
eindringen können, würden den Entwurf, im Hinblick
auf die Einstimmigkeit der Regierung und des Lehrer-
kollegiums, billigen und der Ausführung desselben keine
weiteren Schwierigkeiten in den Weg legen. Allein
der technische Berichterstatter der Kammer fand große
Bedenken in der Zweitheiligkeit des Baues und der
Beschränkung des Bauplatzes und stellte daher den
Antrag, die Regierung um Wahl eines anderen Bau-

Platzes und um Vorlage nener Pläne anzugehen. Ob-
wohl der Correferent und mit ihm die Mehrheit der
Kommission den Gegenantrag stellte, die Regierungs-
vorlage anzunehmen, wußten doch sämmtliche Techniker
der Kammer, vier im Ganzen, den Plan der Regiernng
sv zu diskreditiren, daß eine Majorität von 40 gegen
36 Stimmen denselben verwarf. Man sollte nun
meinen, es werde sich dann wenigstens eine Majorität
für den Gegenantrag auf Ermittelung eines anderen
Bauplatzes und Borlegung neuer Pläne gefunden habeu.
Mit nichten! Auch dieser Antrag wurde verworfen.
Mit einem Worte, die Kammer der Abgeordneten hat
erklärt: wir haben zwar vor drei Jahren eine Summe
bewilligt und den damals vorgelegten viel ungünstigeren
Bauplan genehmigt; aber heute verweigern wir nicht
bloß einem entschieden besseren Bauplane die Ge-
nehmigung, sondern wir wollen auch von einem neuen
Bauplatz und Plan nichts wissen. Also tubulu rasa!
Die 850,000 Mark sind zwar bewilligt, aber sie
dürfen weder für den jetzigen, noch für irgend einen
anderen Bauplan verwendet werden. Um aber vollends
die Personenfrage und die Lage der Dinge zu kenn-
zeichnen, bemerke ich, daß derselbe Berichterstatter,
welcher den früheren Weit ungünstigeren Bauplan eni-
psohlen hatte — Baumgärtner heißt er uud Professor
an der Baugewerkschule ist er — vor Kurzem in der
Presse damit drohte, daß vielleicht die Kammer den
Bau eines zweiten Gymnasiums für dringender er-
klären werde; ja ein anderer' Landsmann Schiller's
und württembergischer Volksvertreter rieth sogar in
der Kammer dem Ministerium, die Kunstschule nach
München zu verlegen, d. h. also sie aufzuheben!

Und nach diesem ungeheuerlichen Votum, welches
in jedem anderen Lande und in jeder anderen Stadt
die Presse zu Erörterungen des Erstaunens, des Be-
danerns, vielleicht auch der Entrüstung veranlassen
würde, was thut nnd sagt die Lokalpresse des schwä-
bischen Landes und der württembergischen Hauptstadt?
Nichts! Sie schweigt; sie kümmert sich nicht um diese
Dinge; man mag über die Kunstanstalt des Landes
das Todesurtheil aussprechen, — was geht das sie
an? Wer im ganzen Lande kümmert sich darum?
Niemand! Einfach Niemand!

Jch habe kurz Vvr dieser beklagenswerthen Kata-
strophe es für meine Pflicht gehalten, in einem Lokal-
blatt die ganze Angelegenheit noch einmal zu erörtern,
und habe dabei an jenen Ausspruch erinnert, den vor
einem Menschenalter ein edler schwäbischer Künstler,
Eberhard Wächter, gethan hat: „Hier ist der Kunst-
mord zu Hause." Jch habe gehofft, man werde
diesen patriotischen Schmerzensschrei eines Landsmannes
beherzigen und endlich vvn dem Lande den Fluch dieses
furchtbaren Wortes nehmen. Vergeblich; es haben sich
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