Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Neue Mittheilungen aus Olympia.

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Weibern geben ein dramatisches, überaus pathetisches
und soweit sich dies bis jetzt erkennen läßt, zum Theil
sehr glücklich komponirtes Gruppenbild. Die Schwierig-
keiten der Aufgabe haben den Künstler offenbar nicht
abgeschreckt, vielmehr scheint ihn das Jnteressante des
Gegenstandes gereizt zu haben, die Schwierigkeiten zu
überwinden. Alkamenes hatte hier keinen Vorgänger
und wenn ihn Pausanias bezeichnet, als den «rchy
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cic-c/u'ttc: elg Trocchntu tt^«/,«ttrmu, so glanbe
ich hinzufügen zu dürfen: rtxcllr öx xxxcnon et§
7rc-t^c7tn crr-^rr^x/ztttrcon. Denn Gruppenbildung
in diesem Sinne war der künstlerischen Auffassung des
gewaltigen attischen Alt-Meisters fremd; sein Können
richtete sich vor Allem auf die Schöpfnng groß-
artiger Thpen; der Parthenonfries ist die anmuthigste
Erzählung, Schildcrnng, keine Gruppenbildung im
höheren Sinne des Wortes; die Giebelgruppen des
Parthcnon zeigen eine Reihe köstlicher, aber doch auch
isolirter Gestalten, die ihre Aufnierksamkeit auf den
Vorgang in der Mitte lenken. Alkamenes bringt hier
ein neues Element in die hellenische Kunst, die zweck-
gemäße Gruppirung, den wirklich plastischen (nicht
architektonischen) Aufbau der Bildwerke; es ist ihm
noch nicht ganz gelungen; so wenig wie Paionios im
Ostgiebel scheint er die Schwierigkeiten, die spitzen
Ecken ungezwungen auszufüllen, ganz überwunden
zu haben; aber er hat doch bereits den ersten Schritt
auf dem Wege über Phidias hinaus gethan, auf dem
zwei Menschenalter nach ihm Skopas und Praxiteles
die hellenische Plastik zu ihrer Sonnenhöhe führten.

Somit erkennen wir in der Rekonstruktion der
Giebelgruppen das werthvollste unter den Resultaten >
für die Geschichte der hellenischen Plastik, die uns die
Olympia-Forschungen liefern, und es mag denen, die
ein besonderes Jnteresse gerade für dieses Stück antiker
Kunstgeschichte gefaßt haben, der Aussatz von Treu in
dem Olympia-Werk, auf deffen Wiedergabe wir ungern
verzichten, warm empfohlen sein.

Von den in meinem frllheren Bericht erwähnten
römischen Jmperatorentvrsen ans den beiden ersten
Jahrhunderten sind einige (leider nicht mehr!) auf den
Lichtdrucktafeln vortrefflich wiedergegeben; sie bestätigen
mein damals gegebenes Urtheil hinsichtlich der Vor- >
züglichkeit der Arbeit, die zugleich den Beweis liefert,
mit welcher Achtung man in jenen späteren Jahr-
hunderten immer noch von Rom aus nach der ehr-
würdigen hellenischen Kultusstätte blickte.

Auch den Hermes des Praxiteles haben wir in
diesem Bande in fünf trefflichen Photographien auf
vier Blättern der Gebrüder Romaidis vor uns; sie ^
geben eine bessere Anschauung des herrlichen Werkes
als der Gyps es zu thun im Stande ist. Die Frage

über dieses Wunderwerk wird sobald nicht geschlossen
werden; es ist also gerathen, sich sein letztes Wort noch
zu reserviren; einstweilen bekenne ich mich zu den von
Benndorf früher an dieser Stelle niedergelegten An-
sichten nnd — Zweifeln!

Das letzte endlich, was den Pionieren am
Alpheios gelungen ist und worauf das Olympia-Werk
noch keinen Bezug nimmt (auch in meinem letzten
Bericht konnte ich noch nichts davon erwähnen), ist
die Rekonstruktion einiger Metopen des Olympieion.
Die Atlas - Metope, bekanntlich einer der frühesten
Funde, konnte schon nach weiteren Entdeckungen lüstern
machen; indessen ist es erst ganz zuletzt gelungen, die
Zusammensetzung einiger anderen Metopen aus den
vorhandenen Trümmern zu sichern. Auch hicr hat
Treu's Scharfsinn und sleißiges Kombinationstalent
die schönsten Resnltate erzielt, die zugleich eine weitere
Vermehrung dieser Architekturtheile wünschenswerth
und wahrscheinlich machen. Es handelt sich bei allen
diesen Bildern nm die Arbeiten des Herakles: er reinigt
den Stall des Augias, zeigt der (bereits längst im
Louvre besindlichen) auf dem Felsen sitzenden Pallas
einen der stymphalischen Vögel u. s. w. Der uns
unbekannte Künstler der Metopen bekundet immer
einen feinen Sinn für die dramatische Komposition
und Nachdenken in der Lösung der schwierigen Ausgabe,
den guadratischen Raum weise zu benutzen, ihn möglichst
auszufüllen.

So steigt also vor unseren Blicken immer deut-
licher das Bild des gewaltigen dorischen Zeustempels
auf, wie er mit seinen fein verputzten, vielleicht sar-
bigen Säulen aus Poros in Giebelfeldern und Me-
topen die streng und einfach gesormten, aber groß-
artig empfundenen Gcbilde trug, die in glänzendem
Marmor den frommen Hellenen die Thaten seiner
Heiligen poetisch und anschaulich näher brachtcn.

Die Architektur, zu der uns diese Bemerknng
hinüberleitet, hat in der letzten Campagne gleich gün-
stige Resultate aufzuweisen nnd ist in dem Olympia-
Werk durch einen sehr interessanten Aufsatz Adler's uns
näher gerückt worden. Zunächst hat Hcrr Dörpseld,
der verdiente technische Leiter in der letzten Campagne,
durch eine ernente, sehr genau angestellte Vermessung
des Zeustempels das wichtige Nesultat, zweisellos wie
mir scheint, festgestellt, daß bei den Olympiabauten
ein Lesonderer sonst nicht bekannter Maßstab, der
olympische Fuß 0,3206 — 0,3210 m., der
wiederum in 16 Daktylen getheilt wurde, in Anwen-
dung gewesen ist. Dies Maß gilt wahrscheinlich auch
schon sür das Heraion, dieses onlnnt torriblö untcr
den griechischen Tempeln, über dessen schon von mir in
mcinem letzten Bericht angedenteten Absonderheiten der
Adler'sche Anfsatz genauere Dctails bringt. „Die Säulcn
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