Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Wiedereröffnung der Kirche S. Salvatore in Venedig.

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Hieran reihen sich einige Handzeicknungen aus
den k. Kupferstichkabinetten von Dresden und München,
wie Stndien und Entwürfe aus der v. Biegeleben'schen
Sammlung, fowie aus den Sammlungen der Frau
Grahl nnd des Herrn B. Jolles in Dresden, der
Gräfin Potocka in Krakau u. s. w. Außer diesen
„Originalen des Meisters und Kvpien" verzeichnet der
Katalog 1370 „Reprodnktivnen". Dieselben bieten
sich systematisch geordnet der Beschauung dar. Der
Anordnung liegt der von Or. Ruland bearbeitete, treff-
liche Katalog der Raffael-Sammlung in Windsor zu
Grunde. Die Anordnung Nuland's, nach den Gegen-
ständen oder Darstellungsgebieten, verdiente aus ver-
schiedenen Gründen vor der chronologischen Folge
Passavant's den Vorzug; vor Allem gewährte ersteres
System eine bessere Uebersichtlichkeit. Unter den Ne-
produktionen besinden sich znnächst zahlreiche gemalte
und gezeichnete Kopien, wie Oelgemälde von Grosse,
Hoffmann, Jhlse u. A., ferner Aguarelle von Knchler,
Weinhold, Kaiser, dem für die ^runäsl-Looist^
thätigen Künstler: auch einige interessante Arbeiten
älterer Maler Lefindeu sich unter diesen Kopien, so
zwei Bände, deren Blätter die sogenannten Tag-
und Nachtstunden und die sieben Planeten in Gouache-
farben wiedergeben. Neben Liesen farbigen Repro-
duktionen enthält die Ausstellung gute Kreide- und
Bleistiftzeichnungen nach Raffael, so von Schnrig,
dessen Arbeitcn durch die photographischen Publika-
tionen der Firma Brockmann rühmlich bekannt ge-
worden sind, von Anton Krüger, R. Stang, Ufer
und Koch. Besonderen Vorschnb leistet dem Zwecke
der Ausstellung die edle Kunst des Grabstichels, deren
beste Kräfte sich von jeher an den Raffael'schen
Werken erprobt haben. Bon Jnteresie sind namentlich
auch die sich darbietenden Vergleiche der Blätter, in
welchen verschiedene Stecher einen und denselben Gegen-
stand wiedergeben. Eine Zusammenstellnng der drei
besten Stiche der Sixtinischen Madonna: der Stiche
von F. Mnller, Nl. Steinla und I. Keller, läßt die
Müller'sche Arbeit immer noch als unerreicht erscheinen.
Letzteres Blatt ist in einem prächtigen Abdruck vor der
Schrift ausgestellt. Unter den übrigen Reproduktionen
sind es besvnders noch Photographien, aus welchen man
das Weck Raffael's kcnnen lernt. Die photographische
Technik, als kunstgeschichtliches Hilfsmittel Vvn un-
schätzbarem Werthe, hat namentlich die Vorführung
der Handzeichnnngen, Skizzcn und Stndicn sich an-
gelegcu sein lasien. Der nachhaltigcren Belehrnng und
dem Genuß des Dargebotenen kommt ein zweckent-
sprechender, von dem Veranstalter der Ausstellnng,
Herrn Ad. Gutbier, verfaßter Katalog zu Hilfe, welcher
der obengenannten Nuland'schen Arbeit und, bezüglich
der architektonischen Thätigkcit Raffael's, den Angaben

v. Geymüller's folgt. Uebrigens liegen auch die Skulp-
turen, welche dem Meister zugeschrieben werden oder
doch nach seinen Zeichnungen ausgeführt worden sind
in Photographien aus und vervollständigen so das
Vild, welches die Ausstellung Vvn dem universalen
Genius Raffael's sich zu geben bemüht. Erfreulich
ist es, konstatiren zu kvnnen, daß das Publikum durch
regen Besuch eine warme Theilnahme an dem Unter-
nehmen bekundet. Der stnanzielle Reinertrag desselben
ist für die Kasse des sächsischen Künstler-Unterstützungs-
vereins bcstimmt.

C. Claufi.

Wiedereröffnung der Airche 5. chalvatore
in Venedig.

Soeben von Florenz zurückgekehrt, finde ich zn
meiner grvßten Frcnde S. Salvatore, wie den Knnst-
srcunden bekannt, eine der schvnstcn Kirchen Vencdigs,
wiederervffnet, nachdem sie wegen durchgreifender wohl-
gelungener Restauration 10 Jahre nnd 8 Monate
geschlosien war. Am Tage der TranSfiguration, dem
6. August, fand die feierliche Ervffnung statt. Man
beabsichtigt jetzt, den Kirchthurm zu erhöhen nnd
die Kosten durch freiwillige Beiträge der Gemeinde-
glieder, durch welche allein die Wiedercrvffnung der
schönen Kirche möglich wurde, zu decken.

Mit Nührnng sah ich auf dcm Hochaltare dcr
Kirche Tizian's Transsiguration, soivie auf eincm
der Seitenaltäre jene berühmte Vcrtnndignng mit der
klassischen Unterschrist: tvoit kseit, beides Arbeiten aus
den lctzten Lebensjahren Tizian's nnd dvch voller Kraft
und Schönheit. Wie nmjubeln die Engclkinder die
zur Jungfrau herabschNwbcnde Tanbe; welch' jugendlich
holde Schvnheit zeigt der die Botschaft bringende Engel!
Desgleichen der verklärte Ehristus. Das Tizianische
ist so außerordcntlich schars ausgesprochcn, daß schon
aus weitester Ferne das Wcrk Vvn Jedem, der Tizian
kennt, sofort als seine Arbeit erkannt werdcn mnß.
Die Orgelflügel sind eine der sehr seltenen Arbeiten
vvn Tizian's Bruder Franccsco Vecclliv. Sie sind
anf beiden Seitcn bemalt nnd stcllcn Transfiguration
und Auferstehung einerseits, andererseits die Heiligen
Augustinus und Theodvrus dar.

Wer in der Akademie den herrlichcn, dem G.
Bellini zugeschriebencn Christus in Emmaus zu bc-
wundcrn gewohnt war, muß sich nnn schvu be-
qnemcn, ihn in der Kapelle links am Hochaltar
aufznsnchen, >vo das merkwürdigc Bild ans scinen
frühercn Platz zurückgekehrt ist nnd in sciner ruhigcn
Hoheit nnd Schvnheit unbeschrcibliche Wirkung aus-
übt. Es sollen Doknmente Bellini's Urheberschaft
anßer Zwcifcl lassen. Trotzdem wird das Bild von
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