Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Vermischte Nachrichten.

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stichels verzichtet und — das ist eine der merkwürdigsten
Eigenschaften des einzigen Blattes — mit ungemein zartem
Verstäudniß für Modellirung und Kolorit cinen rosigen Hauch
auf das feine Antlitz geworfen, der demselben ein indivi-
duelles Leben verleiht. Die Art dieser koloristischen Be-
handlung schließt jeden Gedanken an eine spätere Retouche
oder gar an eine Fälschung aus. Die Tracht der darge-
stellten Frau, in der wir jedenfalls ein Porträt zu suchen
haben, weist auf die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts,
und mit dieser Zeit stimmt auch die strenge, fast herbe
Formenbehandlung. die eine auffallende Verwandtschaft mit
der Stilrichtung Desiderio's da Settignano und anderer
Donatello-Schüler jener Epoche zeigt. Florenz ist ohne Zweifel
auch der Entstehungsort des merkwürdigen Blattes, welches
wir als eine Jncunabel des Kupferstiches bezeichnen müssen
nnd das uns über die Anfänge der Grabstichelkunst ganz
anderen Aufschluß gewährt, als die ältesten Niellen. —
Das zweite Blatt ist gewiß um ein Menschenalter jünger.
Es stellt den Profilkopf eines langhaarigen und langbärtigen
Mannes mit einem phantastischen, reich ornamentirten Helme
dar, den die Unterschrift als LI- 'IVREV bezeichnet.

Ein Porträt des Großsultans ist es jedoch nicht, da dagegen
Haar- und Barttracht spricht. Die technische Behandlung,
die sich in ei'ner kräftigen Modellirung der Formen durch
breite Schattenmassen bekundet, weist auf einen professionellen
Stecher hin, dsr sich bereits der Ausdrucksmittel seiner Kunst
völlig bewußt war. Aber er war kein selbständig erfindender
Künstler, sondern arbeitets offenbar nach einer'Vorlage, die
ihm ein Venetianer aus der Umgebung des Gentile Bellini
oder vielleicht gar dieser selbst geliefert hatte. Jn die Jahre
1479 und 1480 fällt ja die bekannte Reise des Malers nach
Konstantiiiopel. Aus dieser Stadt sollen auch angeblich die
beiden Blätter herrühren, welche Direktor Lippmann in
Paris um einen Preis erworben hat, der in Anbetracht
dessen, daß beide Stiche Unica sind, als ein verhältnißmäßig
niedriger zu bezeichnen ist. — Zu gleicher Zeit hat Lipp-
mann eine Reihe im Laufe dieses Jahres erworbener Kupfer-
stiche und Handzeichnungen ausgestellt. Während die ersteren
manche Lücke unseres Kupferstichkabinets glücklich ausfüllen,
findet sich unter den letzteren noch manches interessante und
kunstgeschichtlich wichtige Blatt, so z. B. ein mit der Feder
gezeichneter Entwurf Dürer's zum vorletzten Blatte seines
Marienlebens (B. 94), der Himmelfahrt und Krönung der
Madonna, ein lebensgroßes, in farbigen Stiften ausgesührtes
männliches Porträt von Barthel Beham, ein in Wasser-
farben sehr sorgfältig behandeltes mnnnliches Brustbild
von Hans Holbein dem Aelteren mit seinem Monogramm
und eine für den Kupferstich gezeichnete Folge von fünf
Blättern (Titelblatt und vier Landschaften) von Jan van
Goyen.

Jm Mitteldcutschcn Kunstgciverbcverein zu Frank-
»rt a. M. ist an Stelle der ersteii Abtheilung der Textil-
Sammlung des Herrn I. Krauth, welche Monate lang iminer
neues Jnteresse erregte, jetzt deren zweite Abtheiluiig aus-
gestellt, welche die Handarbeiten in Buntstickereien, 'Appli-
kationsarbeitcn, Spitzen und dergleichen umfaßt. Man sindet
da die mannigfaltigsten Arbeiten aus Deutschland, Spanien,
den Niederlanden, Jtalien, Frankreich, welche ein überraschend
vollständiges Bild der Kunstfertigkeit dieser Länder seit dem
15. Jahrhundert geben. Wir machen ganz besonders auf
die prächtigen spanischen Applikationsarbeiten und Nadel-
spitzen des 16. und 17. Jahrh. aufmerksam, welche ebenso
originell wie selten sind. Die Freunde des Kunstgewerbes
und namentlich die Damen werden diese seltene Gelegen-
heit nicht versäumen, eine so interessante und werthvolle
Sammlung zu besichtigen. Außer den Handarbeiten ist auch
eine vorzügliche Kollektion Ledertapeten aus Frankreich, den
Niederlanden und Afrika (16.—19. Jahrh.) ausgestellt.

-- Im Wiencr Bclvedcrc werden bereits seit lüngerer
Zeit eifrige Vorbereitungen für die Uebersiedelung der kais.
Gemäldegalerie in das ncue Museum am Burgring getroffen.
Dasselbe steht jetzt, mit Ausnahme der Kuppel. im Äeußeren
vollendet da und wird, nach den gegenwärtigen Dispositionen,
bis >882 auch im Jnneren so weit fertig sein, um die
Saminlungen auszunehmsn. Die Gemäldegalerie wird im
neuen Hause wesentlich vermehrt erscheinen durch die bisher
in verschiedenen kais. Schlössern verstreuten Bilder, zu denen

s u. A. auch eine Auswahl der jetzt im unteren Belvedere be-
findlichen Gemälde (die beiden Holbein, der köstliche Clouet
u. s. w.) kommen werden. Für die Eröffnung der neuen
Galerie wird ein doppelter Katalog vorbereitet, einer in
kurzer Fassung, und ein zweitsr mit ausführlicher Beschrei-
bung und Würdigung der Bilder, nebst beigefügten Mono-
grammen, geschichtlicher Einleitung über die Entstehung der
Galerie und allen sonstigen erwünschten Nachweisungen; dieser
raisonnirende Katalog dürfte drei Bände umfassen. Gegen-
wärtig ist man damit beschäftigt, die Rahmcn der Bilder
zuzurichten, mit neuen geschmackvolleren Jnschrifttäfelchen
zu versehen und so für dis neue Anordnung, welche bereits
im Wesentlichen festgestellt ist, in Stand zu setzen.

Vermischte Nachrichten.

x. Das Ballfest zu Chrcn dcs Dcutschcn NcichSgcrichts,
welches die Stadt Leipzig am 1. Oktobcr veranstaltete, ver-
dient der Erwähnung auch in diesen Blättern. Zuschauer-
raum und Bühne des neuen Theaters waren für diesen
Tag nach den Plänen des erst seit Kurzem fungirenden
städtischen Baudirektors Hugo Licht in einen Festsaal ver-
wandelt, der einen überaus prächtigen Anblick gewährte.
Der Bühnenraum war mit einem einzigen, aus hölzernem
Gitterwerk gebildeten Gewölbe überspannt, dessen Verkleidung
aus einem mit grünein Laubwerk bemalten Velarium be-
stand. Jn das Gewölbe waren zu beiden Sciten eine Neihe
in gleicher Weise hergestellte Kappengewölbe eingeschnitten,
die, auf laubuinwundenen hölzernen Säulen ruhend, die
Ueberdachung von ebensoviel die beiden Seiten der Bühne
abschließenden Nischen bildeten. Die Hinterwand schloß ein
prachtvoll mit erotischen Gewächsen und Prachtvasen ge-
schmücktes Buffet und eine darüber angebrachte Musikbühne
ab. Auf der Mitte des Bühnenraumcs erhob sich in reichem
Aufbau ein Kühlung spendender Springbrunnen. Eine
malerisch angelegte Freitrcppe führte von dem ersten Range
herab auf daS das Parket und den Orchesterraum über-
deckende Podium. Neicher Teppich- und Pflanzenschiniick
vollendete den farbenprächtigen Eindruck, den der weite
Raum unter Mitwirkung der glänzenden Toilctten des zum
Feste erschienenen Damenflors darbot. Wenn etwas, so
hat diese treffliche Leistung in der ephemeren Dekoration
die Wahl des neuen Baudirektors gerechtfertigt, der in
einer kurzen Spanne Zeit das Werk erdachtei zur Aus-
führung vorbereitete und den Aufbau innerhalb der ge-
gebenen Frist von 30 Stunden zu ermöglichen wußte.

k. 8. Jn Siena fand am 20. September, dem ita-
lienischen Nationalfesttage, die feierliche Enthüllung eineS
Monuinentes statt, welches der Erinnerung an die in dcn
vaterländischen Kämpfen gefallenen Söhne dcr Provinz von
Siena gewidmet ist. Die Marmorstntue der Jtalia, die sich
auf kiarrig, äell' Inckipsncksnrm vor einer Loggia mit drei
Nundbogen erhebt, eiitstammt dem Atelier des einheiinischen
Bildhauers Cav. Tito Sarrocchi und verdient nlle Nner-
kennung wegen ihrer moiiumentalen Auffassung, ciner Eigen-
schaft, die man bei der modernen Skulptur Jtaliens nur zu
häufig zu vermissen hat. Die schlanke jugendliche Gestalt,
mit Helm u,,d ornamentirtem Panzer gcrüstet und mit
langem Gewand und massig behandelteiii Ueberwurf be-
kleidet, steht gesenkten Hauptes da, mit dem linken Fuß auf
eine Fessel tretend, in der linken Hand ein Scepter, in der
Rechten einen Lorbeerkranz haltend, an dem ein Band mit
der Jnschrift: ,,^.i procki 8onssi psr ing oackubi" befestigt
ist und den sie auf einen zu ihrer rcchten Seite am Boden
lieqenden todten Löwen, dem cin zerbrochener Speer im
Rücken steckt, niederzulegen im Begrisf stcht. Zu dem edlen
Ausdruck des lockenumivallten Hauptes, der ungesuchten Hal-
tung, der ^lücklichen Anivendung des Contraposto und dem
stilvollen Fluß der Gewandung gesellt sich der Vorzug, daß
die Figur von allen Seiten gefälligc Konturen daibietct.
Der todte Löwe. dcr etwas niedriger als die auf cinem
Aelsen stehende Ftalia nicht ohne eiiien gewissen Zwang an-
gebracht ist, zeigt leider auch ein mangelhaftes Natur-
studium und cine allzu skizzenhafte Ausführuiig, die der
symbolischen Jdee, deren Träger er sein soll, nicht nngemessen
erscheint. Zum Nachtheil gereicht der Wirkung der Statue,
die 2,75 ni. mißt, das ungünstige Verhältniß des 2,40 m.
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