Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Nekrologe.

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bleibcn, was ihm jetzt vielleicht zu bequem gemacht
wird, so z. B. die Beschäftigung mit dcr vaterländiscken
Literatur. Neben dem Wissen aber svllte das Kvnnen
nicht so vernachlässigt werden, wie es jetzt geschieht.
Wer dem geistigen Adel der Nativn angehvren will,
barf nicht ganz vvn den Mnsen vcrlasscn sein. Musik
oder Zcichnen sollten unter die obligatorischen und
cinflnßreichvn Fächer der hvheren Lehranstalten auf-
genommen werden.

Dies sind Alles selbstverständlich nur Andeutungen.
Aber haben wir unscre Gymnasicn dahin gebracht,
daß sie Stättcn wahrer und vvllkommener Bildung
sind, dann branchen wir in der That keine anderen
höheren Schulen neben ihnen. Denn „es giebt viele
Fachbildungen, aber nur eine Bildung." Bon diesem
Gesichtspunkte ans betrachtet, gehört der Architekt, sv-
sern er Baubeamter ist, entschieden auf das Gymnasium.
llnd fassen wir die ideale Seite des mvderncn Archi-
tekten in's Auge, lassen wir seine eventuelle Beamten-
yualität ganz bei Seite, betrachten wir ihn als
Künstler, — sv weiß ich (etiva abgesehen von den
Philvlvgen und Histvrikern) überhaupt keinen Beruf,
der es nöthiger hätte, Vvn früh an in direkteste Be-
ziehung zur Antike gesetzt zu werden, als deu der
Bankünstler. Dcr eklektische Charakter steht unserer
nivdernen Architektnr zn deutlich an der Stiru ge-
schriebeu, als daß sie sich der Bekanutschast mit der
Bcrgangenheit entziehcn könnte; vvn der Gvthik und
der deutschen stienaissance allein kaiin nnser Fvrmen-
li"u sich nicht belcben lassen. Versucht es doch ein-
»url, ihr klugeu praktischen Leute und seht, wvhin wir
Ivinnien! Wie man dazu gelangt ist, die Realschule
gerade dcm Architckteu als Borbildungsanstalt zu ge-
hatten, ist nns völlig unverständlich. Den huma-
uistischen Charakter dieser Anstaltcn zngegebcn, würde
der Jnrist, Naturforscher und Mcdiziner (vvn den
anderen Beamtenkategvrien ganz zu schweigen) mit der
Pealschnlbildung bci seinen Fachstudicn viellcicht ganz
gut auskvmnien. Dem Architckten aber muß der Mangel
eincr spezielleren Kcnntniß der Antike cin sv fühlbarer
Werden, daß sich nur schr begabte und ungewöhnlich
I^usche Künstler über ihn hinwcg setzen kvnntcn. Diese
uber dürfen nicht als Maßstab genvmmen werdcn, wv
^ sich um Feststellung allgemeiner Regeln handelt.

Ganz anders sreilich erschcint daS Prvblcm, wenn
wir sragen: Soll man dem Künstlcr überhaupt eine
Schule oktroyircn; kann maii ihm nicht vvllige Frei-
heit lasscn? Eiuer nnscrer tüchtigstcn Architcklcn, der
U"ch svnst dicser Frage nahe stcht, vcrtrilt mit aller
^nlschchdenheit den Standpnukt: Jeder, der ctwas kann,
'st uns als Künstler willkvmmcn, mag er sich seiuc
Bvrbildung holen, wo und wic er will! — Hiergegen
iüßt'sich prinzipiell gewiß nichts einwendcn: vicllcicht

aber würde die Ersahrung lehren, daß unser reslek-
tirendes historisches Zeitalter doch nicht genug der
naiven und schöpferischen Kräfte producirt, um uns
einen obligatorischen Bildungsgang der Künstler im
Allgemeinen entbehrlich erscheinen zu lassen.

Jedenfalls aber hat die preußische Regierung die
Frage nicht so gestellt und hat dem Baukünstler seine
Vorbitdung zur technischen Hochschule nicht freige-
geben, sondern ihm die Gymnasien, Realschulen und
die fraglichen neunklassigen lateinlosen Gewerbeschulen
zur Wahl gestellt. Unsere Absicht war, zu beweisen,
daß eine solche Behandlung der Frage eine dilettanten-
hafte ist und daß, wenn einmal für Architekten eine
Schule obligatorisch gemacht wird, es nur das — neue,
durch zweckmäßige Reorganisation zu bildende—-Gym-
nasiuni sein kann.

B. Förster.

Nekrologe.

Viollct-Le-Duc ck- Wieder sind die lachenden Ufer
des Genfer See's um ein Künstlergrab reicher gewordeu:
Engen Emmanuel Viollet-8e-Duc, einer der hervor-
ragendsten Architekten und Archäologen Frankreichs,
auf dem Gebiete der Gothik unstreitig die erste Auto-
rität seines Landes, ist am 18. September zu Lau-
sanne gestorben und am 22. September, seinem eigenen
Wunsche gemäß, am schönen Leman bestattet worden.
Schon der Umstand, daß cine Anzahl seiner Freunde
die weite Reise nicht schente, um ihm die letzte Ehre
zu erweisen, spricht für seine Stellung unter den Ge-
noffen. Mit dem Bleistifte und der Feder gleich ge-
wandt, ebenso bedeutend als Künstler wie als Schrift-
steller, erlag der berühmte, am 27. Januar 1814 ge-
borene Gelehrte, erst 65 Jahre alt, mitten im rllstigen
Schaffen einer Gehirncongestion.

Seiu Vater war Schriftsteller und später Guts-
verwalter der Priuzessin Adclaide von Orleans, einer
Schwestcr Louis Philipp's. Dcr gewaltige Eindruck,
welchen die Kirche Saint-Enstache auf deu Knabcn
mackte, sührte ihn früh der Kunst und in crster Linie
der Gothik zu. Er ward Schüler von Achill Leclörc
und begab sich dann, da deffen Ansichten ihm wenig
zusagten, auf Reisen, nni von 1831 bis 1839 eincn
auf eigenen Anschauungen beruhenden praktischen Kursus
klassischer Stndien dnrchznmachen. Uebcrwicgend zu
Fuße durchwanderte er Frankreich und Jtalicn, sogar
Sicilien, uni überall Skizzen aufzunchmcn »nd Pläne
zur Restauriruug der vielsach dem Verfallc geweihten
Meisterwerke der altcn Baukunst zu entwcrfen. Die
Heimat hatte ihm den Schlüffel zum gothischen und
romanischen Stile gcliefert, und jcdes Fahr crivcitcrte
den Gesichtskreis dcs strebsamen Kunstjüngcrs. 1839
ward er zum Anditeur am Rathe der Civilbauten,
1840 in Gemeinschaft mit Lassus zum Jnspcktor dcr
Rcstanrationsarbeiten an der Sainte-Chapclle, dcr
nnter Ludwig deni Heiligen crbanten Schloßkapelle, cr-
nannt, welche seit 1793 znm Ausbcwahrungsorte fttr
die Aktenfascikcl der Juristen benutzt worden war.
Unter der sackvcrständigen Leitung der beidcn tüchtigcn
Architekten erstand die kleine Doppelkapelle zu neuem
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