Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Eiitwickelung der Bronzetechnit in Wien,

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Gvtt was Großes zu sagcu, wcnn uiciu die aus-
schließliche Bedcutuug irgcnd einer Techuik siir uionu-
mentale Zwecke betonte. Die Künstler, welche sich
der iiiouumentalen Kunst ividmeten, wurdeu dadurch
dem Lebeu uud dcr küustlerischen Gesellschast cut-
fremdet, die Techuiker von der großcn Bewegung
der Zeit getreunt; zahlrcichc Erfiudungeu, die sich im
geiverblicheu Lebeu tvie vou selbst cntwickeln, bliebcu
auf dicse Wcise dcm künstlerischeu Erzguß sremd, und
während die Franzvscu auf diesem Gcbiete die grvßten
Fwrtschritte machten, in künstlerischer wie in technischer
Beziehung, und sich dadurch den Weltmarkt eroberten,
blieb der dcutschc Brvnzcguß in sehr cnge Grenzcn
gebannt, uuberührt vou dcu zahlreichen Vortheileu,
welche auö dem industrielleu Lebeu dcr Künst zustromen.
Sv ist es gekommen, daß das dcutsche Volk ans keiuem
Feldc der künstlerischcu Tcchnik hcute so weit hiuter
den Franzosen zurücksteht, wic anf diesem.

Mau braucht uur das 34. Buch der Naturgeschichte
bes Plinius (Kap. 7 und 8) zu lesen und sich der
Torenten nnd der andercn Klcinkünstter des Altcrthums
Zu erinueru, mau braucht nur die zahlreichen und
Wunderbarcu kleiucn Bronzegüsse in unsercn Museen
aufmerksam zu betrachten, um sich davou zn überzeugen,
welcheu Werth die Alteu auf den Kuusterzgus; im
Klcincn und auf die tausende der durch ihn hcrge-
stelltcn Gegcnstäudc zum Schmucke dcs Hauses und des
öfseutlichen Lebens gelegt habcn. Das Schwergewicht
bes antiken Brvnzcgusses lag nicht iu der monumen-
talen Kunst, der Bronzeguß hat im Alterthum viel-
uiehr nur deshalb eine so außerordcntliche Blüthe er-
reicht, iveil er auf der breitcn Basis der gewerblichen
Technik ruhte. Jm Mittclalter und in dcr Rcnaissauce
War es ebeuso. Nicht nur die Brouzethüren der Dome
"nd Baptisterien zeugen für die Höhe der Technik in
Men Epochen, svudern wcit mehr uoch die Werke der
Kleiukunst, Kandelaber, Leuchter, kirchliche Geräthe
aller Art, stieliguiaricn u. s. f. 2n Frankreich hat
uian vou der Zeit an, als man sicb der Pflege dieses
^unstzweiges zuwandtc, dic Technik des Gusses als
^u Ganzes augesehen, ivelcheS den grvßen wie den
kleinen Bedürfuisseu der Gesellschaft glcichmäßig zu
bienen berufeu ist; und gegeuwärtig giebt es iu Paris
^uue Reihe bedeutender Bronzefabrikcn, ivclche, auf
ber Kleinkuust fußend, glcichwohl im Stande sind, ohue
Wbe staatliche Subvention die größten Bronzegüsie aus-
-lUführcu. Die Kapitaltraft uud die geistigc Zntclligenz
wuirzrlu dvrt in der breiteu Untcrlagc des gesammten
luiistgcwerblicheu Schaffcns.

Besonders erfreulich ist es zu sehen, daß man bei
uus uun auch wieder Klarheit darübcr bekommen hat,
baß oiuei' der ivichtigsten Puiikle bei der Herstelluug
boii Brvuzegüsien die richtige Behandlung dcr Ober-

fläche (Ciselirung, Patiiiirung) ist. Längere Zeit be-
staud bei unsereu Künstlern eine förmliche Abneigung
gegen dic Ciseliruug; man strebte dauach, dem Roh-
guß eine solche Vollendung zu geben, daß die Ciselirung
überflüssig wurde vder doch auf das geringste Maß be-
schränkt werdcu kvnnte. Allerdings hatten die Künstler
in dieser Beziehuug traurige Erfahrungen gemacht; die
Arbeiter, tvelche iu dcn Erzgießereien für mvuumentale
Zwecke dic Ciselirung besvrgten, besaßen sv wenig
künstlerische Bildung uud Empfindung, gingen bei ihrer
Manipulation so roh und handwerksmäßig vvr, daß
die vbige, uuter dcn Künstlern verbreitete Abncigung
nur zu begreiflich erscheint. Würden uuseren Künstlern
in dcu großeu Erzgicßereien Ciselcure zur Verfügung
stehen, die in der klcinen Plastik uud im kleinen Guß
auf die Feiuheiteu der Arbcit eiuzugehcn gelerut haben
uud die Ciseliruug als eine Kuust bctreiben, so würde
bei unsercn Bildhaucrn gcwiß jener irrthümliche Gc-
danke nicht Wurzel gefaßt haben, daß der vvllendctc
Rohguß auch schon das vollendete Kunstwerk sei; denn
iu Wahrheit bedarf jeder Bronzeguß der Hülfe cines
geübten Ciseleurs, uicht blos wegen der vollendeteu
Form, sondcrn damit in seincr Erscheinung der speci-
fische Charakter der metallurgischeu Techuik zum Aus-
druck gelange. Freilich ka;in man in dcr Ciselirung
auch zu weit gehcn. Die Franzosen z. B. treibcn es
dariu oft bis zu eiuem svlchen Raffinement, daß dar-
über die künstlcrischc Empfindung verlorcn geht. Abcr
wie ivichtig die mit Maß nnd feinem Sinn ange-
wendete Ciselirung siir deu Brouzeguß ist, das hat nns
nameutlich A. Hild ebrand gezeigt, indem er die alte
Technik in der Behandlung der Oberfläche ivieder
in deu küustlerischcn Bronzeguß der Ncuzeit eiusührte.
Als eine cmiuente Leistung auf diesem Wege aus
jüugster Zeit ist hier die lebcnsvolle Kvlossalbüste
von Frauz Liszt zu uennen, modcllirt von Silber-
nagel, gegossen und eiselirt vvu Turbain in Wieu.

Was aber eiiicm großen Theil nnserer K'üustler
imnier noch fehlt, das ist die Kunst, ich möchte sagen,
iu Bronze oder überhaupt in Mctall zu deukeu. Sie
cutiverseu ihre Figuren sür Thon odcr Stein uud siud
nickt geübt darin, auf die Eigenthümlichkeiten der Brvnze
einzugehen; das Trostloseste in dicser Bezichung hat
Schwanthaler mit dcn Brunneiifigurcn auf dcr Freiung
in Wien geleistet, das Geistvollstc Naffael Donner mit
seinen Brunneufigiiren anf dem neucn Markt, welche
ursprünglich in Bleiguß ausgeführt waren und vor
wenigen Jahren, um die schadhaft gewordenen Ori-
giuale zu schützc», in Brvnzcguß übergctrageu wordcn
sind. Vornehm und lebendig bewegcu sich dicse alle-
gorischeu Figureu der Flüsie mit jener Freihcit, wclche
cinzig das Nietall gcstattet. Sie köuncn nnseren
>iüiistlern znm Stndinm nicht genug empfvhlen werden.
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