Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Cnglische Kinderbilderbücher. — Nekrologe.

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iim dieselben einerseits vor der hölzernen Steifheit
Schwanthciler's und andererseits vor der übertriebenen
Bewegung des srüher crlvähnten Reiterbildes vvn
Fernkorn zu bewahren.

Jndem wir diese Betrachtungen schließen, sind
wir uns der Lücken und Mängel wohl bewußt, welche
nnser Kunstleben auch auf diesem Gebiete noch auf-
znweisen hat. Es sehlt bisher an einer innigen Ver-
bindung zwischen der Metallurgie nnd der Chemie;
schüchtern nnr wird die Galvanoplastik und das Email
angewendet; die Niellotechnik sand erst cine geringe
Pflege und vollends die kaufmännische Verwerthung
der errungenen Vortheile läßt in Oesterreich wie in
Deutschland noch sehr viel zu wünschen übrig. Trotz-
dem aber herrschen llberall, wohin wir blicken, Leben,
Bewegnng und Talent, und als den höchsten Gewinn
erachten wir die immer mehr durchdringende Erkenntniß,
daß Kunst und Gewerbe Eins sind, daß die Knnst ihre
segnende und stärkende Kraft aus dem Boden des
Gewerbes zieht.

Lnglische Ainderbilderbücher.

Walter Crane ist im Laufe dieses Jahres ge-
storben, wie die Blätter meldeten. Seine schönen
Bilderbücher sind inzwischen noch um eine ganze Reihe
Vermehrt worden; zu Baby's Opera war im vorigen
Jahr Baby's Bouquet als Pendant erschienen; nnd
das Unternehmen der Firma Routledge, den Weih-
nachtstisch mit vorzüglichen Bilderbüchern sür Alt und
Jung ausznstatten, ist auch nach des beliebten Künstlers
Tode nicht aufgegeben wvrden. R. Caldecott und
Kate Greenaway traten an die Stelle von Markus
Warth und Walter Crane. Von Caldecott liegt cin
Büchelchen in Quartformat vor, betitelt „'lllle IIouss
tllnt siuoll built". Es sind Kinderverse, wie wir sie
im Dentschen in dem Gedichtchen: „Da schickt der Herr
den Äockel aus" haben. Der letzte Vers giebt den
Änhalt des ganzen BUchelchens:

„'llllis is ills Unrmsr vllo sovsä tlls eorn,

'l'llat kscl tlls Losll tllat orovscl in tlls morn,

Nllat valleck tlls krisst nll sllnvsn gnck sllorn
Illnt marrisä tlls Llan nll tuttsrsck unä torn,

'llllnt llisssä tlls Naiäsn all torlorn,

Nllnt milllsä tlls 6ov vitll tlls orumxlsck llorn,
1lla>t tosssck tlls Oo§,
ckllat vorrisä tlls Ont,

'lllat llillsä tlls Rat,

'l'llnt nts tlls Ug.1t,

'lllnt Ig/ in tlls llouss
tllgt ckgolr lluilt."

Zwischen achtFarbendrnckbilder sind einundzwanzig
Holzschnittblätter eingeschaltet, welche in lcichten, abcr
bewnndernswerth charakteristischen Skizzen den ganzen

Vorgang illustriren, tvie die Katze der Maus auf-
lauert, sie fängt und zerreißt, wie der Hund die Katze
verfolgt rc. Es ist in diesem Büchelchen wieder ein ganz
neues Problem gelöst, durch möglichst einfache Mittel,
Schärfe der Auffassung, Korrektheit der Zeichnung, ge-
müthlichen Ton und originellen Hunior ein Kunstlverk
im vollen Sinne zu liefern. Man weiß wirklich nicht,
welchem Blatte man vor dem anderen den Vorzug
geben soll, und kann nur den Künstler bewundern,
der mit ein paar Strichen und einem bischen Farbe
Mensch und Thier, Landschaft und Wohnort so treu
abzubilden und die Komik der Situation auf's Präg-
nanteste hervorzukehren weiß. Neuerdings bringt uns
Kate Greenaw ay im Stile von „Baby'sOpera" und
„Baby's Bouquet" ein Quartbändchen mit 64 Seiten:
„Ilnäsr tlis ^Viuclovv", in welchem der gauze Neiz
und poetische Duft, der über die Kinderwelt ausge-
gossen ist und seit Lnca della Robbia bis auf Ludwig
Richter und Schwind immer wieder die Künstler be-
geisterte, in ganz nnvergleichlicher Weisc zur Dar-
stellung gebracht ist. Es ist unmöglich, mit Worten
den Reichthum der künstlerischen Erfindung, die Würde
und Anmuth des Vortrages zu charakterisiren, der diese
Leistung kennzeichnet. Welcher Abstand zwischen dem,
was unsere eigene Jugcndzeit erfrcuen sollte nnd leidcr
; noch die der jetzigen Kindcrwclt erfreuen soll, zwischen
dem Fratzenzeug der Struivelpetergeschichten und svlchen
^ entzückenden Kunstwerken von unvergänglichem Werth!

? Es ist wie ein Scheidegruß, ein Dankvpfcr, das Ludwig
Richter gebracht wird; denn vhne ihn kann man sich dic
^ Möglichkeit solcher Fortschritte auf dem Gebicte der in die
Anschauung getretenen Poesie gar nicht vorstellcn. Ein
Glückauf sür Kate Greenaway! II. 0.

Nekrologe.

Cham -s- Der berühmte Karikatnrist, wie ein
oft wicderholtes Wort sagt, der geistreichste Mann
Frankreichs inncrhalb der letzten dreißig Jahre, ist
sechzigjährig am 0. September zn Paris gestorben.
Es war dem Grafen Amadeus von Noo, wie Cham
eigentlich hieß, nicht an der Wiege gesungen, daß er
? unter die Künstler gehen wllrde; denn er ivard als
? Sohn eines Pairs aus der Nestauration am 26. Jan.

? 1819 zu Paris geboren und vvn seinen Eltern für
die polytechnische Schule bestimmt. Erst nach langcn
Kämpfcn begann er seinc kUnstlerische Laufbahn bei
Paul Delaroche, um dann in Charlet seinen Mei>ter
für die in ihm schlnmincrnde Begabung zu sinden.
Als cr sich 1842 mit seinen ersten kvmischen Zeiclv
nnngcn vor das Publiknm ivagte, schrieb er, vvll Trotz
und Zuversicht zugleich, dcn humvristischen Namen
„Cham" auf seincn Schild nnd crwarb ihm in der
Fvlge einen nencu Adelstitel. Schon die ersten Ver-
snche fanden lebhaftcu Bcifall, u»d fvrtan zählte der
jugendliche Künstler zu den fruchtbarsten Ntitarbeitern
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