Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunsthistorisches. — Konkurrenzen.

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deS Witzblattes „Charivari", der Albums und der Alma-
nache, in denen der Scherz ein stets willkoininener Gast
tzt. Der „^lwuiiuoli propiistiizus" und das „Hlnsäs
l'llilippon" brachten unablässig Proben seiner unge-
wvhnlichen Prodnktionskraft. Diese Frische der Er-
sindiing und des Entwnrfes blieb ihm bis an die
Schwelle des Grabes getreu; noch in den letzten Jahren
sistegte er Hrn. P. Bcron selten nnr den ansbcdnngeiien
Wochenbeitrag von 12 Zeichnungen zum Charivari
ZN bringen, meistens legte er ihm die doppelte oder
dreifache Anzahl zur Auswahl vor. Seine innere Ueber-
zeugung neigte mehr zur legitimistischen Richtung, aber
der Zufall führte ihn in das republikanische Lager,

uuter aiidersgesinnte Genossen, und dieser innere Zwie-
spalt tritt störend hervor, wenn, wie es bei der „Lg-
seinbloo nutioiiulö oonügus äo 1848" der Fall war,
ein Anderer den Text liefert. Cham's Bleistift ver-
spvttet erbarmungslos die ihm innerlich antipathischen
Gestalten eincs Prudhon, Pierre Lerour und Viktor
Cvnsidöraut, während Lireux's Text sie zu verherrlichcn
sncht. Chain's Wochen-, Mouats- und Jahrcsrevuen,
svwie seine komischen stievucn vou mehr als zwanzig
„Salons" sind wahre Fundgruben des Witzes, doch
häufig mit einer tiefernstcn doppelsinnigcn Bedeutung.
Beißende Satiren auf das zweite Kaiserreich solgten,
Manches sogar ohne Namensunterschrist. Seine in
Albnnis gesammclten Wcrke sind eine vollstäudige Bi-
vliothek, alle Tagesschwächeu werden darin gegeißelt
nnd die Witzblätter ,,Io Nouäo iliustro" und ,,1'IIui-
Vhrs illuKtrs" niachten einander voll Neid seine Mit-
wirkung streitig, uur den Frommen hielt er sich bis
u> die letzten Äahre fcrn, wo, wie das „Iluivsrs"
tnumphirend bemcrkt, die Lektüre des ,,1'sii8sr-v-I>iou!"
^>ne Ilinwandlung bei ihm hervorrief, so daß er sick
^>»ch an dem klerikal gesinnten „Pslsriu" und der
»briiuos illustrss" betheiligte. Zu seinen verbreitetsten
größeren Arbeiten gehören: „Kouvsnirg äo ^uruisou",
»Puprszzions cls vova^s äs Llr. Ilonitüos", „As-
Inn^ss oomigus»", „HouvoIIs8 oliur^ss", „I,n drruu-
wairo illustrso", „Oroc^ui^ su noir", „Oroguio äs
priutsuip^", „Oroguw ä'uutoiuus", „l-'sxpodütiou äs
llouärs^", „Icki onru!i.vnl", „Puuolr st Pnrw", „8ou-
loucjus st 8N oour", ,,N. 1. 1'ruälioll sn vo) NAs",
>>lls8 11oprs86utunt8 LU vuonuoso", „Ilistoirs couiigus
l'F88Li»l>Iso Hutionuls" und „1i68 Ooouguso".
Eaneben schrieb er auch Tpernlibrctti und Baude-
^Ees; „I,v ssrpsut L pluius^" erschien 1865, „lls
wz'o^oti^" kam 1866 im Palais Royal zur Auffüh-
„I.s ooiuinuuäsur" gehört zu seinen spätcren
Wvrken. J»i Privatlcbcn zählte Cham zu dcn einfach .
,wbenswürdigen Naturen; scine ungewöhnlich hagere, j
sviihgebcugte Gestalt, mit dem kleincn vierfüßigen Tv-
^aniien „Bijou" untcr dcni Arme, war anf den Boulc-
öards eine bekannte Erscheinnng. Für seine Freunde,
gern an seinem Tische vercinte, wv seine geist-
wllen Einfälle die Hauptwürze des Mahles bildeten,
wlaß cr das wärmstc Herz und cine stcts offcne Börse,

>v daß cr es, trotz seincs uncrmüdlichcu Schaffens, nie
zl'w cigentlichen Wvhlstande brachtc. Einc Bronchitis,
lwlcher das Zerspringen eiues Blutgesäßes porange-
gsingen tvar, brachte ihm nnerwartct rasch den Tod.

eine Obscguieu in dcr Kirche Saintc-Marie-des-
^atignvlles vereintcn am 8. September die Elitc der
Pciriser Künstlerkreise. 11. II.

Kunsthistorisches.

Aus Mei; ivrrd geschrieben: Die bei Bettingen an der
Nied veranstalteten Ausgrabungen sind im verslossenen
Sommer auf das eifrigste fortgesetzt worden, und es ist ge-
lungen, ein großes Wohnhaus von beiläufig 2000 gm.
Grundfläche freizulegen. Dasselbe besteht aus einer Menge
kleiner Zimmer, welche einen Hofraum umschlossen, also
ganz in der bekannten römischen Änordnung ausgesührt war.
Man erkennt Küche, Stall, Spuren der Wasserleitung u. dergl.
Es fanden sich bei der Aufräuniung eine Menge Dachziegel
so wie zahlreiche Scherben irdener Gefäße; auf einigen
Ueberresten sind Jagdscenen in Basrelief zu erkennen. Daß
die Bewohner dieser römischen Villa nicht gerade schlecht ge-
lebt haben, geht aus einer Anzahl von großen Amphoren
(Weinkrügen) hervor, welche in Verbindiing mit den vor-
gesundenen Austernschalen hierauf schließen lassen. Es
ivurden serner kupferne und eiserne Geräthe zu Tage ge-
fördert, dann Thierknochen, Geweihe von Hirschen, Rehen
u. s. iv., Glasstückchen, 100 römische Münzen, zwei von Sil-
ber, die übrigen von Erz; leider sand sich ein Theil der-
selben bei der durch Feuer zerstörten Villa zusammenge-
schmolzen, jedoch ließ sich feststellen, daß diese Münzen einen
Zeitraum von 200 Jahren umfassen, etwa von 150—350
n. Chr. Jn der Oktoberversammlung des Vereins für Erd-
kunde hierselbst hielt Herr Or. Uebeleisen über die Aus-
grabungen bei Bettingen einen Vortrag, dem wir die vor-
stehenden Angaben entnommen haben.

Aonkurrenzcn.

Ueber dic Skizzcn zum Kölncr Moltkc-Dcnkmal schreibt
der bekannte Kunstreferent der Köln. Zeitg. mit dem Zeichen
des Schützen: „Jn Folge der Aufforderung zur Konkurrenz
um das in Köln zu errichtende Denkmal für den Feldniar-
schall Grasen Moltke sind nicht weniger als 53 verschiedene
Skizzen angekommen und im Museum ausgestellt. Es ist
eine fast uiiglaubliche Anzahl, die aus cinen wahren Ueber-
fluß von Bildnertalenten in Deutschland schließen lnßt; denn
die bei weitem größte Mehrzahl dicser Modelle und Modellchen
ist ganz respektabel gemacht, wenn sie auch nicht alle gut
erdacht sind; das ist freilich in dcr That dic Mehrzahl nicht.
Die Aufgabe war kaum mißzuverstehen und ist doch in ein-
zelnen Fällen inißverstanden worde». Es konnte wohl keine
andere sein, als den gefeierten Kricgshelden möglichst natur-
getreu darzustellen, eine Porträtstatue zu schaffen und da
es einer sehr schlichten Persönlichkeit galt, so sind dcnn auch
die schlichtesten anspruchslosesten Abbilder derselben die besten
geworden; wie verschieden und geradezu falsch aber selbst
eine so bestiminte Persönlichkeit ausgefaßt werden kann, zeigt
sich auch in vielen dieser sein sollenden Porträtstatuetten.
Jn mehreren ist der Charakter des Schulmeisters, ja, des
Pedanten unverkennbar, andere haben einen rednerischen,
sogar dramatisch-theatralischen Charakter, einer erinnert ent-
iernt an Goethe, ein anderer an Beethoven, ein paar kleine
sind in ihrer Harmlosigkeit komisch, ohne es zu beabsichtigen.
Durch die Aiisstellung ist noch einige unwillkürliche Komik
hinzugekoinmen; so stehen z. B. zwei in ciner Ecke und sehen
sich an, wobei der eine Moltke ganz verächtlich auf seinen
kleinen küminerlichen Doppelgängcr herabblickt. — Viele der
Künstler haben nach Motiven gesucht und sic nicht immer
glücklich gefunden. So blickt eine sehr hübsch nusgeführte
Statuette gesenkten Hauptes auf die Landkarte mit dem
Ausdrucke cines in sich versunkenen Studirenden, eine andere
hält in beiden Hünden die Landkarte vor sich hin und blickt
den Beschauer an, alS sollte ihm ein Dokument zur Unter-
schrift prnsentirt werden. Selbst nnt dem Zirkel und dcr
Landkarte ist der Feldherr dargestellt. Mehrfach erscheint
er in befehlender, weisender Stellung, einmal sogar in hef-
tiger Bewegung, einem „Marschall Vorwärts" sehr ähnlich.
Ain häusigsten'ist das einfache Motiv, ihm einen Feldstecher
in die Haiid zu geben, wobei denn die nndere entweder eine
Landkarte hält 'oder nuf dem Snbelgriffe ruht. Auch in
den Kopfbedeckungen ist viele Verschiedenheit: Mütze oder Helm,
letzterer sogar einmal bekränzt; die besten Bildnisse sind
barhäuptig. Da die Konkurrenz eine anonyme ist, so fehlt
uns das persönliche Jnteresse, welches sich an die Künstler
und die Schule, der sie angehören, knüpft; wir können letz-
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