Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Gigantomachie des Berliner Museums.

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sprungliche Standort des Werkes war jedenfalls die
Basis eines Baues, den wir uns als Tempel, Sieges-
denkmal, Altar denken können; dort mag es in der
Außenarchitektur mehrere Fuß iiker dem Auge des Be-
schauers angebracht gewesen fein, denn auf Frosch-
perspektive scheint das Werk kerechnet. Relief-Friese
in solcher Verwendung sind uns nichts Unkekanntes;
abgesehen von der Balustrade des Tempels der
Athena-Nike in Athen, kann man an das Maussolleion
und das Nereidenmonument denken.

Durch vereinzelte literarische Notizen, besonders
bei Plinins und Ampelius, durch geistreiche Kombi-
nationen und Schlüsse Nibby's, Brunn's u. A. wußte
man, daß im 3. und 2. Jahrhundert vor unsrer Zeit-
rechnung an dem reichen Hofe der Attaliden zu Per-
gamos eine Bildhauerschule sich eutwickelt hatte und
iu Thätigkeit war, welche, von Griechenland her in-
spirirt, einen ihr ganz eigenthümlichen Weg verfolgte.
Anhaltepunktc für ihre Ziele und ihr Könncn boten
der sterbende Gallier im Capitolinischen Museum, die
Gruppe in der Villa Ludovisi, und die in Venedig,
Neapel, Rom und Paris befindlichen zehn unterlebens-
großen Figuren aus dem auf die athenische Burg ge-
stifteten Weihgeschenk des Königs Attalos 'von Per-
ganmm. Der große Sieg, den derselbe über die
kleinasiatischen Galater davongetragen hatte, wurde
zu einer fruchtbaren Anregung für künstlerische Thätig-
keit, und um sich selbst, die hilsreichen Götter und die
Athener zu ehren, ließ er auf der Akropolis in Athen
an der Siidmauer vier große Gruppen aufstellen.
Eine derselben behandclte die Schlacht, welche die
Giganten gegcn die Olympier verloren. Es -bcdarf
kaum eineS Beweises, daß ein König, der niit solcher
Milde eine befreundete Gemeinde beschenkt, seine eigne
Heimath reicher noch geschmückt haben wird, daß
namentlich diese Kampfscencn, sowcit sie nicht wie die
Perserschlacht und der Amazonenkampf bestimmt waren,
den Athenern in feinster Weise zu schmeicheln, auch
sonst noch Plastisch behandelt sein müssen. Dennoch
waren bisher die oben genannten Werke (mit denen
man den Apollon vom Belvedcre etwa noch in sernere
Beziehung bringen könnte) die einzigen, welche sich mit
der Pergamenischen Kunst in bestimmte Verbindung
setzen ließen, und dies so interessante Kapitel, das erste
handgreifliche Beispiel der Verpflanzung spezisisch helle-
nischer Kunstweise auf nichthellenischen Boden, mußte
sich bis jetzt in den betreffenden Lehrbüchern nnd Vor-
lesnngen eine recht dürstige Behandlung und Jllustri-
rung gefallen lasien. An Stelle dieser llnsicherheit
tritt jetzt eine Klarheit über den Kunstcharakter und
die Leistungsfähigkeit dicser Schnle, wie wir sie viel-
leicht für keine andre des Alterthums besitzen.

lleber alles dieses, solvic über den eigenthümlich

künstlerischen und allgemeiu poetischen Werth des per-
gamenischen Nelief-Frieses, wird sich verständlicher
sprechen lasien, wenn wir zunächst den Thatbestand
festgestellt haben. Dabei wikl ich indessen nicht unter-
lasien, einen Punkt ausdrücklich vorher zu betvnen: so
vorsichtig und behutsam man auch in seinen Deutungen
und Beurtheilungen sein mag, so wird man der Ge-
fahr, etwas zu sagen, das sich bei wiederholter Er-
wägung als unhaltbar herausstellen sollte, kaum ent-
gehen können. Jn der Zusammensetzung und Erklärung
dieser Gigantomachie ist den Archäologen, Kunstfor-
schern und Poeten eine Aufgabe gestellt wordcn, wie
sic interesianter, lohnender und trotz aller Mühe
aiigenehmer kaum gedacht wcrden kann. Wcnn also
in diesen Zeilen eine vorläufige Oricntirung gegebcn
w-rden svll, so wird man nicht erwarten dttrfen, daß
damit auch schon das letzte Wort gesprochen wor-
dm ist.

Jndem der große Künstler, der nicht in letzter
Lmie auch ein eminentes Dichtertalent war, diesen
gewaltigen Gegenstand wähltc, scheint cr Vorgänger
nicht gehabt zu haben. Anch später ist unsres Wisiens
de Gigantomachie nur in kleinercn Zlelicfdarstellnngen
wrwerthet ivorden, deren berühmtcste von Fr. Wieseler
prblizirt ivorden sind. Ein Zusammenhang dcrselben
nit der pergamenischen Knnstschulc ist denkbar, sogar
vahrscheinlich. Der Künstlcr, somit wcscntlich anf sich
slbst angewiesen, nahm den reichen Stoff, den ihm
>ie leidcnschaftliche Phantasie seiner Nation wohl vor-
kcreitct hatte, ziemlich naiv hin, wie es scheint, und
uchte einfach das in Marmor nachzudichten, was dcr
poet bcreits dabci einpfunden hatte. Jn der Kompo-
'ition dcr Grnppcn, der Oekonvmie der ganzen An-
.irdnung, dcm Neichthum und der Mannigfaltigkeit
)cr Motive, bekundet er ein erstaunlichcs Maß künst-
.erischer Weishcit. Dcr Sage (in ihrer einen verbrei-
ietsten nnd natürlichsteu Fvrm) zufolge, faßteu die
Slympier ihre Lage beim Ansturm der Giganten sehr
irnst auf nnd riistetcu sich zur Vcrziveifelten Gegenwehr.
Kicht nnr dcr ganze Olymp ivurde mobil gemacht,
auch die Bundesgenosieii im Mccr wnrden als Reserve
herangezogeu, dcr Beistand des Heros Hcrakles ist
bekannt, sclbst die Hilfe der Thiere wurde nicht ver-
schmäht. Dem Künstler niußte daran gelegen sein, in
sies Göttergewimmel Uebersichtlichkeit und Berständ-
nchkeit zu bringen. Wenn ihm bei dcn großen
Aöttergestaltcn bckannte und ausdrucksvolle Typcn
;ur Verfügung standen, sv hat er sich vcrmuthlich
bei den entlegcnen und in der Kunst nvch nicht ein-
zebürgerten Gottheiten erst neue Ausdrucksformcii
schaffeu miissen. So konimt cs, daß erst cinzclne
Götter und gcrade die höchstcu und bekanntesten bis
ietzt mit Sichcrheit haben fcstgestellt werdcn können.
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