Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die Konkurrenzentwürfe zu einer Viktoriastatue für das Berliner Zeughaus.

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crfahrungSgemäß stets wiedcrholendeu, diesrnal nur
anßcrgewöhnlich reichhaltigen Sammlnng total ver-
fchtter, zum Theit tächerlichcr Produktionen, das Ge-
sammtergebniß der Konkurrenz als ein in der That
in hohem Grade unbefriedigendes erscheinen läßt, ist
der selbst in der Mehrzahl der bemerkenswerthcren
Entwnrse nnverkeiinbare Mangel ciner Ivirklich mo-
nnincntalen Anschannng nnd das ihni innig gesellte,
erstaniilich geringe Bcrständniß siir die nnniittelbar
aus der gcstcllten Aufgabe sich ergcbenden Bedingungcn
einer anch nur in formaler Hinsicht znsagenden Lvsung
derselbein Einerseits sind nnter den wenigcn Arbeitcn,
die durch knnstlerische Onalität sich über die Menge
der übrigcn erhobcn und, ohne darnm schon für deu
bestinimten Zweck annehmbar zn erscheincn, doch das
Jnteresse des Beschaucrs durch diesen oder jenen Rciz
zn fesseln ivußten, kaum zwei bis drei Enlivttrfc zn
nennen, die nicht ein rcin genrcmäßiges, der ernstcren
Rnhe und Größe echt nionumentaler Haltung völlig
entbehrendes Gepräge an sich tragen, und andercrseitS
drängt sich angesichts der ganzen Anlage nnd Linien-
gebung fast der Hälfte der übcrhaupt eingesandten
Skizzen die Frage anf, ob ihrc Antorcn, obschon sic
die fertigc Figur — manchmal in geradezn naiver
Weise — nachträglich in die beigefügte Rnndnische
stellten, denn anch nnr einen Moment an dicsen dcr
Statue bcstiinniten und damit ihren Gesainnitumriß
bedingenden Anfstellnngsvrt gedacht und ob sic ferncr
in ihren, in Bronze allenfalls niöglichen Gestaltcn
auch nur im entfcrntesten sich des vorgeschriebenen
Materials der Ansführung, des einer fcsten Stütze
derschwerenMassenbedürftigenMarmors, crinncrthabein
Es sind dies Fehler, die, wenn sie vereinzelt auf-
treten, als cin individueller Mißgriff wcder übcr-
raschen nvch sonderlich in's Gewicht fallen könncn, die
aber, in so ausfälliger Wcise sich fort und fort wieder-
hvlend, cincn nicht wenig bedenklichen Viangel künst-
lerischer Ausbildung verrathein Zwar daran, daß
nnsere Künstler in der Negel die Form als etivas von
dem Material zieinlich Unabhängiges betrachten, wäh-
rend doch die verschiedenartige Natnr des Marmors
und der Bronze die Komposition nicht blvs von vorn-
herein in ihrer Gesainnithaltnng bestinimen, sondern
nanientlich auch sür die weitere Ausführung bis in dic
seinsten Dctailö hinein maßgebend bleiben svllte, sind
wir längst schon zu sehr gewvhnt, als daß ein Verstos;
nach dicser Seite hin uns besondcrs anffällig erscheinen
dürfte. Dieselben Ursachen, die anf den verschiedcnen
Gebieten kunstindnstricller Prodnktion jene dauernde
Bernachlässignng cines der obersten Stilgesetze vcr-
schulden, haben eben anch ans deni Gebicte der Plastik
das gleichc Nesnltat erzeugt und sind hicr in ihrer
verhängnißvollen Wirksanikeit noch dadurch erheblich

nntersttttzt wvrden, daß, wie ja bekannt, die wcitans
zahlreichsten Schöpfungen mvderner Bildhaner, dcs
dnrch eine feste Bestellung gegebenen sichercn Ziels
entbehrend, anf's Ungewisse hin cntstehen und die Ueber-
tragung des längst schon fertigcn Gypsniodells in Erz
oder Stcin dem nur ausnahniöweise dnrch innere
Gründe gclcitcten Belieben dcs endlich gefiindenen
Käufers überlassen. Die dicsmalige Konkurrcnz lieferte
in dieser Hinsicht nur noch dcutlichcr und cntschie-
dener, als es sonst wohl zn geschehcn pflegt, den Be-
weis dafür, bis zn welcher geradezu gedankeiiloscn Be-
handlnng der Komposition eine solche Prapis niit der
ans ihr sich natnrgeniäß ergebenden allmählichen Ab-
stnmpfung eines jeden lebcndigen Stilgefühls schließlich
hinznführen im Stande ist. Jene anderc in einer
langen Neihe Vvn Entwürfen nnablässig.wiederkehrende
Erschcinnng aber, der Mangel eines der gegebenen
architektonischcn Umrahmung der künftigen Statnc
entsprechenden Anfbaues, Ivie er einerseits den darge-
bvteuen stiauni angeiiicssen zn füllen und andercrseits
wieder die Fignr innerhalb ihrcr Uingebnng als dv-
minircnden Mittclpunkt ciner größeren Anlage zur
Geltung zn bringen vermvchl hätte, wieö zngleich in
nicht minder cmpsindlicher Weisc aus dic verderblichc
Einseitigkeit der viel zn auSschließlich anf das einzelne,
eiigbcgrenzte Fach sich beschränkenden Ansbildnng des
modernen Künstlers hin, die znfällig gerade in dcn-
selben Tagen anch von dcr französischen Kritik angc-
sichts der Ergebnisse der für eine Kvlossalstatne der
Nepublik ausgeschriebencn Kvnknrrcnz nicht ohne Grnnd
bcklagt ivurde.

Wv es der Gesanimtheit der Prvdnktion oder dvch
eineni beträchtlichen Theil dcrselben an den höheren
geistigen Qnalitäten des Kunstiverks, an Originalität
der Erfindnng, an Grvßartigkeit der Anffassnng nnd
an Tiese dcs Gcdankeiiinhalts gebricht, dürfte die
Kritik, die dics hervvrhebt, ineist eine ziemlich niifrncht-
bare bleiben, da weder Beachtnng noch Vernach-
lässignng dcs Borwnrfs das dnrch den ganzcn Cha-
raktcr der Zcit bedingte schöpfcrische Vermögen der-
selben zu modificiren iin Stande sein wird. Jcnc
zuletzt crwähnten Schtvächcn gehören dagegen dvck
mchr oder wenigcr dcm Gcbiete des dnrch richtige und
crnste künstlcrische Schulnng Erlernbarcn an und ver-
dienen deshalb uin sv svrgfältigere Ausmerksamkeit, als
der in der Entwickelung unserer gcgenwärtigcn Bild-
hanerci sich am entschiedensten aussprechendc Zng, in>
Gegensatz zn der strengeren Knappheit der Ranch'schen
Schnle, anf die Entfaltung reichcrer und breiterer Wir-
knngen gcrichtet ist, ein svlches Bestreben aber die
sichere Beherrschnng gerade jener mehr fornialen Ge-
staltungö- nnd Ailsdrncksmittel zur nnentbehrlichsten
Bvraussetzung hat.
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