Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Mmstlitoratur,

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schnaubenden Stiere bcindigend, durch Kraft und
Schvnheit ausgezeichnet ist, Sehr lebendig ist auch
die Darstellung des kleinen Herakles, welcher die
Schlangen erwürgt, Der Künstler erlanbc jedoch die
Bemerkung, daß die Thiere hier zn groß erscheinen,
Allerdings ist auch Herakles hicr etioas älter, als ge-
wöhnlich angenommen wird, da er schvn recht fcst auf
seinen Füßen steht, und nach der Erzählung soll man
sich die Schlangen recht grvß vorstetlen, aber die bil-
dende Kunst hat doch die sinnliche Wahrscheinlichkeit
zu berücksichtigen, und die Künstler des Alterthums
haben daher rccht gethan, wenn sie dcm kindlichen
Helden ein Paar Schlangen in die Hände gaben, die
er wcnigstens ordentlich faffen konnte,

C. Aldcnhoven,

Carl Schnaase. Bivgraphische Stizze von Wilhelm
Lübke, Mit dcm Bildniß Schnaase's. Stntt-
gart, Ebner L Seubert, 1879, 08 S, 8.-
Der vvrlicgende Lebcnsabriß des Mcisters der
dentschen Kunstgcschichtschreibung ist ein Scparatabdrnck
aus dem cben erschienenen zweitcn Theile des achten
Bandcs von Schnaase's bcrühmtcm Hauptwerke, dcffen
zweite vermehrte Auflage damit nach dreizchnjähriger
Arbeit cndlich abgcschlossen vorliegt. Das Erschcincn
dieser besvnderen Ausgabc wird gewiß Vielen will-
kommcn sein, welche das bändcreiche Geschichtswcrk
setbst nicht besitzen und sich dvch gcrn ein lebcndiges
Bild von der Persönlichkeit des außerordcntlichen Man-
nes bewahren wollen, zn dem die ganze deutsche
Knnstwclt wie zn einem Jdeal wahrer Wissenschaft-
lichkeit und lauterster Humanität emporschaut,

Kurz nach Schnaase's Ableben (h 20. Mai 1875)
widmcte ihm Wilhelm Lübkc, sein langjähriger innig
vcrtranter Freund und Stndiengcnoffe, in dicscr Zeit-
schrist cinen warni empfundcnen Nachruf, der von
dcr Pcrsönlichkeit dcs Entschlafenen nnd seincr Stel-
lung in der Wissenschaft eine treffende Charaktcristik
bot nnd aus der Geschichte seines Lebens die wichtigsten
Daten mittheiltc. Der vorliegende Lebensabriß ist eine
crweitcrte und vielfach bercichcrte Reproduktion jenes
Nekrologes, Wcnn Lübke zu dem Charakterbilde des
Vcrewigten, wie es uns gcgen Ende scines Lebens als
die Snmnie sciues Werdens und Schaffcns entgegen-
trat, bci der neuen Redaktivn kcincn wesentlich neuen
Zug hinzuzufügen vermochte und manchen damals aus-
gcsprocheucn Satz wörtlich in seine biographische Skizze
hinübernehmen durfte, sv bot sich ihm Lagegen jetzt
fürdie Darstellung der Entwickelungsgeschichte Schnaase's
aus dessen Korrespvndenzcn und Tagebüchern, sowie
aus andern intimen Ouellcn cin bisher unbekanntes
Material dar, welches namentlich dic Jugend und
Studicnzeit des Abgeschiedenen zum crsten Mal in

helles Licht setzt, Die erste Hätfte von Lübke's Dar-
stellung ist daher die bei Weiteni ergiebigere nnd in-
teressantere, nicht nur für den Fachmann, sondern für
alle Diejenigen, welche in dem Lebensgange eines bc-
dentenden Menschen die Entwickelung der Zeit, die
Geistesgeschichte der Nation zu lesen vcrstehen,

Merkwürdig ist es, aus dcr Jugend Schnaase's
zn ersehen, daß dieser zu sv vollcndeter Klarheit und
Nuhe hindnrchgedrungcne Geist nnter nnstäten, wechscl-
vollen Schicksalen die ersten Schritte in's Leben thun
mnßte. „Schnaase pflegte, dic Unruhe seiner Kindcr-
zeit bedancrnd, wohl zn sagcn, er habe seine Jngend
im Reiscwagen zugebracht," Es war dics nicht nnr
eine Folge der Familicnverhältnissc nnd speciell der
Art seiues Vaters, svudern es spiegelt sich darin zu-
gleich die wildbewegte Napolevnische Zcit, in welche
die Kindheit Schnaase's fiel; und Ivenn das zerstreucndc,
nnruhige Treiben dem jungcn Gcmüthc manchc Ge-
fahren brachte, so hat andercrscits der hänfige Wcchsel
des Wohnvrtes, namentlich aber ein längerer Aufenthalt
dcr Familie in Paris (1808—9) gewiß zu der Viclseitig-
keit von Schnaase's Bildung viel bcigetragen nnd ihm
jene Weite des Blicks zu eigen gemacht, welche Ivir
an ihm bewundern, Dcr Vater tritt nns in dicser
erstcn Zeit als sein Lehrcr und geistigcr Erzieher cnt-
gegcn; cr crthcilte ihm auf den Ncisen selbst Unter-
richt und hielt strcng anf Ordnung und gercgeltcn
Stndicngang, Das Hcrz Schnaase'ö hing aber mit
ganzer Jnnigkeit an der Mutter, „Die Rücksicht ans
sie griff tief in scin Leben und bestimmte deffen Gang
in einer cntscheidenden Zeit."

Diese nahte hcran, als dcr achtzchnjährige Jüng-
ling bald nach dcm Tvde dcs Baters (1810) die Ber-
lincr Universität bezog, von ivv er im Frühling 1817
nach Hcidelberg übcrsiedclte. Hatte ihn dvrt Savigny'S
philosophisch durchgcbildctcr Vvrtrag besonders ange-
zvgen und mit der anf des VaterS Wnnsch eingc-
schlagenen juristischcn Laufbahn befrenndct, sv fühlte
er sich in der Neckarstadt vvr Allcm dnrch Hegel's
Lchre mächtig bewcgt. Jhm fvlgte er im Herbst 1818
wiedcrum nach Bcrliu, uud das cindringende Studinm
seiner Philvsophie, dem er sich dvrt ergab, ist von dem
nachhaltigsten Einfluß auf scine ganze spätere Ent-
wickelung geweseu, Auknüpfend an cine Notiz in
Schnaasc's Aufzcichnnngcn aus jener Epochc bemcrkt
Lübkc treffcnd: „Wenn Schnaasc die ticferc Bcsrie-
dignng, ivelche seine religiös angclcgte Natur vou der
Bcschäftiguug mit der Philvsophie erlvartete, nicht ans
ihr schöpftc, so ist doch diese Vvn cincm svlchen Eiu-
slnß auf sein wiffcnschaftlichcs Leben gcworden, daß
wir uns scine spätere hohe Bcdeutnng auf dem Gc--
biete dcr kunstgeschichtlichen Darstellnng vhne jcne phi-
lvsophischen Studien gar nicht zu deuken vermvgen,"
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