Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Die projektirten Erzthüren für den Dom zu Köln,

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Jn ciner früheren Pcriode, wo die Kenntniß der
Geschichte noch nicht so weit gediehen war, liebten es
Künstler und Kunsthandwerker, sich in Parallelen zwischen
dem alten und neuen Testamente zu ergehen, was für
unsere Tage ein sehr gewagter Schritt ist; denn wir
wissen und denken mehr und sind nicht so leicht znfrieden
zu stellen. Was soll z. B. eine Erzplatte mit den Bil-
dern: Abel, Seth, Enos, und gegenüber Sem, Ham und
Japhet? Dann Abraham, Jsaak, Jakob, andererseits die
Königin von Saba auf Besuch bei Salomo? Wir em-
pfangen den Eindruck, daß letztcres Motiv ganz passend
für eine abyssinische Kirche wäre, da das angestammte
Königsgeschlecht sich ja von Menelik, dem Sohne Salo-
mon's, herleitet. Was sollen Themata, wie Naaman sich
im Jordan vom Schorf seines Aussatzes reiniget, und
als Gegenbild die Taufe Christi? Steht nicht uns allen
der Stifter des Christenthums viel zu hoch, als daß
wir den schäbigen Syrer als Vorbild des Weltheilands
uns gefallen ließen? Weiter sollen Adam und Eva,
die den ermordeten Abel beweinen, — versteht sich in xnris
nLtuvgMns — das Gegenstück zur Pietu oder dem Leich-
nam Christi im Schooße der Mater dolorosa abgeben!
Zwölf Scenen sollen allein aus dcm Lcben dcs Apostel-
fürsten folgen, woran Rom bei seinem Petersdom nie
gedacht hat. Aber wo in aller Welt sollen denn unscrc
Glaubensprediger und großen Kirchenfürsten, die Kaiser
als Schirmherren der Kirche und die deutschen Päpste
ihre Stelle finden? Wollen wir das alte und neue Testa-
ment erschöpfen? Gehörcn die Geheimnisse aus dcm
Leben Christi und die Thaten der Apostel nicht vielmehr
in's Jnnere des Hauses Gottes? Dort sind sie dutzend-
fälrig an Altären und Wänden in Stcinbildern, Holz-
figuren und Gemälden wiederholt, abcr sie passen weniger
an Anßcnthüren. Das vorläufige Programm hat deßhalb
bei Künstlcrn und Kunstfreunden, zumal in München,
Nachdenken erregt.

Sprechen wir nicht allen Deulschen ans dem Herzen:
Die neuen Portale am Kölner Dom müsscn mit
den klassischen Erzthüren Ghiberti's am Bap-
tisterium zu Florenz wetteifern, im deutschcn Geiste
entworfen und durchgeführt den Verglcich mit ihnen aus-
halten! Auch die Signoria der Arnostadt, welche für
Künst und Geistesbildung nach Athen und Rom wohl
am meisten geleistet hat, cröffnete 1401 eine Konkürrcnz.
Sclbst Brunelleschi, der Baumeister, welchcr seiner
Zeit einem aus Wälschen und Deutschen zusammenge-
sctzten architektonischen Schicdsgerichtc seine Konstruktion
dcr ungeheuren Kuppel über der S. Maria del Fiore
vorlegte, betheiligte sich dabei; man sicht sein antikisi-
rendes Probestück neben dem seincs ihm an Adel und Em-
pfiudung überlegenen Rivalen noch im Mnseum zu
Florenz. Ebenso nahm Jacopo della Qucrcia an
dem Wettstreile Theil; das Relief Mariä Himmclfahrt

über einer Seitenthür des Domes zeigt Schwung und
Großartigkeit. Jm Grunde stehen alle drei an der Grenze
des alten, von den beiden Pisani mit hohem Geiste ver-
tretenen Stiles und der hereinbrechenden Renaissancc.
Von vornherein wird hier klar, daß die Auftraggcber
nicht auf's Gerathewohl handelten, auch war die Vollen-
dung nicht in kurzer Frist bemessen, sondern als eine
Lebensaufgabe erkunnt. Ghiberti führte seine Concep-
tionen in realistischer Weise aus und schichtete die Ge-
stalten und Gruppen malerisch hinter und über einander.
Die zwanzig Darstellungen aus dem neuen Testamente
nebst den Seitenfiguren der Propheten und Evangelisten
nahmen Ghiberti von 1402 bis 1424 in Ansprnch. Als
dieses eine Seitenportal vollendet war, erklärte die
Signoria: „Nachdem der Meister alle anderen
Künstler übertroffen, möge er nun noch sich
selber übertresfen" nnd übertrng ihm zugleich das
Hauptportal, aus welchem man die von Andrea Pisano
gefertigten Bronzethüren in die zweite Nebenpforte rückte.
Jn zehn großen Feldern schildert er sofort die Geschichte
des alten Bundes, verläßt aber dabei schon den ernsten,
alterthümlichen Stil und wird modern, anziehend und
seelenvoll. Wie einnehmend sind seine zahlreichen Figu-
j ren, wie künstlerisch durchgeführt die Köpfe im anmuth-
vollen Ornamcnt und Rahmen! Bis 1447 ließ er sich
dabei Zeit, ja ganz vollcndct wurdc das Wcrk erst 1456,
ein Jahr nach seinem Tode.

Bekanntlich crklärte Buonarroti diese ehernen
Thore für würdig, die Pforten des Paradiescs zn
scin. Er durfte noch mehr sagcn: cr selbst wärc ohne
den Anblick vicser Thüreu nicht jcncr Michcl Angclo
gcworvcn, der in dcr Siptina daS stingstc Gericht so
allgewaltig malte; und Naffael, hervorgcgangen ans
der zarten, idealcn umbrischcn Schnle, hätte ohue diesc
kräftigen florentinischen Vorbilver sich nicht zum Meistcr'
der Stanzen und Kartons zu den Tapeten erhobcn.

Dieses vorausgcschickt, kommcn wir nun zum Pro-
granim für die Bronzeportalc des Kölncr Doms, deren
scenische Momente nicht so schnell entworfen sind. Es
handelt sich darum, daß die Auffassnng auf der'
Höhe der Zeit stehe und dem folgendcn Jahr-
tausend genüge. Wo läßt sich das großartige Drani"
unseres welthistorischen Hervortretens in der Christenheii
im feierlichen Ernste so zur Anschauung bringen, wic
hier? Gehören wir Deutsche nicht auch zum christlicheN
Gemeinwcsen, und wo soll unser Antheil am Leben Mid
Wachsthum dcr Kirche, wo das heilige römische Neich
deutscher Nation in seinen Kämpfen und Siegen zM'
Darstellung gelangen, wenn nicht an unscrer über Alles
erhabenen Kathedrale? Es handelt sich nicht bloß uM
eine erzbischöfliche Kirche am Nhein, sondern um d"s
volleudetste Meisterwerk dcs christlichen Tempclbaiies
überhaupt. Die ganze deutsche Natiou hat sich
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